Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 723
 

Unsere Schulen und LehrerInnen – Teil 2

 

Beginnen wir diesen Teil mit einer Sicht auf die Frau im Lehrerberuf. Das war vor rund 125 Jahren aus unserer heutigen schon sehr speziell.

 

Frauen im Lehrberuf.

Das war in alten Zeiten ein sehr heikles Thema. Man(n) war der Meinung, dass die Frau in der Berufsausbildung körperlich, geistig und nervlich den Anforderungen nicht gewachsen sei. Dazu finden wir einige offizielle Einschätzungen:

1896 finden wir den Hinweis, „dass der männliche Lehrer geeigneter für die Erziehung von Mädchen ist….nur der Mann das Weib erziehen kann. Er weiß es besser als sie selbst, welche Eigenschaften ihm an ihr am besten gefallen, am wünschenswertesten sind, welche die notwendigen Ergänzungen seiner eigenen Natur bilden.“

Aus dem Jahr 1898. „Mädchen, die mit 20 Jahren in blühender Schönheit in das Amt treten, sehen schon nach einer Arbeit von 6-8 Jahren wie ganz verblühte alte Jungfern aus. Im Alter von 30-35 Jahren, wenn der Jüngling im Lehrberuf erst recht zu leben und der durch ernste Studien und Vorarbeiten erlangten Kraft sich recht zu freuen beginnt, sind die Lehrerinnen oft bereits ganz gebrochen, nervös, leidend, beständig kränklich und erfüllen ihre Pflichten ohne Freudigkeit unter inneren Qualen. Mit 40 Jahren haben fast alle ohne Unterschied mit beständigem Siechtum zu kämpfen, so dass ihr Leben von dieser Zeit an als ein im Grunde trauriges bezeichnet werden muss.“

Und im Jahr 1916 vertrat man folgende Ansicht. „Nur dem Manne gebührt eine Stellung in der Öffentlichkeit…der Mann ist der Erhalter und Fortsetzer der Kultur. Alle Gebiete des öffentlichen Lebens, die dem Kulturfortschritte dienen, sind sein Tätigkeitsbereich: mithin gehört ihm auch die Schule.“

Und heute? Meine persönliche Meinung: Es fehlen Lehrer in den Klassen 1 bis 4. Dort finden wir heute überwiegend Lehrerinnen. Meiner Ansicht nach besteht da ein Missverhältnis. Woran es liegt? Da fehlt mir leider die Detailkenntnis, entweder wollen die Männer das nicht oder es liegt am Geld oder gibt’s da noch einen anderen Grund, der sich mir nicht erschließt?

 

Der Schüler Hermann Metz (Jg. 1938) erinnert sich noch genau an den Lehrer Klotzbücher und die damaligen Erziehungsmethoden

Der Lehrer Leo Klotzbücher. So wie die Menschen allgemein mit unterschiedlichen Charakteren gesegnet sind, so ist auch jeder Lehrer anders geartet. Das konnte man an unserem langjährigen Lehrer Leo Klotzbücher studieren. Ihn zu beschreiben, ist nicht ganz einfach. Der Ort seines Wirkens war die Dreißentalschule, auch Katholische Schule genannt. Äußerlich war er für uns schon sehr alt; um die 60 wird er nach dem 2. Weltkrieg gewesen sein. Gott hatte ihn mit einer kleinen Figur ausgestattet, rundlich gebaut und mit einer Glatze versehen. Er trug eine Brille, mit der er uns stets über den oberen Rand hinweg betrachtete, so, als brauche er eigentlich gar keine Brille. Er trug, so glaube ich, immer ein Gilet, in dem er eine Taschenuhr verborgen hielt. Diese zog er auffällig oft heraus, um abzuschätzen, ob der Unterricht bald vorbei sei. Er hatte auch eine Ehefrau, mit der er eine der beiden Lehrerwohnungen unter dem Schulhausdach im „Fuchsbau“ bewohnte. Das wussten wir, weil wir Schüler Frau Klotzbücher öfters etwas hochbringen mussten, z. B. Holzscheite für den Herd oder eine schwere Einkaufstasche. Wie wir alle, so besaß auch dieser Herr Lehrer seine Eigenheiten. Gerne kleidete er viele seiner Worte in Reimverse, gedichtet, und das ad hoc, an Ort und Stelle. Insgesamt war er ein humorvoller Mensch, was durch seinen Körperbau nur noch unterstrichen wurde. So wie andere Menschen Wörter auf dem „A“ übermäßig betonen oder das „F“ als „Pf“ aussprechen, so lag Lehrer Klotzbüchers Lieblingsbetonung auf dem „R“. Dieses rollende „Rrrrrrrrrrr“ kam z. B. besonders gut zur Geltung, wenn er einen bestimmten Schüler „ausam Dreißadal“ mit »du Krrrrommschdiefl« beschimpfte. Überhaupt schimpfte er recht gerne, wenn er nicht recht wusste, wie er mit den ihm anvertrauten und öfters unbotmäßigen Schülern umgehen sollte. Einmal ließ er uns wissen: „Wenn morgen der Herr Schulrat Visitation macht, setz i mein Huat auf und sag zu ihm: Herr Visidadorr, ich geh nach Hause, iibrnemmat Sie dean Sauhaufa.“ Der Lehrer pflegte im Unterricht gerne die Zeitung zu lesen. Dazu versorgte er uns zuvor mit Lese- oder Rechenaufgaben, um sich dann genüsslich seiner Lektüre zuwenden zu können. Einmal muss er wohl dabei eingeschlafen sein, und wie auf eine geheime Absprache hin stiegen wir aufs Fensterbrett und hüpften mit unseren Schulranzen hinaus auf den Schulhof. Nur der Schüler W. K. (belassen wir es mal bei den Initialen) traute sich nicht. Da erwachte er und verlangte vom ängstlich übriggebliebenen Schüler Auskunft darüber, warum seine Mitschüler nicht mehr da seien. Er konnte keine befriedigende Antwort geben und so wurde er unschuldigerweise Opfer des verbeamteten schmerzhaften Steckens. Der Vater des bestraften Schülers wollte sich so viel Ungerechtigkeit nicht gefallen lassen. Er erschien am Tag darauf erbost im Unterricht, um zu hören, warum sein Sohn verprügelt worden sei und warum nicht die anderen, die eigentlich Schuldigen. Wie die Geschichte ausging, habe ich vergessen – ich vermute, wie das Hornberger Schießen. Der Lehrer stammte aus dem Dörfchen Lautern am Rosenstein. Das liebliche Dorf, die grünen Wiesen, das munter plätschernde Bächlein und der Rosenstein mit dem Finsterloch und der Großen Scheuer hatten es ihm sehr angetan. Das Heimweh und die Freude über seine geliebte Heimat verschmolzen zusammen mit seinem Reimtalent zu unzähligen Gedichten.

