Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 734
 

Meilensteine Teil 2b – Die 60er Jahre

 

1964 im Jahr des Drachen – Buddhistischer Kalender 2508

Welt. 

In Japan ging der „Shikansen“ auf die Schiene und in den USA ein Kult-Auto auf die Straße: Der Ford „Mustang“ – eines der Traumautos meiner Kindheit, und zwar in rot. Die Programmiersprache „Basic“ wurde entwickelt. Die „Beatles“ standen in den US-Hitlisten auf Platz 1,2,3,4 und 5 – unglaublich („Can't Buy Me Love“; „Twist And Shout“; „She Loves You“; „I Want To Hold Your Hand“; „Please Please Me“). Martin Luther King bekam den Friedensnobelpreis und Cassius Clay wurde Weltmeister gegen den Favoriten Sonny Liston und nannte sich kurz darauf Muhammad Ali.

 

Deutschland. 

Willy Brandt wurde für die nächsten 23 Jahre SPD-Vorsitzender. Heute geben sie sich fast im Jahrestakt die Klinke in die Hand und wer da heutzutage alles mal ran darf: Wer will nochmal, wer hat noch nicht. Den Vorrang der Fußgänger auf dem Zebrastreifen (den es seit 1952 gibt) gegenüber den Autos gab es ab dem 1. Juni. In Köln wurde auf dem Bahnsteig der Millionste Gastarbeiter begrüßt und, sehr irritierend für ihn, mit einer „Zündapp“ beschenkt. Eine winterliche Tragödie – Barbie Henneberger, eine der besten Ski-Sportlerinnen, die Deutschland je hatte, wurde bei Filmaufnahmen von einer Lawine erfasst und getötet. Sie war damals die Freundin von Willi Bogner, die Verlobung stand kurz bevor. Die neue Fußballbundesliga kürte ihren ersten Deutschen Meister. Der 1. FC Köln wurde Erster vor dem Meidericher SV. Cliff Richard eroberte den Schlagerhimmel mit „Rote Lippen soll man küssen“.

 

Oberkochen. 

1) Das Jahr begann mit einem Schlittenunfall auf der Volkmarsbergstraße. Drei Schüler fuhren in „Kette“ den Berg hinunter und ein PKW den Berg hinauf. Die Schlittenfahrt endete für die Schüler im Krankenhaus. 2) Die Männer der Faustballabteilung des TVO wurden Gaumeister. Alte sportliche Herren pflegten das Spiel noch wöchentlich in der Sporthalle über dem „Aquafit“ bis das Corona-Virus kam. 3) Die Briefmarkensammler von Carl Zeiss waren eine rege Gruppe. Der Aalener Händler Böttiger hielt einen Vortrag „Hobby oder Spekulation“. Der Vortrag lieferte letztlich keine Antwort. So will ich das heute tun: Ein teures Hobby, bei dem Geld versenkt wird. Ich selbst bekam mal die Antwort eines Nürnberger Händlers. Sie lautete L.L.L. Auf Rückfrage erklärte er „Lange liegen lassen“ und hoffen. 4) Das Kino lief immer schlechter, wohl wegen des neuen Mediums Fernsehen und vermutlich auch wegen zu viel Konkurrenz aus Aalen. Daraufhin vermietete Albert Schleicher einen Teil an Ruth Schütze, die mit ihrem Reformhaus im alten Eingangsbereich einzog und das Kino verpachtete er nochmals für 4 Jahre an Hans Kampmüller. 5) Die Ortsbibliothek bestand seit 5 Jahren und hatte sich mit rund 3.000 Buchtitel und 900 eingetragenen Lesern gut entwickelt. Die absoluten Renner waren Karl May und Jim Knopf. 6) Carl Zeiss baute einen modernen Gebäudekomplex, bestehend aus einem 4-, 7- und 11-geschossigem Gebäude, in dem neben Büros auch ein Speise- und Vortragssaal für 600 bzw. 1.100 Personen Platz findet. Der Speisesaal bekam auch eine Bühne, sodass nun kulturelle Veranstaltungen für die Bevölkerung möglich wurden. 7) Ein sportlicher Höhepunkt waren die württembergischen Leichtathletik-Jugend-Meisterschaften. In den Ergebnislisten standen zwei Oberkochener Sportler: Monika Gebert mit 8,29 M im Weitsprung und Paul Fischer mit 10:13:08 Min im 3.000 M-Lauf.

