Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 730
 

Alte und teilweise schon verloren gegangene Ausdrücke, Wörter und Begriffe

 

Intro.

Die Zeiten ändern sich, wie zu allen Zeiten. Und das nicht nur sichtbar, wenn wir uns umschauen und über den Tellerrand hinausschauen. Sondern auch in der Sprache, besonders in der Umgangs- und Alltagssprache. Nicht nur dass das „Schwäbische“ so langsam wegbricht, auch die Worte, die wir einst benutzten, sind aus der Mode gekommen oder waren Teil einer Technik, die heute nicht mehr bekannt ist oder nur noch ein Schattendasein führt.

 

Aus meiner Kindheit und Jugend und Lehrzeit.

Die Auflistung ist willkürlich geplant. Teilweise nach A-Z sortiert, aber auch nach verschiedenen Themen. Viel Spaß beim Lesen und Erinnern.

Die Liste beginnt hier – also „dao hanna“.

 

Abort.

Zuhause hatten wir kein WC oder Toilette. Da benutzten wir das Wort Klo. Aber beim Vadder Müller (Opa) und bei der Hebamme (Oma) in Waldhausen gab es einen Abort – mit der Betonung auf der ersten Silbe. Der war zwar schon modern, also nicht über den Hof, sondern im Hauseingang integriert. Aber meine Erinnerung sagt mir bis heute: Es war saukalt, zugig (weil immer das Fenster auf war und Toilettenpapier war purer Luxus, dafür gab man sein hart verdientes Geld nicht aus. Zeitungspapier musste verwendet werden. Erst lesen, dann damit putzen – das war gelebte Nachhaltigkeit. Auch in verschiedenen Vereinshütten gab es noch einen Abort (Plumpsklo), der in der Regel ein Loch mit einer Holzumrandung zum Sitzen und einem Holzdeckel zum Schließen war. Solche Orte haben heftig gestunken und waren immer von Schmeißfliegen umgeben.

 

Bagage.

Hier geht es nicht um des Wortes Ursprung – dem Gepäck. Das ist wohl eines der Worte, die der Napoleon auf der Durchreise verloren hat (Angeblich hat er eine Nacht im heutigen „Podium“ in Aalen verbracht). Sondern z.B.: „Du scho widd’r mit Deiner ganza Bagaasch“. Da der Schwabe gerne im Rudel auftritt, also mit Familie, Freunde, Gruppe, Kegelclub oder äbba mit Anhang, sagt man eben Bagage dazu. Da gibt es in Oberkochen tatsächlich auch einen Freundeskreis, der sich so nennt und seinerzeit für den Bau der Josefs-Kapelle verantwortlich war und sich auch heute noch darum kümmert.

 

Bandsalat.

Das wissen heute die Jungen heute nicht mehr. Das war nichts zum Essen. Das Wort stammt aus der Zeit als es noch Musik-Kassetten gab. Bei den Vorgängern, den großen Tonbandgeräten gab es das so gut wie nicht, weil die Spulen groß waren und sich nichts verheddern konnte. Dann kamen die Radios mit Kassettenteil, die Kassettenrekorder und die Walkmans. Wenn sich dann das Band in den Kassetten im Abspiel-/Aufnahmefach verhedderte und nicht mehr in die Kassette zurücklief, hatten wir den Salat – den Bandsalat, und alle unsere schönen Aufnahmen waren danach im Eimer. Das war schon eine mittlere Katastrophe, denn die Aufnahmen wurden zeitaufwendig mit Herzblut vom Plattenspieler oder Radio hergestellt. Die bekanntesten Hersteller waren BASF, SONY und TDK. In diesen Absatz gehört auch der Begriff. „Mist, das Lied ist nicht ganz draufgegangen“ – weil die Kassette beim Überspielen, den letzten Song nicht mehr aufnehmen konnte, weil das Band voll bzw. alle war.

 

Eine Portion Bandsalat und die Musik war im Eimer (Internet)

 

Barras.