 

Erziehung mit anderen Mitteln. Als alter Mensch denke ich immer wieder einmal an unsere Erziehung in den Jahren während und nach dem 2. Weltkrieg zurück. Das ist gut 70, 80 Jahre her. Damals waren Erzieher – Eltern, Lehrer, Ausbilder – in der Wahl ihrer pädagogischen Mittel nicht immer wählerisch. Weil ich in dieser Zeit als Kind in Oberkochen aufwuchs, kann ich nur von Oberkochener Erlebnissen reden. Aber woanders wird es auch nicht besser gewesen sein. Wer hat es nicht erfahren: Einem Kind, einem Jugendlichen mit Verständnis und christlicher Nächstenliebe in die Spur bringen zu wollen, war und ist anstrengend. Da dachte man schnell, eine Ohrfeige sei der direktere Weg zum Ziel. Dazu kam, dass in den Jahren, von denen ich spreche, die Menschen einen Krieg aushalten mussten oder ihn gerade losgeworden waren. Im Krieg waren und sind Gewalt, Mord und Totschlag an der Tagesordnung. Vielleicht war deshalb die gesamte Gesellschaft verroht und hatte weniger Hemmungen, zuzuschlagen. „Dir will i helfa!“ war ein Spruch, an den ich mich deutlich erinnere. Diese Willensbekundung ging der Tatze, der Ohrfeige, der Kopfnuss, dem Reißen an den Haaren, dem grobem Schütteln und dem Fußtritt oft voraus. Die scheinbar feinere Art war das Geschrei, das Schreien, das Anschreien. Meine Mutter war eine rechte Frau, sie ging immer gut mit uns um. Aber sie war auch ein Kind ihrer Zeit. Mein Vater trat nicht in Erscheinung, denn er half Hitler, den Krieg in Frankreich, Nordafrika und Russland zu gewinnen, korrekterweise zu verlieren und galt dann als vermisst. Da lag die ganze Erziehungslast auf der armen Mutter, die in späteren Jahren aus purer Verzweiflung ihre Autorität schon einmal dem Kochlöffel übergab. Wenn ich widerspenstig war, die Aufgaben nicht machte, abspickte, schwätzte, gab es einen Lehrer, der den Grund dafür kannte. Vor versammelter Klasse sagte er einmal: „Metz, Dir merkt ma au oa, dass Dir d‘r Vaad‘r fehlt!“, was gewiss kein Lob war. Ich dachte schon damals bei mir: Was kann ein Kind dafür, dass man seinen Vater nach Russland geschickt hat? Und was kann es erst recht dafür, wenn er dort auch noch ums Leben kam? Und wenn dann auch noch dem gebildeten Lehrer der Sensus für die Situation fehlte! Auf seinen Ausspruch hin habe ich mich wahrscheinlich „ond‘r da Disch naaduckt und a bissle greint“. Wie die Pädagogen reagierten, wusste man als Schüler im Dreißental ziemlich genau. Ich glaube nicht, dass sie alle zuschlugen, aber die meisten behalfen sich damit und es traf hauptsächlich die Buben. Die beneideten die Mädchen und nicht selten hörte man sie sagen: „Gell, ´s Schätzle derf ällas, dera duat er wiedr nex!“ Als Zuchthilfen lernten wir kennen: Geübte Hände, den Zeigestock, mit dem man fitzte, moischdens auf da Hendra, wo es besonders dann weh tat, wenn er in einer Lederhose steckte. Bei den Hosenspannern zog der Lehrer die Hosen stramm und dann fitzte er. Später fragte ich mich, woher die biegsamen Ruten und Prügel kamen. Im Laden kaufen konnte man sie bestimmt nicht – die Oberkochener Haselnussbüsche werden den Lehrern leicht verfügbare Rohstofflieferanten gewesen sein.

 

Sehr weit zurückliegende Erinnerungen an ihren ersten Schultag hat Luitgart Hügle.

Im September oder Oktober 1947 bin ich im alten Evangelischen Schulhaus (im heutigen Schillerhaus), in die Schule gekommen. Wir hatten damals keine Schultüte oder sonst etwas Besonderes. Alle Mädchen hatten noch Schürzen an – an meine erinnere ich mich gut, denn sie war besonders schön – Nicht zum Binden, sondern zum Reinschlupfen, ärmellos und auf dem Rücken oben mit 2 Knöpfen geschlossen. Vorne hatte sie rechts und links eine aufgesetzte Tasche, jeweils bestickt mit Entchen. Außerdem hatte ich einen Schulranzen aus Leder. Mit welchen Mitteln meine Eltern mir diesen Schulranzen kaufen konnten, möchte ich auch heute noch zu gerne wissen. Zu dieser Zeit, vor der Währungsreform, gab es ja so gut wie nichts zu kaufen. Im Schulranzen befanden sich eine Schiefertafel und ein Griffel. Was war sonst noch drin? Wahrscheinlich irgendein Heft oder Papier und ein paar Buntstifte, aber daran erinnere ich mich nicht mehr. Viele Kinder, aber nicht alle, kannte ich aus dem Kindergarten. Wir standen auf dem Schulhof herum und als letzte kam, wie auch später immer wieder, die Heidi Betzler mit ihren roten Zöpfen. Sie kam sicher immer zu spät, weil sie einen sooooooo weiten Schulweg hatte – sie wohnte direkt gegenüber dem Schulhaus. Dann kam Lehrer Gottlob Braun und hat alle neuen SchülerInnen nacheinander aufgerufen. Aber auch daran erinnere ich mich kaum. An die Schulbänke kann ich mich aber sehr gut erinnern. Es waren Zweier-Bänke mit fest verbundenem Pult in Reihen aufgestellt, eine hinter der anderen. Wir waren über 80 „Husele” (so nannte man eben die neuen Schüler), sind aber wohl in 2 Klassen aufgenommen worden, so wie auch der Unterricht für Buben und Mädchen getrennt war, aber immer mit dem Lehrer Braun. Für mich war er ein guter Lehrer, auch wenn er mich manchmal kräftig in die Wangen geklemmt und gesagt hat: „Du leichtsinniges Huhn”. (Zu einem Jungen hat er bestimmt nicht Hahn gesagt ☺).

