Gefangene bauen zeitgleich

Sonderausstellung „Vom Erbfeind zum Freund“ ab dem 17. Juli im Oberkochener Rathaus

Deutsche und französische Kriegsgefangene haben nahezu gleichzeitig vor 100 Jahren im jeweils anderen Land große Stollen gegraben. Darauf ist der Oberkochener Heimatforscher Dietrich Bantel gestoßen. Schon lange beschäftigt er sich mit dem Osterbuchstollen.

„Der 2. Oktober 2009 war für mich der Tag eines prägenden Schlüsselerlebnisses“, erzählt Dietrich Bantel. Als Mitglied einer Oberkochener Delegation besichtigte er die 15 Kilometer von Dives-sur-Mer entfernte Quelle „Caudemuche“. Dabei erfuhr er, dass die Quellfassung, die die französische Partnerstadt mit Wasser versorgt, vor 100 Jahren von deutschen Kriegsgefangenen gebaut worden ist. Der Keilstein über dem Stolleneingang trägt die Jahreszahl 1915.

„Mich traf diese Information wie ein Blitz, denn seit demnächst dreißig Jahren beschäftige ich mich mit unserem Osterbuchstollen, der einen wesentlichen Teil der noch unter König Wilhelm II. geplanten Landeswasserversorgung darstellt“, so Dietrich Bantel. Der Bau des Wasserleitungsstollens, der nunmehr verrohrt wird, war durch den Ausbruch des ersten Weltkriegs unterbrochen und dann mitten im Krieg durch französische Kriegsgefangene weitergeführt worden.

Das Lothringer Kreuz und der Stollen-Aushub im hinteren Wolfertstal, von den Einheimischen Stollen genannt, sowie das „Wasserhäusle“, erinnern bis heute an dieses gewaltige Unternehmen. „Für mich grenzte dieses urplötzliche normannische Erlebnis an ein unvermittelt aus heiterem Himmel gefallenes symbolisches Wunder“, erklärt der Oberkochener Heimatforscher. Denn in derselben Sekunde habe ihn der Gedanke durchzuckt, dass der Osterbuchstollen zwischen Oberkochen und Dauerwang zeitgleich von französischen Kriegsgefangenen erbaut sein musste, während der Diver Wasserleitungsstollen von deutschen Kriegsgefangenen gebaut wurde.

„Die Sonderausstellung des Heimatvereins und der Stadt Oberkochen belegt anhand ausgesuchter Exponate, einigen 100 Jahre alten und aktuellen Fotos sowie Texten, wie aus den uralten Feinden Freunde geworden sind“, sagt der Kulturbeauftragte der Stadt Oberkochen, Reinhold Hirth, der für die Organisation der Ausstellung im Rathaus verantwortlich zeichnet.

Bürgermeister Peter Traub wird am Donnerstag, 17. Juli, um 19 Uhr den einführenden Vortrag halten. „Wir haben jüngst dreißig Jahre Städtepartnerschaft gefeiert, nun gesellt sich ein 100 Jahre altes Symbol der heutigen deutsch-französischen Partnerschaft und Freundschaft zwischen Oberkochen und Dives hinzu“, sagt Dietrich Bantel.

Am 17. Juli wird im Oberkochener Rathaus die Ausstellung der Landeszentrale für politische Bildung mit dem Titel „Der erste Weltkrieg, Abschiede und Grenzerfahrungen“ eröffnet. Lokale und städtepartnerschaftliche Bedeutung erhält dieses Ereignis durch die Sonderausstellung „Vom Erbfeind zum Freund“, für die der Oberkochener Heimatforscher und Ehrenbürger Dietrich Bantel die Initialzündung gegeben hat.

Lesen Sie dazu auch Bericht 629 unter Punkt 4b auf dieser Homepage.

Lothar Schell, Schwäbische Post

Französische Kriegsgefangene müssen im Ersten Weltkrieg den Osterbuchstollen bei Oberkochen graben. (Foto: privat)

 

Zur gleichen Zeit haben deutsche Kriegsgefangene die Quellfassung in Caudemuche bei Dives-sur-Mer gegraben. Hier eine Delegation aus Oberkochen bei der Besichtigung. (Foto: privat)

 

 
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