„Komm du nur zum Barras, da wird man dir schon die Hammelbeine langziehen“. So versuchte man uns Angst zu machen. Damit war wohl der Wehrdienst bei der Bundeswehr gemeint. Nachdem ich reichlich wilde Geschichten aus Nagold und Ellwangen gehört hatte, ging ich also nicht zwangsweise zum Barras, sondern freiwillig zur Marine nach Sylt und Kiel und auf den Zerstörer „Mölders“ – heute Museumsschiff in Wilhelmshaven.

 

Und bleib nicht bis in die Puppen.

Das war die Mahnung von Mutti, wenn ich auf eine Party oder in die Disco zog. Damit meinte sie, ich solle nicht so lange wegbleiben. Ich habe halt immer geantwortet: „Ich komm‘ um halb – hat meistens gestimmt“. Die Herkunft bezieht sich auf die Götterstatuen, die der Alte Fritz in Berlin aufstellen ließ. Der Weg dahin, also zu diesen „Puppen“, war damals schon sehr lang.

 

Bis zur Vergasung.

Des isch jetzt äbbes Hoikls und mir bis heute völlig unverständlich. Der Begriff ist Gottseidank am Aussterben, aber er war zu Zeiten unserer Eltern sehr geläufig. Der Begriff kam nach dem I. Weltkrieg auf (zurückgehend auf die ersten Gasangriffe im großen Krieg). Damit war gemeint, dass man eine Sache endlos weitermachte, eben bis zur Vergasung. Oder soldatisch: „Man blieb auf seinem Posten bis man bei einem Gasangriff umkam“. Bei uns zu Hause wurde eben bis zur Vergasung (die aber Gott sei’s getrommelt und gepfiffen nie eintrat) Karten gespielt. Als Jugendlicher war ich immer der Meinung, dass das geflügelte Wort aus dem II. Weltkrieg stammte – dem war aber nicht so. Sogar im Film „Die 5 Geächteten“ mit James Garner wurde so ins Deutsche übersetzt: „Der spielt bis zur Vergasung.“

 

Bombawetter.

War in unserem Sprachgebrauch einfach nur ein Superwetter. Ob das Wort entstand, weil die Bomber gutes klares Wetter brauchten, um ihre Ziele klar zu erkennen oder ab das gar auf die Theaterbomben zurück geht, die im 19ten Jhrhdrt. entstanden, ist unklar. Klar ist jedoch, wer die Zeit der Bombardierungen im II. Weltkrieg erlebt hat, hat mit diesem Wetterbegriff ein Problem.

 

Backpfeife (Ohrfeige) oder Maulschelle.

Mit Backen oder Pfeifen hatte das nichts zu tun. Bei uns war mehr die –pfeife üblich. Oder kurz auf Schwäbisch: „Glei fängsch oina“. Das war in früheren Zeiten durchaus ein übliches Erziehungsmittel – kurz und knackig aus dem Handgelenk. Ob Vater, Lehrer oder Pfarrer – jeder durfte. Und wenn du heimgekommen bist und erzählt hast, dass dich der Lehrer geohrfeigt habe, hesch glei nooamoal oine kriagt. Offiziell verboten wurde diese Art der Handreichung erst im Jahr 2000.

 

(Amts) Büttel.

In ganz alten Zeiten war das ein unehrlicher Beruf, der vom Amtsherrn eingesetzt wurde, um Steuern einzutreiben oder gar dem Henker zur Hand zu gehen. Bei uns gab es früher den Amtsbüttel, letztendlich der Vorgänger des Amtsblattes „Bürger und Gemeinde“. Er trug eine einfache Uniform, nahm seine Glocke, ging auf die Straße und verkündigte im Auftrag des Bürgermeisters Neuigkeiten oder Anweisungen. Als am 24. April 1945 der Beschuss vom Essinger Feld her aufhörte und der „Ami“ in Oberkochen einmarschierte, begann auch für den Büttel eine neue Zeit. Er läutete die Handschelle und rief laut: „Leut‘, d’r Krieg isch aus, kommat doch aus eure Keller ond Häuser raus.“

 

Des Amtsbüttel’s Handglocke aus dem Heimatmuseum (Archiv Müller)

 

Bratkartoffelverhältnis.

