Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 720
 

Meilensteine Teil 1b – Die End40er und 50er Jahre

 

1951 im Jahr des Hasen – Berber Kalender 2901

 

Welt.

Die Regenbogenpresse hatte ein Thema gefunden: Die Hochzeit des Schahs mit seiner Soraya. Das erste SOS-Kinderdorf wurde in Imst / Tirol gegründet.

 

Deutschland.

Wir hatten wieder eine Nationalhymne. Präsident Truman verkündete das Ende des Kriegszustandes mit Deutschland. Wichtige Messen hatten ihren ersten Auftritt: In Frankfurt die „Automobilmesse“ (noch nicht international) und in Köln die „Photokina“. Ein Hammerfilm im Kino – die „Sünderin“ mit Hildegard Knef, der aber erst durch die Kirche mit Ablehnung und Androhungen von der Kanzel zu einem Publikumserfolg wurde. In diesem Sommer packten alle die Badehose ein, von der Conny Froboess sang. Deutscher Fußballmeister wurden die „Roten Teufel“ aus Kaiserslautern.

 

Oberkochen.

(1) Betriebsangehörige von Zeiß-Opton gründeten unter Heinrich Sonnberger die Segelfliegergruppe. (2) Xaver Maier eröffnete in der Heidenheimer Str. 21 ein Fachgeschäft für Schmuck und Uhren. (3) Kaum zu glauben, wenn wir heute diese Beschreibung von damals lesen: „… es sind in diesem Jahr die vielen neu eröffneten Einzelhandelsgeschäfte, deren preiswerte Festtagsangebote in hell erleuchteten Vitrinen zu einem Bummel am Abend verlocken. Geradezu städtisch mutet nunmehr die lange Front der schmucken Auslagen an…“ (4) Der Gewerbeverein wurde unter dem Glasermeister Paul Wingert sen. wieder gegründet. (5) Großumzug bei Zeiß-Opton. Die neue Shed-Halle wurde mit einigen hundert Maschinen ausgestattet. Sicher eine Mammutaufgabe, die den Beteiligten noch lange in Erinnerung geblieben ist. (6) Es wurde ernsthaft die zweimalige Postzustellung an einem Tag diskutiert. Aber die Oberpostdirektion in Stuttgart gab klar Auskunft: Das gab es erst ab 10.000 Einwohnern und mit 3.674 war die Gemeinde noch meilenweit davon entfernt. (7) Wegen diverser Holzdiebstähle und Waldverwüstungen verwies die Realgenossenschaft darauf, dass das Sammeln von Leseholz nur noch samstags mit einem unterschriebenen Leseholholzzettel gesammelt werden darf. (8) Sog. Elendsquartiere wurden beseitigt.

 

Das alte Armenhaus im Brunkel (Archiv Müller)

 

Das Armenhaus im Kapellenweg 8 wurde abgetragen und dafür ein Vierfamilienhaus in der Lerchenstraße erbaut. (9) Das Volksbildungswerk veranstaltete einen Abend zum Thema „Erziehung zur Charakterfestigkeit“ mit Hauptlehrer Eha aus Dewangen. (10) Zum ersten Mal spielte nach dem Krieg mit dem S.C. Kriens eine Schweizer Fußballmannschaft gegen unseren TVO. Vor 1.000 Zuschauern setzte sich der TVO mit 7:2 gegen die ersatzgeschwächten Gäste durch. Das Ganze wurde durch herzliche Begrüßungen und einen gelungenen Kameradschaftsabend abgerundet. Das Rückspiel in Kriens ein paar Monate später endete 3:3.

 

Die Veste Coburg in Oberkochen (Archiv Müller)

 

(11) Die „Veste Coburg“ wurde in Oberkochen an der Brunnenhaldestraße bezogen. Der Name entstand, weil in diesen Gebäuden überwiegend Coburger Familien einzogen.

 

Das Oberkochner Kino – Ein Highlight in unserem Leben (Archiv Müller)

 