 

1949 – Die brave Schülerin Luitgard in der 3. Klasse – Tochter des Gruppa-Paul (Archiv Hügle)

 

Etwa 1948 begann die Schulspeisung, forciert durch die Amerikaner. An manchen Tagen bekam man eine Suppe – Gemüsesuppe mit Fleischeinlage. Das Töpfchen – eine Art Milchkännchen – musste man dafür mitbringen. Der Lehrer schöpfte aus einem großen Thermokessel, der im Schulhaus angeliefert wurde, ein. Genauso verlief es, wenn man den beliebteren Kakao mit Milchwecken bekam. Wenn wir Erdnüsse bekamen, mussten wir beide Hände zusammen aufhalten, aus einer großen Tüte schüttete der Lehrer dann die Erdnüsse in die Hände. Ganz besonders beliebt war ein Riegel „Eszet“-Schokolade.

 

Alte Reklame für Eszet-Schokolade (Internet Ansichtskartenversand)

 

Die war natürlich auch viel einfacher zu verteilen. Lehrer Klotzbücher unterrichtete in einem großen Raum mit 4er-Bänken rechts und links. Wenn er in der Mitte durchging, kam es vor, dass er über einen Schulranzen, der an der Bank lehnte, stolperte. Einmal stolperte er auch auf dem Rückweg – wieder am selben Ranzen. Wütend nahm er ihn und schmiss ihn, durch das geschlossene (!) Fenster, aus dem 2. Stock. Danach ging er gleich zum Glaser Wingert, um ein neues Fenster zu bestellen und hinauf in die Wohnung zu seiner Frau, damit sie den Ranzen wieder in Ordnung bringen konnte. Lehrer Klotzbücher dichtete sehr viel, er sprach fast alles in Reimen aus. Wenn wir „Singen” hatten, setzte er sich auf eine vordere Bank und begann stets mit dem Lied „Im schönsten Wiesengrunde...“

 

Das Lieblingslied des Lehrers Leo Klotzbücher (Archiv Müller)

 

Mit Lehrer Höfel haben wir tolle Schulausflüge gemacht: Nach Unterkochen zum „weißen“ Kocherursprung, nach Wasseralfingen auf den Braunenberg und einmal sind wir mit dem Bus nach Bopfingen gefahren. Dort haben wir den Ipf bestiegen (manche Bopfinger haben das bis heute nicht geschafft) und sind dann nach Nördlingen weitergefahren. Im Hof einer Wirtschaft gab es für alle einen Teller Suppe. Nach Besichtigung und Begehung der Stadtmauer begann eine Wanderung durch das Ries. Da war es „saumäßig hoiss“, es gab nur wenige Bäume, ab und zu eine Hecke, die voller Maikäfer war. Die Zweige hingen bis zur Erde herunter – nie wieder habe ich so viele Maikäfer gesehen. Wir besuchten die Offnet-Höhle, bevor wir wieder den Bus bestiegen. Siegfried Höfel war während des Krieges in Murmansk und berichtete von schönen Sonnenuntergängen, aber auch von eisiger Kälte. In meinem Poesiealbum findet sich von ihm folgender Fontane-Eintrag: „Nicht Glückes bar sind deine Lenze / Du forderst nur des Glücks zu viel / Gib deinem Wunsche Maß und Grenze / Und dir entgegen kommt das Ziel“.

 

Der Lehrer Zweig – er verließ uns als Hagmann Rektor wurde (Archiv Rathaus)

 

Mit Lehrer Zweig machten wir einmal einen Schi-Ausflug durch den Langert auf den Volkmarsberg. Zuerst fuhr er ziemlich rasch voraus, aber dann ging der Weg ein Stück steil hinunter. Davor blieb er stehen und ließ alle Schüler vorbeigehen. Wir standen dann auf der anderen Seite und warteten auf ihn, beziehungsweise waren gespannt, wie er wohl das Bergele herunterkommen wird. Er nahm dann schließlich beide Stöcke als Bremse zwischen die Beine und schaffte es auf diese Weise. Er spielte bei Sing-Unterricht immer auf einem, nahe beim Pult stehenden, Harmonium. Dabei schaute er jedoch immer auf die Klasse und wenn dann jemand falsch sang oder eine sonstige Dummheit beging, verließ er mit einem Satz das Harmonium, packet den Sünder am Arm und gab ihm kleine Schläge auf den oberen Rücken. Wenn er jemanden dabei ertappte, wie er durchs Fenster sah, sagte er: „Was gucksch, hat’s do a Oxafluig”. Wenn er gut aufgelegt war, sprach er schwäbisch, denn er stammte aus Horb am Neckar.

 

Klasse Luitgard Hügle mit Frau Düver geb. Essig (Archiv Hügle)

 

Zwei Jahre waren wir im evangelischen Schulhaus (heute Heimatmuseum), danach ging es ins Bergheim im Turmweg 24, es folgte die Zeit im roten Backstein-Dreißental-Schulhaus (Fuchsbau genannt) und zuletzt waren wir im neuen Schulgebäude der Dreißentalschule. An folgende Lehrer und Lehrerinnen kann ich mich noch erinnern: Fräulein Wiech, Fräulein Pfleschinger, Fräulein Gimpel, Lehrer Klotzbücher, Lehrer Höfel, Fräulein Hils und Fräulein Essig (spätere Frau Düver).

 

1955 Entlassungs-Jahrgang Luitgard Hügle mit den Lehrkräften Hagmann, Höfel und Zweig (Archiv Hügle)

 

Gerda Böttger steuert eine Begebenheit aus dem Jahr 1954 bei.