Die Definition ist einfach und verständlich „Eine lose Liebesbeziehung, die nicht auf lange Dauer angelegt ist, und bei der großen Wert auf die Versorgung mit einer täglichen warmen Mahlzeit gelegt wird“. Also so etwas wie eine „Wilde Ehe“ oder ein „g’schlamperts“ Verhältnis mit Kost und Logis. Das war in meiner Lehrzeit bei Handelsvertretern während ihrer wöchentlichen Touren oder bei Messe-Besuchen durchaus anstrebenswert und beliebt.

 

Canapee oder Diwan.

Richtig, es hat was mit der Küche zu tun. Es sind aber nicht die belegten Häppchen (Schnittchen), sondern ein Sofa, das in der Küche stand (oft direkt unter dem Radio), damit der Herr des Hauses dort schnell seinen Mittagsschlaf machen konnte.

 

Da ist auch Schmalhans Küchenmeister.

Das heißt, es gibt nicht viel zu Essen. Wenn ein „schmaler Hans“ als Koch arbeitete, galt das als synonym für schlechte Küche oder geizige Dienstherren und war ein Zeichen für Hunger und Ungastlichkeit.

 

Das Viertele ist gestorben.

Erst kam der Euro und hat unser Viertele saumäßig verteuert und dann haben sie (die Wirte) irgendwann des 5erle g’striche. Aus 0,25 wurde 0,2 und aus dem Achtele 01,125 wurde flugs das Einerle 0,1. Und die „Halbe“ mutierte zu 0,4 oder gar zu 0,3 zum fast gleichen Preis. B’schissa send ma worra.

 

Der kommt von drüben.

Oder die hamm rüber gemacht. Diese Form der Bewegung kennen wir auch aus dem Raumschiff Enterprise – dort wurde das „Beamen“ genannt. Die markanteste Bedeutung lautet schlicht und einfach von „Drüben nach Hüben“ kommen. „Drüben“ hatte einige wechselnde offizielle Stati. Ab 1945 gab es die SBZ (Sowjetische Besatzungszone), kurz und bündig, die „Zone“ oder „Ostzone“ genannt. „DDR“ wurde in der BRD offiziell ab dem 21.06.1973 anerkannt und benutzt. Das Volk änderte deswegen ihre Wortwahl nicht – es war einfach „Drüben“ oder die „Zone“.

Jetzt konnte man aber natürlich auch in die andere Richtung rüber machen. Dieser Weg wurde von wenigen beschritten und selbst die VOPOs verstanden wohl diese Richtung des Rübermachens nicht so richtig.

Dann kamen aber die Generationen unserer Eltern und Großeltern darauf, den studentischen Unruhestiftern, den sog. 68ern, die den „Muff von 1.000 Jahren unter den Talaren“ beseitigen wollten, das „Rübermachen“ schmackhaft machen zu wollen: „Wenn’s euch hier nicht passt, dann geht doch nach Drüben“. Das hätte den Adenauern so gepasst.

Da hieß es dann mitunter auch Unter’m Hitler hätt’s des net gäbba, ab ins Arbeitslager. Und das war nicht nur eine private Meinung, die wurde genauso vor der Kamera ins Mikro gesprochen – ob Mann oder Frau, die alte Denke war noch lange tief verwurzelt und feiert wieder fröhliche Urständ‘. Ich habe die Farbe Braun schon im Kunstunterricht nicht gemocht.

 

Dui frisst dahoim au bloss d‘ Kitt von de Feeschter.

Will sagen, diejenige ist besonders arm. Es gibt aber auch Menschen, die sich nach außen prächtig wie ein Vogel Strauß geben, aber daheim eben nur den Kitt vom Fenster essen, weil’s zu mehr et langt.

 

Der König des Fassonschnittes aus der Lerchenstraße (Archiv Müller)

 

Fassonschnitt.

Das war in unserer Zeit die Frisur der alten Männer. Der Gegenentwurf war die Beatles-Frisur. Da mussten wir schon lange bei den örtlichen Friseuren suchen, um einen zu finden, der das konnte. In der Regel blieben uns nur die Damen-Friseure – aber ganz zufriedenstellend war das auch nicht. Heute ist der Fassonschnitt, gelegentlich mit Verzierungen, wieder hochmodern, man glaubt es kaum.