 

Württembergs Leichtathletik-Jugend misste sich in Oberkochen (Archiv Rathaus)

 

Die neue Mögel’sche „Kochertal-Apotheke“ (Archiv Rathaus)

 

 8) Wir bekamen mit der Kochertalapotheke von Werner Mögel eine zweite Apotheke. Beide bestehen bis heute in der Heidenheimer Straße. 9) Und jetzt eine Headline, die mich wirklich bei der Recherche mehr als belustigt hat: „Auf der Heide werden über 5.000 Menschen wohnen und 1986 rechnete man mit 15.000 Einwohnern in der Gemeinde“. Da waren wohl sehr optimistische Rechner ohne Drei-Satz-Kenntnisse unterwegs oder Politiker mit übersteigerten Visionen. Vielleicht wurde ja auch eine Art moderne Käfighaltung geplant J. 2020 wohnten auf der Heide gerade mal 1.570 Menschen und 2019 in der gesamten Stadt wohnten 7.922 Menschen. 10) Carl Zeiss gewann in London bei einem Berufungsgericht wieder Mal einen Prozess wegen der Namensrechte – eine endlose Geschichte. 11) Die TVO-Leichtathleten wurden im württembergischen Landesverband Zweiter der Mannschaftsmeisterschaft. 12) Polizeimeister Alois Fuchs (der mich in meiner wilden Zeit auch einmal verhört hatte) wurde in den Ruhestand verabschiedet. 13) und eine weitere Primiz stand an – die von Karl Fischer.

 

Mein Nachbar, Polizeimeister Fuchs, Fuchs wird in den Ruhestand verabschiedet (Archiv Rathaus)

 

Primiz von Karl Fischer (Archiv Rathaus)

 

Meine kleine Welt. 

Bei uns zuhause wurde immer „Mainz bleibt Mainz“ geschaut und in diesem Jahr war die Sendung etwas besonders. Ernst Neger (Neeeesch’r) sang zum ersten Mal sein „Humba Humba Humba Tätera“, der Saal tobte, die Sendung überzog um eine ganze Stunde, das Volk war bei einer Sehbeteiligung von 90% !!! entzückt und ein Hit war geboren, der bis heute nachwirkt. Aufgrund eines Lausbubenstreiches hatte ich erstmals Kontakt zur Staatsmacht in Person von Alois Fuchs, dem Polizisten aus der Nachbarschaft von gegenüber – ging glimpflich aus. 

 

1965 im Jahr der Schlange – Französischer Revolutionskalender 173/174

 

Welt. 

In New York wurde Malcolm X ermordet und Lyndon B. Johnson vereidigt. Der Nachrichtensatellit „Early Bird“ startete ins All und wurde später auch ein Instrumentalhit von „André Brasseur“. Der Posträuber Ronald Biggs floh aus dem Gefängnis. Presse und Bevölkerung verhehlten ihre Freude nicht. Albert Schweizer, einer der letzten Universalgelehrten starb in Lambarene (Gabun). Ein beeindruckender Mensch, der zwei Universitäts-Studien absolvierte und dann nach Afrika ging, um ein Krankenhaus zu errichten und gleichzeitig eine Stimme in der Welt hatte. Solche Menschen fehlen heute mehr denn je. Die Weltbevölkerung überschritt die Marke von 3 Milliarden – heute stehen wir bei fast 8 Milliarden. Zu Zeiten Jesu gab es ca. 200 Millionen Menschen auf unserer Erde.

 

Deutschland. 

Der Wohlstand brach auch für die Wehrdienstleistenden aus J. Sie erhielten nun 2,70 DM täglich anstatt bisher 2,30 DM. Die Bundesbahn ließ erstmals einen Schnellzug zwischen München und Augsburg schneller als 200 km/h über die Gleise fahren. In diesem Jahr gewann Werder Bremen vor dem 1. FC Köln die Fußballmeisterschaft. Am 25. September ging der Beat-Club auf Sendung. Mein Superhit des Jahres lief in der Musikbox im Eiscafe „Italia“ rauf und runter: Nini Rosso mit „Il Silenzio“. Kurz vor Weihnachten wurden die „Scorpions“ gegründet.

 

Oberkochen. 