(12) Das Kino in der Dreißentalstraße (heute Pizzeria) wurde von den Baugeschäften Franz Wingert und Anton Trittler erbaut, die von dem Utzmemminger Kaufmann Albert Schleicher beauftragt wurden. Die Zimmerarbeiten oblagen den Firmen Franz Brunnhuber und Willibald Mannes. Es wurde auch Zeit, da das Martha-Leitz-Haus dafür nicht länger zur Verfügung stand und ein Vorhaben in der Katzenbachstraße nicht umsetzbar war. Die Schleicher-Kinder sind uns allen noch bekannt, da wir mit ihnen in die Schule gegangen sind: Hans, Alfred und Roswitha. (13) Schlechte Zeiten für die Postboten. Warum? Die Neubaugebiete Brunnenhalde, Weingarten und Sonnenberg erforderten bei Wind und Wetter schwersten körperlichen Einsatz. Zweirädrige überdachte Handwagen mussten von den Zustellern den Berg hochgezogen werden. Und war der Wagen voll, musste sich der Bote noch selbst mit Paketen behängen. (14) Die Firma Reiser und Söhne aus Biberach baute eine neue Orgel in der katholischen Kirche ein. Bei der Einweihung ertönte als erstes das immer wieder beeindruckende „Großer Gott wir loben dich“. Für die gesangliche Ausgestaltung zeichnete der Kirchenchor, unter Leitung von Lehrer Zweig, verantwortlich. (15) Die neue Turnhalle im Dreißental wurde eingeweiht. Natürlich zeigten die Turner dabei, was sie können. Walter Forell, Otto Griebisch, Willibald, Mannes, Edmund Schoch, Karl Schweizer, Josef Voigtmann, Karl Wannenwetsch und Peter Weinhart zogen alle Register, um das Publikum zu begeistern.

 

Meine kleine Welt.

Die Eltern hatten alles getan, um mich anzulocken. Es wurde geheiratet, ein Familieneinkommen war gesichert und das Nest fertiggebaut. Der VfR Aalen hatte es im Jubiläumsjahr in die 2te Liga geschafft und die „Härtsfeld-Schättere“ feierte ihren 50ten – nun konnte der Stammhalter (also ich) gezeugt werden – vielleicht in einer lauen Maiennacht.

 

1952 im Jahr des Drachen – Buddhistischer Kalender 2496

 

Welt.

In Kenia brach der Mau-Mau-Aufstand gegen die Besatzungsmacht Groß-Britannien aus. Sportliches Highlight waren die Olympischen Spiele in Helsinki (Sommer) und Oslo (Winter) mit dem Superstar Emil Zátopek. Die Zeitungen hatten auch ihre Geschichte – Krönung von Elisabeth II. Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ erschien als Buch.

 

Deutschland.

Wir bekamen Helgoland zurück – den Vögeln war es egal, wem die Insel gehörte. Aus 3 mach 1: Baden-Württemberg ging aus den Ländern Baden, Württemberg und Hohenzollern hervor. Die ersten Zebrastreifen wurden in München auf die Straße gemalt. Und auch für die Bildung wurde etwas getan. Die BILD erblickte das Licht der Welt ☺. Der Boxer Peter Müller (de Aap) schlug den Ringrichter K.O. und der VFB wurde in meinem Geburtsjahr Deutscher Fußballmeister. Hat aber nix genützt – habe mich dann doch später für Borussia Dortmund entschieden. Lale Andersen besang die „Blaue Nacht am Hafen“.

 

Oberkochen.

(1) Die „Spar- und Darlehenskasse“ wurde in die „Genossenschaftsbank Oberkochen“ umgewandelt. Geschäftsführer: Ernst Strohmaier Vorstand: Werkmeister Karl Schmid, Landwirt Franz Balle, Fabrikant Albert Bäuerle. Aufsichtsrat: Bürgermeister Gustav Bosch, Fabrikant Heinrich Grupp, Rechner Heinrich Grupp, Zimmermeister Willibald Mannes sen., Kaufmann Sebastian Fischer, Glasermeister Paul Wingert, die Landwirte Anton Balle und Eugen Sapper sowie Zimmermeister Franz Brunnhuber. (2) Ein Abfahrtslauf der Zeissianer wurde durchgeführt. Start am Leitz-Haus, über den Nordhang die Schlucht hinunter bis in den „Kessel“. Die Schneeverhältnisse mit 80 cm waren topp und die anschließende Siegerehrung im Cafe Gold zünftig. (3) Auf der Hans-Maier-Schanze im Langert wurde nach dem Umbau der Rekord durch Richard Knoblauch von 39 Meter auf 45 Meter hochgeschraubt.

 

Die alte evangelische Kirche mit dem Bild des Kunstmalers Wanner – heute Stadtbibliothek (Archiv Müller)

 

(4) Die evangelische Kirche bekam ein neues Altarbild Christi Verklärung“ von Ernst Wanner.