 

Die Fernsehtruhe – für manche doch unerschwinglich (Internet)

 

Fernsehtruhe.

Dieses Möbel galt in den 50er und 60er Jahren als Statussymbol. Das Fernsehgerät war in ein Schränkchen auf schrägen Beinen eingebaut. In der Luxusvariante waren andere Geräte wie Radio, Tonband, Plattenspieler mit eingebaut. Das hatte schon was, aber für Otto Normalverdiener musste ein freistehender Apparat genügen.

 

Die Fräuleins vom Amt (Internet)

 

Das Telefonieren in alter Zeit

brachte gar manche Worte hervor, die man heute gar nicht mehr benutzen kann. Das Fräulein vom Amt. Ein herrlicher Begriff. Sie arbeitete an einer Telefon-Vermittlungsstelle, um Gespräche anzunehmen und an die gewünschte Rufnummer mit dem Satz „Jetzt kommt ein Gespräch für Sie“ zu vermitteln (durch Stöpseln). Sogar ein Film aus dem Jahr 1954 mit Renate Holm und Georg Thomalla hieß so. Anfangs waren die Anforderungen an die Damen recht hoch: „Gute Schulbildung, jung, ledig und aus gutem Hause.“ Man sehe es mir nach, aber ich denke, dass das heute schwierig wäre, solche Stellen noch nach diesem Anforderungsprofil zu besetzen. Willlllfriiiiiied – ein Ferngespräch! Denn ein Gespräch aus der Ferne war etwas Besonderes, es war teuer und der gewünschte Teilnehmer hatte sich aus Kostengründen zu sputen. Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie teuer die Festnetztelefonie war. Leitz hatte, als ich 1978 zurückkam, monatliche Telefonkosten in Höhe von rund 20.000 DM. Jahre später konnte ich das aufgrund von neuen technischen Möglichkeiten und anderen Anbietern auf 2.000 DM herunter verhandeln. Dafür stiegen dann die Kosten im Mobilfunk exorbitant an und die sind, im Vergleich mit anderen Ländern, bei uns immer noch viel zu teuer.

 

Das erste Telefon zu Hause und auch in meiner Lehrzeit bei Leitz (Archiv Müller)

 

Ich leg mal eben den Hörer ab.

Nein, nicht den Radiohörer. Jedes Telefon bestand aus einem Gehäuse, einer Gabel, einer Wählscheibe, zwei Kabel und einem Hörer. Man nahm den Hörer von der Gabel und wählte eine Nummer und hielt den Hörer ans Ohr und los konnte es gehen. Die 0 auf der Wählscheibe lief relativ kurz und die 9 recht lange. Spione konnten die gewählte Nummer sicher aufgrund der Laufzeitlänge der Wählscheibe erkennen. Und zu allerletzt gab es noch die Telefonzelle. Nein, da kamen nicht randalierende oder gar Endlos-Telefonierer hinein. Nicht jeder Haushalt hatte ein Telefon und so musste sich mancher auf den Weg zu einer nahegelegenen gelben Telefonzelle machen, um dort im schlimmsten Fall im Regen in einer Warteschlange zu stehen, bis man selbst hineinhuschen konnte. Alte s/w-Krimis sind aus dramaturgischen Gründen ohne Telefonzelle nicht vorstellbar.

 

Die alte gelbe Telefonzelle (Internet)

 

Frag doch mal den Opa oder Schlag das doch im Lexikon nach.

Opa gibt’s zwar noch (aber nicht mehr unterm gleichen Dach) und Lexikon im Regal gar nicht mehr. Der Opa als allwissende Instanz ist längst ausgestorben und ein- oder mehrbändiges Lexikon, wie es früher in jedem bildungsbewussten Haushalt vorhanden war, finden wir heute nicht mehr und wo noch eines beim Entrümpeln auftaucht – der Antiquar will es auch nicht mehr haben. Ganz salopp: „Bertelsmann“ für die Arbeiter und „Brockhaus“ für die Studierten. Aus die Maus für Opa und Kultur. Google ist der neue Opa – „google“ doch mal, heißt die Devise und Opa ist vielleicht froh, dass er nichts mehr wissen muss. Dann gab es noch im Rahmen der familiären Aufklärung den Satz: „Da frag mal besser den Papa oder die Mama“ – je nach Geschlecht.