Geben wir der Geschichte den Titel „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr“. Es geschah in der 1. Klasse an der Dreißentalschule. Wir Mädchen hatten das Fach „Handarbeiten“ im Handarbeitsraum, dem heutigen Schillerhaus (Der Lehrer Gottlob Braun wohnte mit seiner Familie im OG des Schillerhauses). Wir sollten einen Fingerhut in den Unterricht bei der Handarbeits-Schwester mitbringen, um mit diesem vertraut zu werden. Ich hatte meinen vergessen. Wahrscheinlich dachte ich bei mir, dass dieser doch unnötig sei, da wir ja sowieso noch nicht mit Stoff arbeiten durften, sondern mit buntem Papier weben sollten. Die Schwester hat die Fingerhüte kontrolliert und war anderer Meinung, denn „was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ und so musste ich zur Strafe die erste Bank verlassen und ganz allein in die letzte Bank sitzen. Immerhin hat die Strafaktion gefruchtet. Ich habe später sehr viel genäht und niemals ohne Fingerhut. ☺

 

1957 Lehrer Leo Klotzbücher 70. Geburtstag (Archiv Rathaus)

 

Auch Schreiberle’s Rudolf weiß etwas zu berichten:

Der Lehrer Klotzbücher hatte im Keller einen Hasenstall. Die Hasen wurden von uns manchmal gefüttert, aber zuerst „jesasmäßig em Keller romgschaicht”. Mitunter haben wir auch den „Datzastegga” manipuliert, d.h. wir haben den damals als pädagogisch wertvoll geltenden Stecken aufgebohrt, mit Tinte gefüllt und dann wieder mit einem leichten „Stöpsale” verschlossen. Die Folgen waren atemberaubend. Beim Lehrer Leo Klotzbücher in der 4. Klasse im Leseunterricht habe ich vom Ludwig Truckenmüller das Pfeifen mit den Fingern gelehrt bekommen und immer fleißig geübt. Auf einmal hat´s geklappt, aber die unweigerliche Ohrfeige hat dann der Ludwig bekommen, weil der Lehrer Klotzbücher der Meinung war, dass der Rudolf (also ich) doch gar nicht mit den Fingern pfeifen könne. Der Joachim Figura saß auch mit Ludwig Truckenmüller, Wilfried Vögele und mir in der ersten Reihe vor den Mädchen, weil der Klotzbücher nach der Pause seine Zeitung lesen wollte und die Erste Reihe musste dann so manches für ihn erledigen. So lernt man auch Verantwortung zu übernehmen. ☺ Einmal haben wir unsere Schulranzen eingepackt und uns, am hinteren Fenster (das Eck fehlt jetzt am Schulhaus), mit Hilfe vom Horst Seitz abgeseilt. Eine andere Begebenheit mit dem Lehrer Klotzbücher war folgende: Der Erwin Fischer oder der Seitza Horscht (eh egal) hat mal wieder gestört. Da hat der Klotzbücher einen Holzklepper“ (Sandalen nach dem Krieg) genommen und einem von den beiden an den Kopf geworfen. Die Folge war eine kleine Platzwunde. Der Lehrer sprach: Geh schnell rauf zu meiner Frau und lass‘ dir ein Pflaster dranmachen“ und die Sach‘ war erledigt. Ja so war das damals – da wurde nicht viel Aufhebens gemacht. 1952 war dann für uns die Schulzeit zu Ende und der Ernst des Lebens begann.

 

Eine typische Schülerbank aus alter Zeit (Internet)

 

Der „Goggl“ Jürgen Hahn, gebürtig von der Lenzhalde, erinnert an die Gymmi-Zeiten.

Im Deutschunterricht präsentierte der Lehrer Hohmuth gerne mit seinem voluminösen Körper, wie man mit seinen Extremitäten bei einem Vortrag umgeht. Er stand (!!!) auf einen Schultisch und demonstrierte die optimale Körperhaltung „högxscht“ persönlich (Standbein / Spielbein) von oben herab. Das erinnerte irgendwie an den Lehrer John Keating in dem Film „Der Club der toten Dichter“.

Die Tür geht auf, unser Lateinlehrer Jörg Fäser kommt herein. Die erste Prozedur war immer: Fenster öffnen (egal ob sibirische Kälte oder afrikanische Hitze draußen herrschte), danach setze er sich auf den Lehrertisch, um sich dann mit dem befeuchteten Kamm das Haar zu Seite zu kämmen. Jetzt konnte es dann losgehen. Wir haben das in der Regel ausgenutzt und auch bei stickiger Luft die Fenster erst mal alle geschlossen gehalten. Seine dunkelblaue, dünne Regenjacke benutzte Fäser eigentlich erst ab minus 10 Grad, ansonsten reichte ihm sein dünnes, meist weißes, Hemd. Das Desinteresse der Hinterbänkler führte gar zum Ausschluss aus dem Lateinunterricht.
Originalkommentar: „Ich will Euch nicht mehr sehen. Ich sag Euch dann wann die Arbeiten sind, aber sonst ......“ Diese willkommenen „Hohlstunden“ kamen uns gerade recht, um unsere Fähigkeiten beim Billardspiel im „Fässle“ zu verfeinern. Bei unklarer Schulnote (z.B. 2,6) war folgende Vorgehensweise üblich. Der Schüler fragte: „Herr Fäser, wie sieht's aus mit meinem 2er? Der Lehrer antwortete: „Kommsch in's Hallenbad, dann schau mer mal .....“ Nach dem nicht unüblichen Wettschwimmen zwischen Schüler und Lehrer (Bruststil ohne Armbewegung und viel zu kleiner Badehose) ergab sich im Nachgang bei einer mündlichen Abfrage im Unterricht (das Thema sickerte beim vorabendlichen Schwimmwettkampf durch) dann in so manchem Fall doch noch die eigentlich unverdiente 2 im Zeugnis. Böses Erwachen aber gab es dann für einige Kandidaten, als nach ein paar Jahren Latein der Lehrerwechsel auf Albert Seckler dazu führte, dass die Schulnote von 2 auf gerade noch so 4 absackte. Mit dem Lehrer Otto Fischer ging es ins Schullandheim (vermutlich 7. Klasse) nach Rheinswald in Südtirol. Otto Fischer war unser Musik- und auch Klassenlehrer. Doch zum Entsetzen aller Klassenkameraden war nicht eine attraktive weibliche jüngere Lehrkraft mit dabei, nein, seine Frau begleitete ihn. Die beiden waren das klassische Musikerpaar schlechthin. Es sollte so kommen, wie es kommen musste: Anstatt morgens mit z.B. den Bay City Rollers geweckt zu werden, marschierte Otto frühmorgens mit seiner Violine durch die Gänge und strich Vivaldi als Weckton über die Saiten. Wir waren total bedient. Auch den Physiklehrer Wolfgang Schwab hatten wir mitunter im Visier. Im Physiksaal wurde bei verschiedenen Experimenten Feuer benötigt und um dieses zu entfachen, brauchte Lehrer Schwab gerne mal zwei bis drei Streichhölzer, um eine Kerze zu entzünden. Wohlwissend und vorausschauend leerten wir vor Ankunft des Lehrers die Streichholzschachtel bis auf ein einziges Streichholz. Das hat uns des Öfteren einige „freie Minuten“ beschert, nachdem Lehrer Schwab den langen Weg zum Lehrerzimmer antrat, um Nachschub zu holen. Ja ja, des Schüler’s Humor ist manchmal von besonderer Art.