 

Flugs wurden die Hänge in den Gewannen „Brunnenhalde“ und „Weingarten“ bebaut (Archiv Müller)

 

(5) Es wurde wieder massiv Wohnraum gebaut. Rund 200 Wohnungen entstanden in der Brunnenhalde, im Nelkenweg sowie in der Dreißental-, Garten-, Sperber- und Aalener Straße und in der Meisengasse. Schon gigantisch was in dieser kurzen Zeit möglich war – und heute dauert so etwas jahrelang. (6) Am Tag des Baumes wurden 20 Linden- und 30 Obstbäume gepflanzt. Solche Aktionen stünden uns heute, in Zeiten des CO2-Ausstoßes, auch wieder gut zu Gesicht. (7) Im kleinen Walsertal wurde das Ferienhaus „Schwaigerhütte“ in Hirschegg von Zeiss-Opton eröffnet. Sie bot 30 Personen Unterkunft. (8) Die Singgemeinde hatte beim Sudetendeutschen Tag in Stuttgart einen großen Auftritt. (9) Der Zeiß-Opton-Kindergarten zog in das alte Bergheim am Turmweg um. Im alten Gebäude im Kapellenweg verblieb der Kinderhort für die schulpflichtigen Kinder. (10) Das 8te Bezirksmusikfest mit integriertem Kinderfest wurde im großen Rahmen gefeiert und über das gesamte Festgeschehen ein Film gedreht, für den die Herren Fritscher, Pusch, Schleicher und Dr. Schmid verantwortlich zeichneten. Beim sonntäglichen Umzug säumten 10.000 Besucher die Straßen.

 

Unser Christopherus-Brunnen im Hof der Dreißentalschule

 

(11) Der Christopherus-Brunnen im Hof der Dreißentalschule, den die Bildhauerin Schönbohm aus Aalen fertigte, erfuhr seine Einweihung. Der Schülerchor unter Lehrer Zweig sang feierlich „Brüder reicht die Hand zum Bunde“ und schloss die Feier, bei der auch die beiden Pfarrer Fiedler und Hager würdevolle Worte fanden, mit dem Lied „Am Brunnen vor dem Tore“. (12) In der Schwäpo wurde ständig für die Groschenhefte der Serie „Die schwarze Hand“ geworben. Die 39 Hefte, die in den 50er Jahren ein Renner sind, kosteten 40 Pf. und hatten ein Umfang von 32 Seiten.

 

Das „literarische“ Highlight der 50er Jahre – Die Schwarze Hand (Archiv Müller)

 

(13) Die neuen 3stelligen Telefonnummern hielten Einzug. (14) In unserem Staatswald wurden 17.000 Fichten, 1.000 Forchen und 1.000 Lärchen gesetzt. Kauf, Reinigung und Umzäunung kosteten 3.200 DM. (15) Im Kreuzwasen der neue Sportplatz eingeweiht. Das Fest begann, wie immer in Oberkochen, mit einem Festzug.

 

Meine kleine Welt.

Alles war gerichtet. So konnte ich, begleitet von meiner Hebammen-Oma (Barbara „Babette“ Müller geb. Gröber aus Brastelburg, wohnhaft in Waldhausen) am 1. März 1952 um 7:34 Uhr in aller Herrgottsfrühe im Schlafzimmer des Hauses Sonnenberg 34, in die Welt drängen. Als echte Hausgeburt kann ich mich daher völlig zurecht als „Billie vom Sonnenberg“ nennen ☺. Anmerkung: Am gleichen Tag wurde auch Harry Belafonte geboren, dessen Musik und Filme ich bis heute mag.

 

1952 Klein-Wilfried mit seiner Mutti Hilde vor dem neu gebauten Haus (Archiv Müller)

 

1953 im Jahr der Schlange – Islamischer Kalender 1372/73

 

Welt.

Im März starb Josef Stalin. Im Sommer wurde der Koreakrieg beendet, aber die Folgen sind bis heute zu sehen und eine Lösung ist derzeit nicht vorstellbar. Grandiose Erstbesteigung des Mount Everest am 29. Mai und des Nanga Parbat am 3. Juli durch Hermann Buhl. Wer einmal die Ausrüstungen von früher in Messner’s Museum gesehen hat, ist über die Leistungen von damals mehr als erstaunt.

 

Deutschland.

Im Januar wurde der Schüler-Lotsen-Dienst eingeführt. Der 17. Juni stand für den Volksaufstand in der DDR. Daraus wurde der spätere Nationalfeiertag. Am 30. August ging im TV eine Institution auf Sendung: Der Internationale Frühschoppen, in dem diskutiert, geraucht und getrunken wurde – heute gibt’s da nur noch Wasser. Der Verkaufspreis des Käfers wurde von VW auf 4.200 DM gesenkt. Ein weiteres Highlight ging auf der Mattscheibe an den Start – die unsterbliche Augsburger Puppenkiste: „Eine Insel mit zwei Bergen……“ (das war dann aber erst später). Deutscher Meister wurde in diesem Jahr der 1. FC Kaiserslautern und das Sunshine Quintett sang „Vayo condios“.