 

Früher war alles besser.

Natürlich – denn gestern war vielleicht Sonntag. Das ist wohl in jeder Generation so. Bedenklich wird es dann, wenn, wie derzeit üblich, manche Politiker einen Weg zurück anbieten, in Zeiten, die nie so gut gewesen sind, wie sie uns weismachen wollen. Dazu gehören dann auch die Begriffe wie „Die gute alte Zeit“, „Die goldenen Zwanziger“, „Die wilden 60er“, „make Amerika great again“ und was auch immer sonst noch.

 

Gang m’r net auf d’ Senkel, auf d‘ Keks, auf d‘ Wecker – kurz gesagt „auf die Nerven“.

 

Geh doch hin wo der Pfeffer wächst.

Furt, weit furt, ganz weit furt sollte der/die-jenige doch gehen. Der Pfeffer wuchs in Indien und Flugzeuge gab es kaum und das Land war nur schwer erreichbar. Also, wer dort hinging, war aus den Augen und aus dem Sinn. Im Laufe meines Lebens habe ich die Länder, wo der Pfeffer wächst, sehr schätzen gelernt.

 

Griffel.

Entweder du hast mit einem Lineal, aus erzieherischen Gründen, eine auf dieselben bekommen oder du hast mit einem solchen auf eine kleine Schiefertafel die ersten Buchstaben geschrieben. „Nemm deine Griffel dao weg“, war eine „Orrrdddddrrrrrr“, nach dem Motto „Das Berühren der Figüren mit den Pfoten ist verboten“.

 

Tafel und Griffel (Internet)

 

Groschen.

Na, ist der jetzt gefallen? Der erste deutsche Groschen wurde 1271 in Meran geprägt. In unserer Umgangssprache war das das 10-Pfennig-Stück. Davon abgeleitet wurden der Notgroschen und die Groschenhefte. Die Brezel war in meiner Kindheit dafür zu bekommen.

 

Ha noi!

Hier geht es nicht um die größte schwäbische Stadt in Vietnam, sondern um ein glasklares: Nein, niemals nie nicht. Morga sag‘ I „Ha scho“. Meinungen sind wie’s Wetter.

 

Haste mal ne Mark?

So wurde man früher von sog. Gammlern angemacht. Ein Bettler hätte das nie gesagt. Im Rahmen der Umstellung auf den Euro wurde das gleich verdoppelt.

 

Hat mal jemand 20 Pfennig?

Das war notwendig, um in einer gelben Telefonzelle den Münzfernsprecher zu füttern. Und daher kein Betteln, sondern ein Akt der solidarischen Unterstützung, um die höchste Not zu lindern. Und man gab dann gerne, wenn man (Lust) hatte.

 

Mach koin Heckmeck.

Mach nicht so viel Aufhebens und komm jetzt.

 

Des isch a rechter Hallodri.

Damit war ein junger, unbeschwerter, leichtfertiger, bisweilen unzuverlässiger Mann, aber nicht unbeliebt. So einer wie Eichendorffs Taugenichts vielleicht.

 

Logierfräulein.

Das waren in meiner Kindheit junge Damen, die tagsüber arbeiteten und sich ein einfaches möbliertes Zimmer mieteten, mit Tisch, Stuhl, Schrank und Bett. Fließend Wasser, gar noch warm, eher selten. Wir hatten da bei uns zuhause ein Fräulein Krause, die Helga Rockstroh, die Christa Geis und einen Herrn Wild als Logierherrn.

 

Ich kenn doch meine Pappenheimer.

Papa oder Lehrer wollten damit sagen: Keine Ausreden, ich kenne euch doch. Der Satz stammt aus Schiller’s Wallenstein und war eine Aussage voller Hochachtung gegenüber dem Pappenheimer Regiment. Wahrscheinlich lauter großgewachsene Gardesoldaten.