 

Die PGO-Lehrerschaft in den ersten Jahren am Tierstein (Archiv Rathaus)
Vordere Reihe v.l.n.r.: Zimmer, Ulrich, Geiger, Schrenk, Forster, Sekler, Thiem
Hintere Reihe v.l.n.r.: Seckler, Fischer, Enders, Bantel, Riegel, Schwab, Krug, Rapp, NN, NN, Thiem

 

Der Fuchsbau im Jahr 1958 (Archiv Rathaus)

 

Der Hausmeistersohn Ludwig Burghard erinnert sich.

Im Frühjahr 1952 wurde neben dem roten Fuchsbau ein neues Schulgebäude und auch die heutige Turnhalle erstellt. Durch diese Erweiterung der damaligen Volksschule wurde zum ersten Mal eine Hausmeisterstelle geschaffen, für welche sich mein Vater, Leonhard Burghard, bewarb. Laut der Anordnung der Gemeinde, musste der Hausmeister mit seiner Familie in der vorgesehenen Dienstwohnung in der Schule wohnen. Also hieß es aus dem 1940 erstellten Eigenheim, in der hinteren Dreißentalstraße, hoch hinauf in das alte Schulhaus zu ziehen. Es war schon eine Umstellung für unsere sechsköpfige Familie, zumal wir noch für eine kürzere Zeit die Wohnetage kurz mit der damals ausgeschiedenen „Schuldienerin“ Frau Elmer, nebst ihrer Tochter Liesel und deren Sohn Paule, teilen mussten. Nachdem wir dann den obersten Stock, also die Dienstwohnung, für uns allein beanspruchen konnten, hatten wir in geräumigen Zimmern genügend Platz für die ganze Familie. Völlig ungewohnt waren für uns die 69 (!) Stufen zu unserer neuen Wohnung, welche wir tagtäglich und das mehrfach, zu überwinden hatten. Für uns Kinder wurde das bald zur Normalität, wobei es schon etwas dauerte bis sich meine Eltern daran gewöhnten; besonders meine Mutter hatte auf Grund ihrer Herzbeschwerden oft ihre Probleme damit. Entschädigt wurden wir jedoch mit einem herrlichen Panoramablick über ganz Oberkochen hinweg. Ich erinnere mich noch heute daran, wie nicht wenige Leute zum Hausmeister in die Wohnung kamen, um mit meinem Vater etwas zu regeln, und oft mit roten Köpfen und aufgeblasenen Backen zuerst nach Atem ringen mussten, bevor sie ihr Anliegen meinem Vater vortragen konnten. „Harde, dao bischt ja halba he, bis ma bei dir doba isch!“ war öfters zu hören.

 

Die Familie Burghard vorne v.l.n.r.: Mutter, Stammhalter, Vater und hinten v.l.n.r.: Die Mädels Zenta, Margarete und Valeria (Archiv Burghard)

 

Bei unserem Einzug in das alte Schulhaus war ich gerade 5 Jahre alt, wobei mich diese neue Umgebung auch sehr neugierig machte. Die Schulgebäude, die Turnhalle und auch alles was sonst noch dazu gehörte war für mich ein richtiger Abenteuerspielplatz. Besonders der neue Christophorus-Brunnen war für alle Kinder und auch für mich ein begehrter Spielplatz, zumal dieser Brunnen vom damaligen katholischen Pfarrer und Hobby-Fischer Hager ständig mit seinen gefangenen Fischen, Aalen und auch Krebsen bestückt wurde. Leider fanden diese Tiere meistens ein klägliches Ende, da sie ständig von den Kindern falsch gefüttert und mit Stecken attackiert wurden. Der Herr Pfarrern sorgte dann sofort für Nachschub, welchen aber mein Vater oft umgehend zur Rettung in den nahen Kocher setzte, was bei dem Herrn Hochwürden wiederum einen heiligen Zorn entfachte.