1) Es herrschte eine „Saal-Not“ in unserer Gemeinde, denn 30 Vereine brauchten Platz für ihre Veranstaltungen. Diese Not sollte bald ein Ende haben, denn dann standen der neue Bürgersaal, das Foyer im Rathaus, das Rupert-Mayer-Haus und der neue Carl-Zeiss-Saal zur Verfügung. 2) In Chicago wurde ein Mord verübt und was geht das Oberkochen an? Die ehemalige Oberkochnerin Maria Holzer geb. Reichenbach wurde dort von ihrem Ehemann erdrosselt. 3) Walter Liebmann, wohnhaft in der Gartenstraße 19, wurde 80 Jahre alt. Er war ein weltweit anerkannter geschätzter Entomologe und wurde wegen seiner Verdienste zu einem Empfang ins Ulmer Rathaus eingeladen. 4) Es war soweit. Wir hatten unsere erste italienische Eisdiele bekommen. Es eröffnete unter dem Namen „Italia“ unter der Führung von Floriano Arnoldo. 

 

Der Chef, Floriano Arnoldo, mit Kellner Renato aus Santa Croce del Lago (Archiv Rathaus)

 

5) Der Fabrikant Otto Bäuerle starb völlig unerwartet im Alter von 63 Jahren 6) Die deutschen Junior-Boxmeisterschaften wurden vom BCO ausgerichtet. Der Oberkochner Günter Harner, der für den VfR Aalen startete gewann seinen Kampf. 7) Der FCO machte es dieses Mal besonders spannend. Drei Mal musste er um den Klassenerhalt in der II. Amateurliga gegen die Wiblinger antreten und im dritten Spiel erlöste Kovacevic seine Mitspieler und die Anhänger. 8) Der TVO wurde Meister in seiner Klasse und stieg in die A-Klasse auf. 9) Der Sängerbund feierte als ältester weltlicher Verein sein 125jähriges Bestehen. 10) Der Tausendsassa Julius Metzger wurde nun auch FCO-Vorsitzender 11) Ludwig Erhard sprach während deiner Wahlkampfreise, die er mit einem Sonderzug bestritt, auf dem Bahnhofsplatz vor 3.000 Zuschauern. 

 

Richtfest des neuen Rathauses am Eugen-Bolz-Platz (Archiv Rathaus)

 

Ludwig Erhart und Julius Metzger – die Veranstaltung fand vor dem Bahnhof statt (Archiv Rathaus)

 

Der Sängerbund feierte sein großes 125jähriges Jubiläum (Archiv Rathaus)

 

12) Das neue Rathaus feierte sein Richtfest. 13) Und der TVO wollte es dieses Jahr wissen – Junge und Alte wurden aktiviert, um die Krone der Mannschaftsmeisterschaft zu erringen, was dann auch mit 473.795 Punkten eindrucksvoll gelang. Erfolgreichster Athlet war Siegbert Wolf, der u.a. die 100 Mtr. in 10,7 Sek. die Bahn entlang sauste. Das war schon was. Herauszuheben wären da noch Anton Trittler mit 11,5 Sek. auf 100 Mtr. Frank Hillje war gut im Hochsprung und im Speerwurf und Eberhard Kolb konnte nicht nur gut Skifahren, sondern auch im Stabhochsprung war er als Anfänger recht ordentlich. Nicht zu vergessen Monika Gebert, die schon recht beständig agierte. 14) Die Tiersteinschule wird im November eingeweiht. 15) In der Heidenheimer Straße ereignete sich ein schwerer Unfall.

 

Die neue Tiersteinschule (Archiv Rathaus)

 

Schwerer Unfall in der Heidenheimer Straße 1963 (Archiv Müller)

Meine kleine Welt. 

Ich hatte für mich eine neue kleine Welt gefunden – das Eiscafe „Italia“ mit einer Musikbox. Meine geliebte Portion Zitroneneis kostete funfunffunzig Pfennige – ein Zungenbrecher für Rosa. Ansonsten begann der Beat mit den Rolling Stones, den Beatles, den Beach Boys, den Kinks, den Who u.v.a. mich stark zu beeinflussen und am Lernen zu hindern. 

 

Das Eiscafe „Italia“ von innen (Archiv Rathaus)

 

1966 im Jahr des Pferdes – Bengalischer Kalender 1372/73

Welt. 