 

Mach mr bloß koine Fisimatente.

Das bedeutete, mach ja keinen Unsinn, Blödsinn, sonstige Faxen (das sind aber keine Sendungen per Fax) oder Schwierigkeiten. Französische Soldaten wurden früher bei Problemen in das Zelt ihres Vorgesetzten gerufen: „Visitez ma tente“.

 

Mach mal deinen Kaiser Wilhelm drunter.

Will sagen, unterschreib das mal mit deinem Namen. Früher waren die meisten Menschen des Schreibens unkundig und machten einfach ein paar Zeichen drunter – den Wilhelm eben.

 

Mädlesgeiger.

Das durfte auf keinen Fall passieren, dass du als Bua auf der Straße von den anderen so gerufen wurdest, denn dann warst du geoutet. So einer spielte gerne mit Mädchen, wahrscheinlich noch Hopfe oder Seilspringen. Ging gar nicht. Hingegen durften Mädchen durchaus mitspielen, wenn sie auf Bäume klettern konnten, Regenwürmer essen oder wenigstens zerteilen und sonst Sachen konnten, die den Respekt der Jungs abnötigten. Allerdings brauchten wir sie, um „Vatterles und Mutterles“ oder, zum Entsetzen der Eltern, gar „Doktorles“ spielen zu können.

 

Stand net so rom ond halt Maulaffa feil!

Heidenei, was isch denn des? Steh nicht so teilnahmslos herum und träum nicht in der Gegend rum. Maulaffen waren in uralten Zeiten Lampen, die auf Märkten verkauft – also feilgeboten wurden.

 

Mein lieber Herr G‘sangsverein.

Solche Begriffe erfand man, um Gotteslästerung zu umschiffen. Mein lieber Herrgott oder Herr Gott (der mit dem Vornamen Karel lebte in Tschechien) – das ging gar nicht, also musste eine Lösung her….

 

Mein lieber Scholli.

So wurde nicht der Fußballer Mehmet Scholl gerufen, das war ein Ausdruck der Verwunderung, der Empörung, der Verärgerung. Abgeleitet vom Studenten Ferdinand Joly, der von der Salzburger Uni flog. Er scherte sich nicht um andere, machte einfach sein Ding und war dabei ein liebenswerter Bursche.

 

Nach Batzelubbl in d‘ Rägebogafabrik.

Das war die ständige Antwort, wenn wir Kinder den Vati fragten wo’s z.B. am Sonntag wieder hingeht und er nicht antworten wollte. Interessanterweise gibt es heute in Berlin-Kreuzberg eine Firma mit diesem Namen. Wenn das der Vati wüsste, wir würden ständig nach Berlin reisen.

 

Der Saraotti-Mohr….. (Archiv Müller)
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…. und die Auseinandersetzungen in Gender-Zeiten (Archiv Müller)
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Die heute verbotenen Worte.

Der Mohrenkopf und Negerkuss wird heute als rassistisch verteufelt und ist eine wunderbare Süßigkeit, die der erste „Burger“ für uns Kinder war. In einen aufgeschnittenen Wecken gelegt ond zammadruckt – den meisten schmeckt das heute noch. Zigeunerschnitzel – geht wohl nicht mehr, Jägerschnitzel – wohl schon noch. Und Hamburger, Frankfurt, Wiener, Berliner – da sehen wir leicht drüber hinweg. Kannibalismus scheint noch kein gesellschaftliches Problem zu sein. Judenfürze sind natürlich völlig out – geht überhaupt nicht mehr. Wahrscheinlich wissen die Kinder gar nicht mehr was das war. Vom Sarotti-Mohr wollen wir erst gar nicht anfangen. Mal sehen was der Sprachpolizei in Zukunft noch so alles aufstößt. Da sag ich nur: „Machet bloß halblang“.

 

Eine alte Frau oder ein alter Mann ist doch kein D-Zug.