Der Arbeitsbeginn meines Vaters war täglich, von Montag bis Samstag, gegen 6 Uhr, mit der Aufgabe die Heizung zu überprüfen und, vor allen Dingen, die drei großen Öfen, welche sich im Untergeschoß des neuen Schulhauses befanden, die auch alle zwei Schulgebäude versorgten, mit Koks-Kohle zu füttern. In den Sommermonaten war das allerdings nicht so aufwendig, da für die Warmwasseraufbereitung nur ein einziger Ofen in Betrieb war. In den Wintermonaten war das jedoch eine Schufterei, da musste man dann schon mehrmals täglich, an strengen Wintertagen auch nachts, alle drei Öfen mit großen Mengen Koks beschicken. Kohlestaub, Gase und bei der laufenden und notwendigen Entsorgung der angefallenen Schlaggen und Asche, sowie auch das Rußen der großen Anlage, verursachten schon einige Kratzer und Huster im Hals meines Vaters, der dann aber am Abend beim Vesper diesen Staub genüsslich mit mindestens einem Stein (1-Ltr-Krug) sauren Mostes genüsslich hinunter gespült wurde. War dann die Heizung in Schwung, konnte er alle Eingänge der beiden Schulhäuser öffnen. In späteren Jahren wurden für die Schüler auch Milch und teilweise Kakao, zu einem ermäßigten Preis angeboten. Diese Getränke wurden täglich und zeitig in der Frühe, in Viertelliter-Flaschen angeliefert. Mein Vater sortierte die Flaschen je nach den Bestellmengen der jeweiligen Klassen. Die Milchkästen wurden dann von Schülern der betreffenden Klassen an der Sammelstelle abgeholt. In den Wintermonaten war vor dem Schulbeginn das Schneeräumen vor allen Gebäuden und auch auf den Verbindungswegen zu den Gebäuden angesagt. Zum täglichen Schulbeginn am Vormittag und auch am Nachmittag, mussten die Schüler klassenweise in Zweierreihen vor dem Eingang des Schulgebäudes antreten, worauf sie dann von ihren Klassenlehrern, bei gebotener Ruhe, abgeholt wurden. Schon beim Eingang wurde von meinem Vater das unerlässliche „Schuhe abputzen“ streng überwacht. Wehe ein Schüler kam diesem Ritual nicht nach, so wurde er gleich vom „Harde“ barsch ermahnt und zurückgerufen. Ähnliches wiederholte sich dann in der großen Pause, während dieser jeweils in Abwechslung Bäcker aus Oberkochen verschiedene Wecken und auch „Brezgen“ zum Verkauf am Haupteingang im Gebäude anboten. Mein Vater unterstützte den Bäcker beim Verkauf, was sich jedoch mehr als Aufsicht herausstellte, indem er auch wieder streng die Einhaltung der Warteschlange regulierte. Oft musste er auch nach der Pause so manch lädiertes Knie mit Jod und Pflaster verarzten, denn der Schulhof war damals noch mit einem verletzungsfreundlichen Splitt übersät. Nach der letzten Schulstunde am Tag, mussten die Schüler ihre Stühle auf die Tische stellen, damit das Reinigungspersonal, in diesem Falle im heutigen Mittelbau meine Eltern, alle Klassenzimmer, Lehrerzimmer, Werkräume, Flure, alle Toiletten und Treppenaufgänge besenrein säubern konnten. Die wöchentlich größere Reinigung wurde am Samstag vorgenommen. Da zu dieser Zeit auch noch an den Samstagen bis 12 Uhr Unterricht abgehalten wurde, konnte man erst am Nachmittag mit der wöchentlichen Schulreinigung beginnen, welche zusätzlich noch das Nasswischen aller Flure, Treppen und Toiletten erforderte. Das Entleeren aller Papierkörbe, in den dafür geschaffenen Beton-Bunker am Schulhofrand, war zeitweise meine ehrenvolle Aufgabe, von welcher ich mich hin und wieder drücken konnte.

Nicht selten an Samstagen beauftragte mich meine Mutter den Backofen, zu der von ihr genannten Zeit, abzuschalten und das „Kranzes“ (Hefezopf) aus dem Backrohr zu nehmen, da sie zu dieser Zeit im Schulhaus unabkömmlich war. Ab und zu war ich dann doch mit meinen Freunden im Spiel derart versunken und habe meinen mütterlichen Auftrag total vergessen. Was dann neben dem Qualm aus dem Rohr kam, konnte man nur noch als einen Kohlenstrang erkennen. Lob gab es dann von allen Seiten, da ja ein Wochenende ohne Kranzes undenkbar war. Also hieß es noch einmal backen. Zu all den Wochenendarbeiten kam noch der Badebetrieb mit acht Wannen- und drei Duschbäder im Untergeschoss des neuen Schulhauses auf meine Eltern zu, welcher sich freitags und samstags bis gegen Abend hinzog. Einen zusätzlichen Dienst nach Feierabend erforderte auch die Turnhalle, in welcher an den Wochenenden vielerlei Veranstaltungen von Vereinen abgehalten wurden, wie z.B. die legendären Boxkämpfe vom BCO, Turnwettkämpfe vom TVO, Ausstellungen, Weihnachtsfeiern, Konzerte vom Musik- und Gesangverein usw. Auch hier musste der Hausmeister parat sein, oft auch meine Mutter, sofern ein Garderobebetrieb angesagt war. Die Beheizung der Halle erfolgte über zwei riesige Gebläse, welche im Untergeschoss der Turnhalle installiert waren. Die Warmluft wurde jeweils über einen Kanal mit einem höllischen Lärm in die Halle geblasen, daher konnte eine Beheizung während einer Veranstaltung nicht vorgenommen werden. Also mussten die beiden Gebläse, je nach Temperatur, etliche Stunden vor Beginn der Veranstaltungen ihren ohrenbetäubenden Dienst verrichten. Auch in den Schulgebäuden waren unter der Woche an den Abenden ständig irgendwelche Klassenzimmer belegt, in welchen Chor- und Musikproben, Kurse der Volkshochschule, Kochkurse, Elternabende und auch Werkabende der Segelfliegergruppe in den unteren Werkräumen abgehalten wurden. Zu diesem Thema fällt mir eine teils amüsante Geschichte ein: Es war so ziemlich am Beginn der Dienstzeit meines Vaters, als am Abend im Erdgeschoss des neuen Schulhauses einer der wöchentlichen Englischkurse abgehalten wurde, welche dann spätestens gegen 22 Uhr endeten. Just, an einem solchen Englischkurs-Abend, es müsste aber schon zwischen 1 Uhr und 2 Uhr in der Nacht gewesen sein, schritt der gute Schultes Bosch am Schulhaus vorbei in Richtung Jägergäßle, zu seinem trauten Heim. Im Vorbeigehen sah er mit Bestürzung, dass die Vorhänge in dem besagten Klassenzimmer noch zugezogen waren und somit gegenüber den anderen Klassenzimmern, von außen gesehen, kein einheitliches Bild mehr boten. Er wusste in seiner Trollinger-Laune nichts anderes, als zu dieser sehr späten Stunde bei uns in der Wohnung Sturm zu läuten, um diesen Zustand bei meinem Vater umgehend zu reklamieren. So konnte er auch wieder sein, unser Gustav. (Sofort handeln – nix auf die lange Bank schieben ☺).

Das große Reinemachen war dann immer an den großen, sechswöchigen Sommerferien angesagt. Da wurde alles nass geputzt, gewachst und gebohnert, bis alles glänzte, wobei diese Putzerei fast die halbe Ferienzeit in Anspruch nahm.