Die Roten Garden führten die Kulturrevolution in China an. John Lennon fand die „Beatles“ populärer als „Jesus“. Wir standen im Endspiel gegen England in Wembley und verloren durch einen bis heute umstrittenen Elfmeter mit 4:2.  Den Namen des schweizerischen Schiedsrichters kenne ich heute noch: „Gottfried Dienst“ hieß der Mann, der sich von dem russischen Linienrichter „Tofiq Bharamov“ umstimmen ließ. Statt Eckball gab er nun Tor und das war’s.

 

Deutschland. 
Der „Alte“ Rosenzüchter vom Rhein, Konrad Adenauer, wurde 90 Jahre alt. Ein Wunder, dass er nicht mehr Bundeskanzler war. Bei Duisburg erschien ein Wal im Rhein, den die Presse „Moby Dick“ taufte. Die erste GroKo zwischen CDU/CSU und SPD startete unter dem Kanzler Kurt Georg Kiesinger. Der Abenteurer und Seeteufel Graf Felix Luckner starb im Alter von 85 Jahren. Eine lebende Legende und ein Teufelskerl war er schon, solche Männer gibt’s heute nicht mehr.  70jährig konnte er noch in Sekunden das 3.000 Seitenstarke Telefonbuch von New York zerreißen. Der hätte den Seewolf Raimund Harmsdorf mit seinem Kartoffeltrick alt aussehen lassen. Im Fernsehen startete die Raumpatrouille mit Dietmar Schönherr als Major der „Orion“ und der Musik von Peter Thomas. Siegfried Held von Borussia Dortmund war der erste Schütze an der Torwand im „Aktuellen Sportstudio“. Dortmund holte den Europa-Pokal der Pokalsieger und gewann 2:1 gegen den FC Liverpool. Die deutsche Fußballmeisterschaft errang der TSV 1860 München vor Borussia Dortmund. Im Tor stand der unvergessene Petar Radencovic, der die Rolle des Torhüters sehr frei interpretierte (Bin ich Radi, bin ich König, alles andere interessiert mich wenig….). Das war’s dann für die 60er. Und das alles nur wegen einer Watschn, die der Beckenbauer von einem 60er bekam und so ging er zu den Bayern und wurde Kaiser, obwohl sein Herz am Arbeiterverein aus Giesing hing. Wie das Leben so spielt. Karl Mildenberger machte gegen Muhammad Ali den Kampf seines Lebens, verlor aber dennoch. Nummer 1 der Hitparade war „Al Martino“ mit „Spanish Eyes“. Bert Kämpfert schrieb das Lied und Freddy Quinn sollte es ursprünglich singen. Es kam aber anders und Freddy ist bis heute der Meinung, dass ihm dadurch eine Weltkarriere versagt blieb. 

 

Oberkochen. 

1) Carl Zeiss hatte landesweit gesehen eine der modernsten Industriebibliotheken mit über 40.000 Fachbüchern und 350 Zeitungsabos eingerichtet. 2) Der Alt-Bürgermeister Richard Frank ist 86-jährig und der Fabrikant Wilhelm Grupp 68-jährig verstorben. 3) Die Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins war seit Freigabe des Turmes sehr aktiv und entwickelte sich positiv weiter. Das Jahr über konnten 4.314 Karten zur Turmbesichtigung verkauft werden. 4) Die Fritz-Walter-Elf spielte in Oberkochen vor 2.000 Zuschauern gegen eine verstärkte FCO AH-Auswahl und gewann standesgemäß 12:2. Der „Gutheißa-Done“ hat bis zu seinem Tod immer gerne den signierten Fußball von damals gezeigt und erzählt, wie das damals war. Die Männer, die an diesem Tag auf Seiten des FCO dem Ball nachjagten, waren: Linder (FCO), Gutheiß (FCO), Beißwenger A. (FCO), Stöffler (Normannia Gmünd), Schäffauer (08 Unterkochen), Metzger (FCO), Schürg (SSV Aalen), Betzler W. (TVO), Beißwenger (Normannia Gmünd), Schröder (FCO) und Benz (VFL Heidenheim).