Da stellt sich erst mal die Frage was ist ein D-Zug? Ein Durchgangszug (erstmals 1892 im Einsatz), d.h. man konnte von Wagen zu Wagen durchgehen. Die Züge waren schnell und galten als komfortabel. Wer hätt au dees denkt? Also, auf gut Deutsch: Mach mal langsam mit die jungen Pferde.

 

The Rainbows, und nicht nur die, waren Balla Balla (Archiv Müller)

 

Negermusik.

Die 60er Jahre brachen mit toller englischer Beatmusik übers Radio und im Fernsehen über die Bevölkerung herein und Mutti (da war sie sicher nicht allein) sprach immer von Negermusik, dabei habe ich weit und breit kaum einen solchen gesehen. Das stammte sicher noch aus der Zeit, als Musik und Kunst noch als entartet angesehen wurden.

 

Parka –

net Parker. Parker ist ein amerikanischer Kuli. Nein, kein Lastenträger, sondern ein Kugelschreiber. Der Parka von der Bundeswehr war das Kleidungsstück der 70er. Wir haben immer versucht, bei der Entlassung aus der Bundeswehr einen guten Parka mitnehmen zu dürfen. Als Logistiker habe ich das natürlich geschafft, aber irgendwann habe ich ihn dann nicht mehr angezogen – man hatte sich ja doch weiterentwickelt – so glaubte Mann.

 

Pfennigfuchser.

Ein besonders Geiziger. Und wenn das schon ein Schwabe sagt, das wollte etwas heißen. Einer der um jeden Pfennig streitet. Das Pfennigfuchsen selbst war ein Kinderspiel, in England gar unter Erwachsenen üblich. Wir spielten das mit einem Pfennig, den wir gegen eine Wand warfen. Wessen Münze am nächsten zur Wand zum Liegen kam, hat alle anderen einsacken dürfen. Genauso funktionierte das Murmelspiel oder auch Klickern genannt. Da gab es aber viele Variationen. Die Glasmurmeln wurden erstmals 1848 in Lauscha produziert.

 

Klickern war auf der Straße das Spiel der 50er (Internet)

 

Ordnung ist das halbe Leben.

„Und die andere Hälfte isch dann was?“ Habe ich immer frech zurückgefragt.

 

Schlüsselkinder.

Das waren bei uns die Kinder aus dem Hort, deren Eltern beim Zeiss arbeiteten. Die hatten in der Regel den Wohnungsschlüssel um den Hals.

 

Schwätz mr doch koi Mark in d Tasch.

Der oder die andere schwätzt und schwätzt und schwätzt ond koi Sau interessiert’s – nur Bla Bla Bla – Da muss doch verbal Einhalt geboten werden. Das hat sich heute zum großen Teil nach Facebook verlagert.

 

Sendeschluss und Testbild.

Das kann sich die junge Generation überhaupt nicht mehr vorstellen. Im Fernsehen gab es ein Sende-Ende. Bei der ARD bis 1.9.1995 und beim ZDF bis 5.10.1996. Man wurde vom Fernsehen ins Bett geschickt oder MANN schlief während des normalen Programms ein (ER hatte schließlich tagsüber schwer gschafft) und wachte dann während der Aussendung des Testbildes wieder auf, um ins Bett zu gehen. Nebenbei bemerkt: In meiner Kindheit gab es ARD, ZDF, später das Dritte. SWR und mit einer Antenne konnte auch BR empfangen werden. Das Programm begann unter der Woche, soweit ich mich erinnere, gegen 17 Uhr und endete gegen 24 Uhr.

 

Beispiel eines Testbildes, denn es gab einen Sendeschluss (Internet)

 

So lang du deine Füß unter meinen Tisch stellsch

machsch du was ich sag. Eine literarische Version des Spruches „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“. Bedeutete nichts anderes als: „Du bist nicht volljährig (also unter 21), hast kein eigenes Einkommen, also auch nichts zu Melden. Kurz gesagt: Ich Chef, Du Turnschuh. Was in der Regel manchmal zu heftigen Auseinandersetzungen am Tisch führte und die Mutter blicket stumm, auf dem ganzen Tisch herum. Mutti sorgte immer dafür, dass der pubertierende Wilfried außerhalb der Reichweite von Vati saß.

