Ein Abschied mit Wehmut

Ein Stück Heimatgeschichte: Viele Erinnerungen hängen am 62 Jahre alten „Kindi“ im Wiesenweg

Das neue Kinderhaus ist bezogen, die Kinder sind umgesiedelt, der alte „Kindi“ ist bald Geschichte. Das Gebäude ist stark marode geworden. Im Dezember soll es abgerissen werden. Viele Erinnerungen bleiben zurück. Auch die von Wilfried „Billie“ Müller, der im gleichen Jahr geboren wurde wie der Kindergarten. Also 1952.

Dieses Bild ist bald Geschichte: Der alte „Kindi“ im Wiesenweg wird bald abgerissen. Für viele Oberkochener ist er mit Erinnerungen verbunden. (Foto: ls)

„Der Ort verändert sich, wie wir auch“, sagt „Billie“ Müller, Oberkochener Hausgeburt vom Sonnenberg 34. „Vielen Oberkochenern wird es gehen wie mir, mit dem Abriss wird an unseren Emotionen gerüttelt. Alte Erinnerungen kommen hoch.“

Der alte „Kindi“ im Wiesenweg ist ein gutes Stück Oberkochener Heimatgeschichte. Im Heimatbuch ist zu lesen, dass im Oktober 1910 in der Verantwortung von Franziskaner-Schwestern im unteren Schlafsaal des Schwesternhauses für 14 316 Mark eine „Kleinkinderschule“ eingerichtet wurde. Die Franziskanerinnen wirkten bis ins Jahr 2003. Die Nachkriegsjahre und die rasante Zunahme der Bevölkerung auf 3700 Einwohner im Jahre 1950 führten bei 180 zu betreuenden Kindern zu sehr beengten Verhältnissen. So zogen die Kinder mit ihren Schwestern am 7. Dezember 1952 in den neuen städtischen Kindergarten am Wiesenweg ein. „Für viele wurde der Wiesenweg ein Ort, an dem sie wichtige Jahre ihrer Kindheit verbracht haben, wie auch ich“, sagt Wildfried Müller, der seit 1969 bei der Firma Leitz arbeitet und seit 2006 für den Heimatverein Amtsblatt-Geschichten schreibt.

Im alten Kindi gab es sogar ein ordentlich großes Planschbecken. Es lockte zu vielerlei Wasserspielen. (Foto: privat)

 

Auch „Wüaschtgläubige“ beteten katholisch

„Städtisch“ hieß der Kindergarten auf dem Papier. „Er war nicht liberal-modern geführt, sondern schon eher katholisch streng“, berichtet Müller im Gespräch mit dieser Zeitung. Dafür sorgten schon die Schwestern aus dem Franziskaner-Orden des Klosters Reute. Die Altvorderen erinnern sich an Schwestern wie Thomasella, Aspedia, Konfriede, Leonarda und Juventina, die dafür sorgten, dass Zucht und Ordnung herrschte.

„Es war ein städtischer Kindergarten, aber katholisch geleitet“, sagt „Billie“ Müller. Den Spitznamen hat er aus seiner Schulzeit. Natürlich durften „Wüaschtgläubige“, also die protestantischen Kinder, auch in diesen Kindergarten gehen. Aber gebetet wurde katholisch, was für manche evangelische Ohren seltsam und bedrohlich geklungen habe.

Auch an für heutige Verhältnisse undenkbare Methoden erzieherischer Maßnahmen wie „’s Ohrläppchen-Ziehen“ oder der „Handfeger“ von Schwester Thomasella erinnert sich Müller. Ernährungswissenschaftlich seien die Schwestern ihrer Zeit voraus gewesen. So wurde dafür plädiert, den Apfel samt dem „Apfelbutzen“ zu essen. „Ich pflege heute noch den Apfel bis zum Stiel zu essen, Erziehung schlägt durch“, lacht der ehemalige „Kindi-Fan“ vom Wiesenweg.

Ein klassischer Höhepunkt im Kindergartenjahr sei der Besuch vom damaligen Bürgermeister Gustav Bosch gewesen. Dazu wurden einstudierte Vorführungen geboten und vom „eisernen Gustav“ mit den besten Oberkochener Brezeln vom „Storchenbäck“ belohnt.

Hier war das Gebäude noch im Rohbau; bezogen wurde es 1952. (Foto: privat)

Bis 1962 wurden in der Adventszeit auch die Altennachmittage im Kindergarten abgehalten. „Mit Bratwürscht’ und Salat, für die Herren gabs als Geschenk eine Zigarre und für die Damen Schoklad“, erinnert sich Wilfried Müller. Im Sommer stand der gemeinsame Ausflug, eine Mischung aus Wanderung und Wallfahrt, nach Maria Eich bei Ebnat auf dem Programm, natürlich über den Römerkeller. „Schwester Thomasella keuchte und schwitzte sich mit den Buben und Mädchen den Berg hinauf“, sagt „Billie“ Müller und er fügt hinzu: „Ich glaube, dass viele Kinder heute mit einer solchen Wanderung völlig überfordert wären.“

Auch den „heiligen Schrank“ habe es im alten Kindi gegeben. Dort hatten die Schwestern alle möglichen und unmöglichen Dinge aufbewahrt. Diesen Schrank gibt es heute noch und Müller ist gespannt, „wo das heilige Ding im neuen Kinderhaus seinen Ehrenplatz bekommen wird“. Der knitze Müller lässt nicht außen vor, dass er den Wiesenweg nur ein halbes Jahr besuchte und dann jeden weiteren Besuch verweigert hat. „Es war wohl das Verpetzen in der Gruppe, das mir nicht gefallen hat und so beschloss ich, statt in den Kindergarten lieber in den Wald zu gehen“, blickt er lachend zurück. Nach ein paar Tagen fiel das Schwänzen auf.

Viel lieber holte er sich danach seine Sozialkompetenz in der Sonnenbergstraße, denn da gab es mit den Schröders, Bauers und Hubers fast so viele Kinder wie in einer Kindergartengruppe.

Ein ungewohntes Bild werde es sein, wenn das von vielen Generationen besuchte Gebäude, der alte „Kindi“ im Wiesenweg dem Erdboden gleichgemacht sei. Natürlich sehe das neue Kinderhaus im Vergleich zu dem bescheiden anmutenden Vorgängerbau imposant aus. „Aber wir werden uns daran gewöhnen müssen, denn viele Kinder benötigen viel Platz und die moderne Pädagogik benötigt sicherlich auch den ihr zustehenden Raum“, blickt „Billie“ in die Zukunft.

Lothar Schell, Schwäbische Post

Lesen Sie auch unseren Bericht 635 „Es war einmal – Der Kindergarten im Wiesenweg“

 
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