 

Die Hebamm‘ vom Brunkel – Theresia Holz (Archiv Rathaus)

 

5) Theresia Holz, die Hebamm‘ vom Brunkel feierte ihren 90. Geburtstag. 6) Die Mannschaft des Schachvereins stieg wieder in die Landesliga auf 7) Der FCO konnte erfolgreich die Klasse halten und gleichzeitig sein 10-jähriges Bestehen feiern. 8)  Und in der Presse stellte man sich die Frage: Wann boxt der BCO vor leerem Haus? Es war der letzte Versuch Kämpfe in Oberkochen zu veranstalten, aber 47 Zuschauer, davon 24 aus Aalen waren eine klare Ansage der hiesigen Bevölkerung. 9) Der beliebte „Gruppa-Paul“ aus der Dreißentalstraße, Besitzer des dortigen Schuhgeschäftes kam bei einem Autounfall in Unterkochen ums Leben. Die Familie und die ganze Gemeinde waren geschockt. 10) Die Volksbank weihte nach einem größeren Umbau die hiesige Niederlassung in der Aalener Straße 2 ein. Das „Gesicht“ dieser Bank war für eine sehr lange Zeit die Rosmarie Grupp. 11) Im Planetarium in München (Deutsches Museum) wurde der millionste Besucher empfangen und nach Oberkochen zu einer Werksführung eingeladen. 12) Jetzt gab es neben der alten CDU auch eine Junge Union bei uns. Die wurde natürlich im „Fattikan“ – in d‘r Grub‘ – gegründet. Chef der Truppe wurde Bruno Balle mit seinen Vertretern Gunther Böker und Walter Bauer. 13) Wagenblast baute im Brunkel und 14) Raumausstattung Brenner eröffnete in der Heidenheimer Straße ein neues Geschäft 15) und auf dem Volkmarsberg feierte der alte Brauch des Nusszwicks fröhliche Urständ.  16) Im Forstamt wechselte der Chef – Oberforstrat Walter Pfizenmayer ging und Forstrat Karl Schurr übernahm. 17) Richtfest des Rupert-Mayer-Hauses – Pfarrer Forster war wohl in diesen Jahren ständig mit Feiern dieser Art beschäftigt. Alles brauchte den Segen von oben. 18) Im Stadion wurde das 1. Leichtathletikfest der Oberschulen durchgeführt.

 

Michael Knopf beim Weitsprung – einer unserer Besten (Archiv Rathaus)

Meine kleine Welt. 

Fußballerisch war dieses Jahr für mich sehr markant. Zuerst wurde ich Fan von Borussia Dortmund, weil Stan Libuda für den Gewinn des Europacups sorgte und ich das am Fernsehen verfolgen durfte und dann natürlich die WM in London. Ich weiß das noch ganz genau. Die Männer bauten im Garten am Sonnenberg eine neue Hangmauer, die heute noch steht, und versprachen uns, bis zum Endspiel fertig zu sein. Dann nahm das Drama am Fernseher seinen Lauf und für meinen untröstlichen Bruder Harald, damals 8 Jahre jung, brach die Fußballwelt zusammen. Auch erinnere ich mich noch genau an die 0:1 Niederlage der Italiener gegen Nordkorea. Sie überraschten die Azzuri mit einer völlig neuen Taktik: 10 Mann stürmten und 11 Mann verteidigten. Das war zu viel für die hochgelobten Ballkünstlern aus dem sonnigen Süden. In den Sommerferien trat ich, obwohl erst 14jährig zum ersten Mal einen Ferienjob an. Für 2 DM arbeitete ich 3 Wochen lang in der Aluminiumgießerei Egerter in der Aalener Straße (heute Axel Wirth Maschinen GmbH). Danach hatte ich mein erstes Kofferradio, einen Grundig Concert Boy 206, selbst erarbeitet. Ein gutes Gefühl. Im Frühjahr hatte ich schon begonnen für einen Stuttgarter Zeitungsverlag in Oberkochen Zeitungen auszutragen. Das war ein einträgliches Geschäft und die Abonnenten geizten selten mit Trinkgeld – besonders bei Regen, Schnee und Eis und in der „Azzvenz-Zeit“.

 

1967 im Jahr der Ziege – Äthiopischer Kalender 1959/60

 

Welt. 

In Israel fand der 6-Tages-Krieg statt. In Kapstadt führte Prof. Barnard die erste Herztransplantation durch. Das „Dschungelbuch“ startete in den US-Kinos und Creedence Clearwater Revival sowie Procul Harum wurden gegründet.

 

Deutschland. 