 

Ludwigs Klasse – Coole Jungs mit ihrer Lehrerin Frl. Essig, spätere Frau Düver (Archiv Burghard)

 

1954 wurde ich eingeschult, es gab je eine Buben- und eine Mädchenklasse. Natürlich wurde auch ein Klassenbild mit der Lehrerin aufgenommen, allerdings gab es kein Gemeinschaftsbild, sondern wir wurden getrennt nach Konfession fotografiert, warum, weiß ich bis heute nicht, scheinbar war da in so manchen sturen Köpfen die längst abgeschaffte Konfessionsschule noch gegenwärtig. In all den Jahren kamen auch immer mehr Zeissianer, meist aus Jena, nach Oberkochen und somit wuchs auch die Schülerzahl an der Schule sehr schnell an. Es wurde eng in den Gebäuden. Der Umkleideraum vor der Massendusche im Keller musste als Unterrichtsraum, meist für den Religionsunterricht, herhalten. Das ist nur ein Beispiel von so vielen Notlösungen, welche notwendig waren, um einen ordentlichen Schulbetrieb zu gewährleisten. Auch in dem damaligen Rathaus wurde es so langsam eng und enger. Neben Auslagerungen verschiedener Amtsstellen wurden auch die Gemeinderatssitzungen im Schulhaus abgehalten. Dafür wurde ein Klassenraum von den Gemeindearbeiter ausgeräumt und mit passenden Tischen und Stühlen für die Räte ausgestattet. Nach der Sitzung wurde alles wieder ausgetauscht, damit am nächsten Morgen das Zimmer für den Unterricht wieder bereitstand. Nach dem Anbau eines Sitzungssaales im damaligen Rathaus, war auch dieses Procedere beendet. Und so kam es, dass das vor wenigen Jahren neu erbaute Schulgebäude schon wieder aus allen Nähten platzte.

Also, wurde 1958 das dringend erforderliche Schulgebäude erstellt, mit genügend Klassenräumen, einer Lehrküche, Physikraum, Musiksaal, Karten- und Lernmittelzimmer, einem geräumigen Lehrerzimmer und dazu noch ein schönes Rektorat. Gleichzeitig, im Zuge dieses Neubaus, wurde die Heizung auf Ölbetrieb umgestellt, was natürlich eine enorme Erleichterung für den Hausmeister war. Dieser Neubau erfüllte unseren Bürgermeister, nebst Gemeinderat und auch Verwaltung, mit einem gewissen Stolz. Oft, auf dem Weg zu seinem Amt, schritt vorher Bürgermeister Bosch ab und zu, mit seiner unerhört göttlichen Würde, um seine Worte zu gebrauchen, durch seine Schule. Er nutzte dabei die Gelegenheit, dem Hausmeister und auch der Schulleitung den einen oder auch anderen Hinweis zu geben. Gleichzeitig konnten auch die Schulleitung und der Hausmeister ihre Reklamationen, Wünsche und Hinweise direkt an den Schultes richten.

Während ich das alles aufschreibe werden auch noch andere, schöne Erinnerungen wach, wie z.B. das jährliche Mosten, als man den Süßmost in die Fässer im Gewölbekeller fließen ließ, oder auch die Hausschlachtungen im Wäschekeller. Später, in meinen Jugendjahren, haben wir dann die gewölbten Kellerräume aus ihrer tristen Vergangenheit gerettet und diese zum zünftigen Partykeller umgemodelt, für welche sie eigentlich wie geschaffen waren. Wir haben dort tolle Partys und Feste gefeiert, mit nicht selten an die 30 Personen, was natürlich auch dem Bürgermeister zugetragen wurde (Ein Schultes hat immer seine Informanten). Nach kurzem Verbot und einer eingehend feuchten Verhandlung mit dem Schultes am Stammtisch im Pflug, wurde von Bosch wieder grünes Licht gegeben: „Buaba feirat, so lang ihr wellat!!!“. Julius Metzger, der damals unseren Schultes begleitete, protestierte jedoch energisch: „Nein, das geht nicht, das ist ein Sündenpfuhl!!“ Worauf Gustav Bosch laut antwortete: „Julius, halt dei Gosch !!“ Und so war es nicht verwunderlich, dass sich der liebe Gustav einmal zur späten Stunde bei uns im Keller zu einem Absackerviertele einfand. Meine Eltern, die Glaser Wingert-Eltern, Mutter vom Gruppa-Paul u.a. waren sich einig: „Dao wissat mir wenigstens, wo die Lausbuaba send.“ Doch alles haben sie dann auch nicht mitbekommen..…

Wie bereits erwähnt, war das Wohnen hoch droben im alten Schulhaus schon etwas Ungewöhnliches und so gab es auch hin und wieder spannende Ereignisse. So wurden von der Firma Mannes in den Ferien die vier Holztreppen bis zum 2. Stock ausgewechselt, wofür wir zwei Tage von unserer Wohnung ausgesperrt wurden. Die zwei letzten Treppen zu unserer Wohnung wurden leider nicht erneuert, sie knarrten und ächzten lustig weiter und verrieten somit oft meiner wachsamen Mutter mein viel zu spätes Heimkommen. Noch viel spannender war es, als Anfang der Sechziger, an der Giebelseite des alten Schulhauses zur Dreißentalstraße hin, der Abriss für den Arkadendurchgang anstand. Keiner der Verantwortlichen war sich damals sicher, ob das Herausbrechen des halben Klassenzimmers, samt der tragenden Außenwand, auch keinen größeren Einsturz verursachen würde. Diese sehr heikle Arbeit wurde natürlich in den großen Ferien durchgeführt, somit war die Schule leer und es war nur noch die dreiköpfige Hausmeisterfamilie, nebst Inventar der Gefahr ausgesetzt, im rasanten Tempo vom dritten Stock auf die Straße zu „plotzen“. Auch hier mussten wir wieder zwei Tage ins Asyl, bis die Baustelle wieder bombensicher abgestützt und gesichert war.