 

Sonntagsstaat.

Das ist kein staatliches Wochenendgebilde, sondern eine festliche Kleidung, die zu besonderen Anlässen wie dem sonntäglichen Kirchgang oder dem Flanieren am Sonntagnachmittag getragen wurde. Mann und Frau wollten sich damit deutlich von der Alltagskleidung abheben. Da gehörte früher Hut, Krawatte und Spazierstock dazu. Man ging gebügelt und gestriegelt aus dem Haus. Heute ist das eher umgekehrt. Wer unter der Woche Anzugträger ist, zieht sich am Wochenende in der Regel sehr leger an. „Kleider machen Leute“ hat heute in manchen Lebensbereichen nicht mehr die Bedeutung von früher.

 

Das waren einiger der Straßenfeger im Fernsehen (Archiv Müller)

 

Straßenfeger.

Das waren Sendungen im Fernsehen, speziell in den 60ern, die eine so hohe Einschaltquote hatten, dass „koi Sau auf dr Stroaß war“. Beispielsweise „Das Halstuch“, „Tim Frazer“ oder Fußballweltmeisterschaften. Jeder ging nach Hause. Abgeordnete im Kieler Landtag kürzten sogar ihre Reden. Nachbarn, Freunde und Verwandte versammelten sich vor dem Fernseher und Einbrecher richteten sogar ihre Streifzüge nach den Sendezeiten dieser Blockbuster, wie wir heute sagen würden. Die Sehbeteiligung lag dabei nicht selten bei über 90%. Einer, der die Straßen fegte war hingegen ein Straßenkehrer wie wir immer im Stuttgarter Radiosender gehört haben: „Ich bin der Straßenkehrer Gottlob Friederich“, worauf sein Kollege immer dazwischenrief „Liederlich“.

 

Stubenhocker.

Das war früher einer, der keine Lust hatte draußen zu spielen. Das war schon eine Ausnahme und derjenige wurde deswegen auch gehänselt. Wie hat sich das im Laufe der Jahrzehnte verändert. Als ich meinen Sohn Sascha eines Tages im Alter von ca. 6 Jahren im Winter mal hinausgeschickt hatte, um im Schnee zu spielen und das Nintendo-Spiel mal beiseite zu legen, hat er das als „Draußen-Arrest“ abgespeichert, wie er mir als junger Erwachsener erzählte. Ich selbst hatte wohl mal irgendetwas angestellt und Vati wollte mich bestrafen und ich hoffte inständig „nur kein Hausarrest“. Er wollte besonders streng sein, und da wir unseren ersten Fernseher hatten, hagelte es 7 Wochen Fernsehverbot – da musste ich innerlich laut lachen: Fernsehverbot im Sommer – Etwas Besseres konnte mir gar nicht passieren.

 

Was nix koscht isch au nix wert.

Angeblich soll Albert Einstein hinter diesem Satz stecken. Jedenfalls hat er sich das mal notiert. Der Spruch leuchtet ein, aber die heutige Gesellschaft hat ein wirtschaftliches Prinzip daraus entwickelt. Ähnlich wie beim Trinken: Ex und hopp. Einmal anziehen und wegwerfen. Waschen wäre schon zu teuer. In Oberkochen gab es mal einen Gebrauchtwagenhändler (zwischen den Anwesen „Scheerbauer“ Winter und Weber, heute ein leerer Platz) in der Aalener Straße. Die Autos hatten alle ein Schild mit einem Preis. Wenn sich ein Auto nicht verkaufen ließ, hat er einfach den Preis erhöht (!) und siehe da – weg war’s.

 

Wie ma schafft, so isst mr –

da müsstet aber manche verhongera. Des glaubsch mr.

 

Also, Ade und schwäbische Oberkochner Grüße vom Billie vom Sonnenberg

Wilfried „Billie Wichai“ Müller, Email: wichai@t-online.de, Mobil: 0171 2217 530, Frühlingstraße 2, 73447 Oberkochen oder Postfach 1328, 73444 Oberkochen

 
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