Das Atomkraftwerk Gundremmingen ging ans Netz. Konrad Adenauer, eine Art demokratischer Kaiser, starb 91jährig und bekam ein Staatsbegräbnis. Beim Staatsbesuch des Schah von Persien in Berlin trafen Demonstranten und Polizei aufeinander – der Student Benno Ohnesorg wurde dabei erschossen. Der folgende Freispruch sorgte mit für eine Ausbreitung und Radikalisierung der Studentenbewegung. Das Farbfernsehen startete im Sommer. Ein Showmaster musste gehen – Lou van Burg und ein neuer betrat die Fernsehwelt – Rudi Carrell. Fußballmeister wurde völlig unerwartet die Jägermeister-Elf aus Braunschweig, vor den 60ern aus München. In der Jahreshitparade war die „Schiwago-Melodie“ mit dem „Orchester Maurice Jarre“ ganz vorne.

 

Oberkochen. 

1) Ab diesem Jahr gab es ein 9. Schuljahr für die Schüler. 2) Wir bekamen den ersten DSV-Skiwanderweg auf dem Volkmarsberg. 3) Carl Zeiss stiftete den Walter-Bauersfeld-Gedächtnispreis für einmalige Leistungen auf dem Gebiet der Ingenieurwissenschaft in Höhe von 25.000 DM. 4) Jetzt gab es auch eine FDP-Ortsgruppe. Hauptstreitpunkt bei der Gründung war die Frage: Wo steht die FDP liberal links oder liberal in der Mitte – man wollte gleichweit von links und rechts entfernt sein. 5) Der SVO veranstaltete ein Schwimmfest für 100 Kinder, bei dem natürlich wieder die Büttner-Brüder herausstachen.

 

Schwerer Unfall auf der B19 – das kam damals relativ häufig vor (Archiv Schwäpo)

 

6) Und wieder gab es einen schweren Unfall mit 2 Toten und 4 Schwerverletzten zwischen Oberkochen und Königsbronn. Gaffer gab es damals schon, Fotografen waren immer schnell zur Stelle, Namen der Betroffenen wurden ohne Probleme veröffentlicht – nur gut, dass es noch keine Smartphones und kein Internet gab. Aber die Fotos fanden trotzdem im Rahmen einer detaillierten Berichterstattung den Weg in die Öffentlichkeit. 7) Die Realgenossenschaft feierte ihr 100jähriges Bestehen. 8) Das alte Rathaus musste weichen – eine Bank brauchte diesen Platz. 

 

Das alte Rathaus wird abgerissen – heute Standort der VR Bank (Archiv Rathaus)

 

9) In der II. Amateurliga trafen die Lokalrivalen Oberkochen und Unterkochen aufeinander. Leider verlor der FCO, und das gleich 0:5 – wie so oft in diesem Kräftemessen (so ist es zumindest in meiner Erinnerung verankert). 10) Bei den Kreismeisterschaften glänzten unsere Leichtathleten Michael Knopf mit 6,41 Mtr. im Weitsprung und 13,18 Mtr. im Dreisprung sowie Frank Hillje mit 1,75 Mtr. im Hochsprung, und 47,54 Mtr. im Speerwurf sowie den zweiten Platz im 110 Mtr. Hürdenlauf – das waren schon Kerle.

 

Die TVO Titelgewinner der Kreismeisterschaften
v.l.n.r.: Ilse Mangold, Christina Straube, Martina Greiner, Frank Hillje und Monika Gebert

 