Einmal kam es vor, dass meine Eltern, beide mit einer heftigen Grippe, das Bett hüten mussten. Leider gab es in der Gemeinde keinen Hausmeistervertreter, um den mein Vater vielfach und gebetsmühlenartig gebeten hatte, der sich mit der Heizungsanlage und auch mit den sonstigen Aufgaben auskannte. Ich war damals wohl zwölf Jahre alt und kam somit als einziger Stellvertreter in Frage. Am Bettrand wurden mir von meinem Vater die notwendigen Handgriffe an der Heizung und für den sonstigen Betrieb, erklärt. Voller Stolz, als kleiner Hausmeister, trat ich meinen Dienst gegen 6 Uhr an, um eben die mir angegebenen Arbeiten auszuführen. Meine schönste Belohnung war dann, dass ich erst zur zweiten Stunde zum Unterricht musste.

Ein kurioses Erlebnis war, als die Firma Fritscher einer der ersten Fernseher für ein paar Tage bei uns im Wohnzimmer zur Probe aufstellte, um zu testen, ob ein Empfang in dieser Höhe besser, als in den unteren Lagen wäre. Gegen Abend kam dann Herr Fritscher mit seinem Elektriker, um den Apparat in Betrieb zunehmen. Der halbe Gesangverein saß bei uns im Wohnzimmer, als ein Fußballspiel aus England übertragen wurde, in welchem aber nur Nebel und Schatten auszumachen waren (Technische Probleme oder Londoner Nebel?).

Auffallend war auch die Hellhörigkeit unserer Wohnung zu den unter uns liegenden Klassenzimmern, weil diese gegenüber den Räumen in den unteren Etagen um einiges niedriger waren. Als ich später im Berufsleben stand und somit auch samstags gerne ausgeschlafen hätte, fand ich das schon etwas störend. Heute dagegen finde ich es eher lustig. Damals war noch an den Samstagen der Schulunterricht angesagt. Unter meinem Schlafzimmer war das Klassenzimmer von Konrektor Braun, der immer eine obere Mädchenklasse unterrichtete. Samstag 7.30 Uhr wurde ich stets, einem lästigen Wecker gleich, mit dem obligatorischen, gemeinsamen Gruß der Mädchen: „Gu-ten-Mor-gen- Herr-Braun!!!“ jäh aus meinem notwendigen Tiefschlaf gerissen. Nach einem glücklichen Wiedereinduseln vernahm ich dann die unverwechselbare Stimme von dem Konrektor mit seiner präzis-betont, einflößend und lauten Stimme. Ich konnte jedes Wort, egal ob Lehrer oder Schülerinnen, deutlich hören. Am schlimmsten war es immer, als Herr Braun sein altes Harmonium quälte und die Mädchen ihn mit ihren hohen und kreischenden Stimmen begleiten mussten. Da half nur noch die Flucht aus meinem Zimmer.

Einmal, es war ein samstäglicher Spätnachmittag im Winter, saßen ein paar Freunde und ich gelangweilt in unserem Stüble, meine Eltern waren nicht zu Hause. In der Turnhalle wurde eine größere Versammlung vom Turngau Braunenberg abgehalten, also Gäste und Funktionäre aus dem ganzen Oberamt. Redner am Mikrofon, die Halle war hell beleuchtet. Ich sagte so nebenbei, dass ich mit einem Finger diese Versammlung beenden könnte, denn eine Treppe tiefer befanden sich Sicherungskästen und tatsächlich, da gab es einen kleinen Schalter, mit dem man den Strom in der gesamten Halle abschalten konnte. Begeisterung ohne Ende unter den elektrisierten Freunden. Gesagt, getan – ich „hatte die Macht“ und legte den Schalter um und wir sahen dann am Fenster, wie es in der vollbesetzten Turnhalle „kuahnaacht“ wurde und das Mikrophon seinen Dienst versagte. Nach wenigen Sekunden rannte schon ganz aufgeregt ein TVO-Funktionär aus der Halle in Richtung Hausmeisterwohnung. Als dieser auf dem halben Weg war, ließen wir wieder die Halle hell erleuchten, worauf gleich der nächste Funktionär den Melder zurückrief: „Bleib dao, s gat wiedr !!!“ Wir wiederholten den Spuk noch zweimal und sahen belustigt zu, wie die TVOler verzweifelt in Richtung Hausmeisterwohnung rannten, aber immer wieder auf halbem Weg zurückgepfiffen wurden. Es war ein Heidenspaß – natürlich nur für uns ☺.

Noch eine Turnhallengeschichte. Mein Vater kam etwas später von seinem Dämmerschoppen zurück, die Turnhalle sollte eigentlich zu dieser Stunde schon dunkel sein, jedoch im Geräteraum brannte noch ein Licht. Vorsichtig betrat er die Halle und überraschte dabei ein Sportlerpärchen wie es gerade noch innigst dabei war ihre Kürübungen auf der Matte noch etwas auszufeilen.

Wollte man nach Feierabend etwas vom Hausmeister, so wurde an der Klingel „geschellt“, denn eine Sprechanlage oder Telefon gab es natürlich nicht. So hielt es auch einmal der unvergessene BCO-Manager Waldi Spindler, der gerade seine Jahresfeier in der Turnhalle vorbereitete und in seinem breiten, thüringischen Dialekt zu mir hoch rief: „Is Hardin da ?!!“ „Noe, warom ?!!“ „Brauch die Dischdiiecher für die Dombola, aber nich die griien, die waißn!“ Dieser lustige Mundart-Dialog ist mir bis heute unvergessen und wird immer wieder unter uns Freunden nachgeahmt.

 

Der „Harde“ im sportlichen Angriffsmodus (Archiv Burghard)

 

Das sind in sehr groben Zügen meine Erinnerungen und Erlebnisse als Hausmeistersohn während der 21jährigen Tätigkeit meines Vaters, dem „Harde“, als Hausmeister der Dreißentalschule. Mein Vater beendete am 31.12.1972 seinen Dienst und sein Berufsleben, worauf wir wieder zurück in unser Eigenheim ins Dreißental zogen, was aber meiner Mutter, die sich sehr darauf gefreut hatte, leider versagt blieb, da sie kurz vor dem Umzug überraschend verstarb.

Dieses war der zweite Streich und der dritte folgt sogleich.
Bis dahin grüßt wie immer „Der Billie vom Sonnenberg!“

 

Wilfried „Billie Wichai“ Müller, Email: wichai@t-online.de, Mobil: 0171 2217 530, Frühlingstraße 2, 73447 Oberkochen oder Postfach 1328, 73444 Oberkochen

 
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