 

Oberkochen.

(1) Der erste Oberkochner, der im neuen Jahr das Licht der Welt erblickte war, der leider früh verstorbene, Peter Harpeng. (2) Der Schachverein führte mit dem 25jährigen württembergischen Landesmeister Egon Joppen (Mitarbeiter bei Zeiß-Opton) im Gasthaus „Lamm“ an 20 Brettern einen Simultan-Kampf durch. 17 Partien gewann Egon Joppen locker, zwei verlor er an Franz Weber und Oskar Strohmaier und eine Partie endete Remis. Grundsätzlich beeindruckte er die Spieler durch seine Geschwindigkeit und seine strategischen Züge. (3) Die Boxabteilung wurde von 40 Mitgliedern gegründet. Vorstand Walter Schikore, Stellvertreter Fred Betzler, Schriftführer Erich Knopf und Kassier H. Barinek. (4) Otto Kopp startete durch Übernahme von seinem Vater Emil in der Heidenheimer Str. 44 mit seinem Fachgeschäft für Lebensmittel, Obst, Gemüse, Spirituosen und Rauchwaren. (5) Die Milchgenossenschaft berichtete über 58 Mitglieder, 242 Kühe und 328.835 kg Milch. Das ergibt rund 1.360 kg je Kuh. Heute muss eine Kuh schon 50 kg/ltr am Tag, d.h. rund 18.250 kg/ltr bringen. Kaum zu glauben, so änderten sich die (Milch-)Zeiten. Da sage ich nur – das sind arme Schweine, die Kühe von heute. (6) Die evangelische Kirche bekam einen neuen Turm, in dessen Kreuzgewölbe zur Einweihung Urkunden, Zeitungen und Münzen eingemauert wurden, wie das üblich war. (7) Ein Highlight vor ausverkauftem Haus im Schleicher’schen Kino war der Besuch von „Pat und Patachon“, aus Anlass eines neuen Films mit den beiden Schauspielern. An diesem Tag gibt es drei ausverkaufte Vorstellungen ihres neuen Films und die beiden wurden kräftig gefeiert und ihre Darbietungen laut beklatscht.

 

Pat und Patachon – das deutsche Äquivalent zu Dick und Doof (Internet)

 

(8) Der Sängerbund feierte sein 75jähriges Jubiläum. Der Cafetier Josef Gold wurde als dienstältester Sänger (60 Jahre Mitglied) gefeiert. Die Gründung erfolgte 1877 durch den Lehrgehilfen Rettich aus Friedigen. (9) Auch der TVO feierte ein Jubiläum – sein 50jähriges. Die Männer der ersten Stunde waren Vorstand Schultheiß Bucher, Turnwart Wilhelm Baumgärtner, Vize Julius Schaupp, Schriftführer Richard Frank, Kassier Friedrich Hoffmann sowie der Ausschuss mit Johannes Gold und Jakob Wehrle. Die ersten Barrenturner waren Josef und Karl Fischer, Hans Schuhmacher, Anton Grupp und Wilhelm Beisswanger. Ebenso wurde in diesem Jahr ein großes Gauturnfest gefeiert. (10) Der 5.000 Einwohner wurde geboren – Willi Günter Michael Krenzke, Sohn von Günter und Erika Krenzke. (11) Der Mechanikermeister Paul Gold wanderte mit seiner Frau nach Australien aus und wurde am Bahnhof feierlich mit Chorgesang verabschiedet. (12) Die Turner waren mit Elisabeth Honikel, Ingrid Friebe, Hans Düver, und Emil Schneider beim Deutschen Turnfest im Hamburg erfolgreich vertreten. (13) Nach mehr als zwei Jahrzehnten fand wieder eine Cäcilienfeier statt. (14) Auch der Realwald bekam Nachwuchs in Form von 40.000 Fichten und 10.000 Forchen. (15) Die Bäckerei Brammen suchte für den Laden „ein junges Mädchen, das ehrlich ist und gut rechnen kann“ (16) Albert Brenner eröffnete in der Gartenstraße 28 ein Tapezier- und Polstergeschäft. (17) Herbert Betzler beginnt sein Elektrogeschäft in der Aalener Straße 7. (18) Unfried verkaufte ab diesem Jahr Märklin-Erzeugnisse – darauf haben die Väter (!) Lange gewartet. (19) Der Bürgermeister berichtete im Blättle stolz darüber, dass von einst 23 Dunglagen (auch gut Deutsch Misthaufen) an der Aalener und Heidenheimer Straße nunmehr der letzte beim „Napoleon“ Karl Fischer „geschliffen“, also demontiert, wurde. Die Gemeinde war eindeutig auf dem Weg zur Stadt.