11) Der FCO verabschiedete sich mal wieder aus der II. Amateurliga; bei 5 Absteigern war es schon schwierig die Klasse zu halten. 12) In der Presse beklagte man die sinkenden Zahlen bei den PKW-Zulassungen. Im Kreis Aalen gab es damals knapp 24.000 Autos, sprich jeder fünfte Bürger hatte ein Auto. 1952 dagegen konnte nur jeder 50. Bundesbürger ein Auto sein eigen nennen. Dafür, dass Kaiser Wilhelm II. wörtlich sagte: „Das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung. Ich glaube an das Pferd“, hat das Gefährt doch eine gewaltige Entwicklung genommen. Jedoch, vielleicht wird er doch noch Recht behalten, wenn wir einen sehr viel längeren Zeitraum in Betracht ziehen J12) Die B19 zwischen Oberkochen und Aalen wurde eröffnet. In einer Bauzeit von 4 Jahren mussten 15 Brückenbauwerke erstellt, Häuser abgerissen und der Kocher verlegt werden. Der ganze Spaß kostete 24 Mio. DM. 13) Die Oberkochner Bauern verabschiedeten Franz Balle als ihren „Chef“ und wählten Hans Gold (Schmidjörgle) zu seinem Nachfolger. Immerhin gab es noch 28 bäuerliche Betriebe, die 400 Ha bearbeiten mussten und trotz EWG und Industrialisierung war der Tenor „Wir lassen den Mut nicht sinken“. 14) Das neue Rupert-Mayer-Haus wurde eröffnet. 15) Der SVO hielt seine Vereinsmeisterschaften ab. War eh klar: Die besten Schwimmer waren wieder einmal Harald und Gerard Büttner sowie Eberhard Haag. 16) Jetzt kommt eine besondere Story. Firma Oppold und ein Gewerkschaftsstreik. Da lagen die Nerven bei allen blank. Der Betriebsratsvorsitzende Wilhelm Bretz wurde entlassen und später wiedereingestellt. – ein einmaliger Vorgang in der örtlichen Industriegeschichte. Die Belegschaft veranstaltete danach einen Schweigemarsch durch den Ort, die Verhandlungen gingen dann weiter und am Schluss stand letztendlich doch eine Einigung. 17) Das Rathaus-Hotel feierte sein Richtfest und das Ehepaar Leiendecker übernahm als erste Pächter und das neue Rathaus wurde mit allen, die Rang und Namen hatten, feierlich eingeweiht. Und sogleich wurde die erste Trauung vollzogen. Braut und Bräutigam waren Heidrun Hug und Johannes Kochendorfer. 

 

Das neue Ensemble Rathaus und gleichnamiges Hotel im Winterkleid (Archiv Rathaus)

 

Keine Einweihung des neuen Rathauses ohne die örtlichen VIPs
v.l.n.r.: Anton Hauber, Josef Marschalek, Willibald Mannes, Pfarrer Konrad Forster, Karl Renner, Josef Krok, Otto Schwarz, Rektor Georg Hagmann, Oskar Strohmaier

 

18) Der BCO feierte mit einem großen Bunten Abend (so nannte man das damals), durch den der schwäbische Schauspieler und Moderator Willi Seiler führte, sein 10jähriges Jubiläum und begrüßte die englische Box-Juniorenmannschaft. 19) Noch gab es den Spielplatz in der Goethe-Straße, aber am 31. Oktober erfolgte die Grundsteinlegung der neuen evangelischen Kirche auf diesem Gelände.

 

Der alte Spielplatz in der Goethestraße – heute Standort der evangelischen Kirche (Archiv Rathaus)

 

20) Ein Richtfest jagte das andere – die neue Oberkochner Bank wollte da auch dabei sein. 21) ER – der BM Gustav Bosch, ein Bürgermeister aus altem Schrot und Korn, bekam für seine Verdienste das Bundesverdienstkreuz. Hatte er sich verdient, er war BM vierundzwanzig Stunden am Tag und 365 Tage lang. Er hat sicher nicht alles richtig gemacht (wer kann das schon von sich sagen), aber sehr vieles.

 

Meine kleine Welt. 

Ich schnappte mir mein Fahrrad und fuhr, obwohl die Straße eindeutig als Autostraße gekennzeichnet war, am Tag nach der Eröffnung die 6,3 km lange Strecke nach Aalen. Von Uwe Norkus hatte ich inzwischen zusätzlich den „Brabandt-Lesezirkel“, zum Ausfahren mit dem Fahrrad, übernommen. Das war schon fast ein Monopol und ich verdiente gutes Geld, aber der Aufwand war groß und den Leistungen in der Schule war es sicher nicht förderlich. Aber ich wollte arbeiten. Für mein erstes rauschhaftes Erlebnis waren Friedemann Blum und das Cafe Fichtner verantwortlich. In einer Hohlstunde zogen wir zum Fichtner in den Katzenbach, kauften eine Flasche „Vermout“ für 1,25 DM (ein furchtbar süßer Fusel) und nippelten ständig heimlich im Cafe davon, bis wir leicht beflügelt in den Unterricht zurückkehrten.

 

Wilfried „Billie Wichai“ Müller, Email: wichai@t-online.de, Mobil: 0171 2217 530, Frühlingstraße 2, 73447 Oberkochen oder Postfach 1328, 73444 Oberkochen

 

 

 
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