 

Der letzte Misthaufen in der Aalener und Heidenheimer Straße muss dran glauben (Archiv Rathaus)

 

Meine kleine Welt.

Das erste Jahr hatte ich gut hinter mich gebracht. Ich wuchs und der Sonnenberg nahm auch langsam Gestalt an, auch wenn der damalige Ortsbaumeister Weber mit der Straßenplanung im Gewann „Weingarten“ keine glückliche Hand in der Planung hatte, zumal anfangs nur die Sonnenbergstraße geplant war.

 

Anfangs war nur die Sonnenbergstraße geplant (Archiv Müller)

 

1954 im Jahr des Pferdes – Seleukidischer Kalender 2265/66

 

Welt.

Im Januar sahen wir die größten Lawinenabgänge seit Menschengedenken in Österreich und der Schweiz. Diese forderten 106 Tote und 120 Vermisste. Es endete der sog. Indochina-Krieg und der Algerienkrieg begann. Die Menschheit konnte wohl nicht ohne Krieg – das ist bis heute so. Die Amerikaner missbrauchten meinen Geburtstag, um über dem Bikini-Atoll eine mächtige Wasserstoffbombe zu zünden, für deren Folgen sie bis heute die Verantwortung ablehnen. Das erste Kernkraftwerk ging bei Moskau in Betrieb und das erste Transistorradio beglückte die Welt (Texas Instruments) und Bill Haley „rockte around the clock“. Zum 100ten Mal wurde das Bootsrennen zwischen den Universitäten Oxford und Cambridge ausgetragen. Oxford gewann. Aktueller Stand 2019: 165 Rennen. 84 Siege für Cambridge und 80 Siege für Oxford.

 

Deutschland.

Die erste Bilderberg-Konferenz, der bis heute Verschwörungstheorien anhängen, wurde Ende Mai abgehalten. Theodor Heuss, ein Schwabe, wurde erster Bundespräsident. Am 4. Juli in Bern war es so weit: „Rahn müsste aus dem Hintergrund schießen….“ Der Rest ist Geschichte. Wir waren Weltmeister mit 3:2 gegen den Favoriten Ungarn. (WM – konnte ja gar nicht anders sein. Sind schließlich auch meine Nameninitialen ☺) und Hannover 96 wurde Deutscher Fußballmeister. Fred Rauch sang „Oh Mr. Swoboda“.

 

Der Bundespräsident „Papa“ Theodor Heuss zu Besuch in Oberkochen (Archiv Müller)

 

Oberkochen.

(1) „Papa“ Prof. Dr. Heuss kam am 1. Mai auf einen Besuch zu Carl Zeiss nach Oberkochen, um dort eine Rede an die Deutsche Arbeiterschaft zu halten, die bundesweit übertragen wurde. (2) Zeiss baute weiter. Nun den sog. „6-stöckigen Stockwerksbau 1954“. Da wurden zeitweise bis zu 200 Bauarbeiter beschäftigt. (3) Die Gartenstraße, als Verbindung vom „Zum Mahd“ bis zur „Feigengasse“ wurde fertiggestellt.

 

Das Postamt bekam eine neue Schalterhalle (Archiv Rathaus)

 

(4) Das Postamt bekam eine neue Schalterhalle. (5) Das Dreißental ein paar Straßenverbesserungen: Verbreiterung der Dreißentalstraße, Ausbau der Keltenstraße, eine Verbindungsstraße vom Dreißental zur Ziegelstraße sowie eine Kurvenüberarbeitung der Volkmarsbergstraße. (5) Mein Vater, Georg Müller (Hebammen-Schorsch) war damals Vorstand des Radfahrvereins Oberkochen. Der Verein, im Juni wieder gegründet, startete auf dem Gelände des landwirtschaftlichen Betriebes Trick eine große mehrstündige Veranstaltung, mit Unterstützung der befreundeten Radler aus Unterkochen, Ebnat und Aalen, um den Verein voran zu bringen. Recherchen über die anschließenden Monate und Jahre ergaben, dass der Verein relativ schnell wieder die Segel strich, da er sich mit den Anforderungen von Straßenrennen völlig überfordert sah. (6) In der Dreißentalstr. 24 zog die Volkmarsbergapotheke von Ulrich Irion ein. Modern und zweckdienlich mit Labor und Arzneikeller wurde es von dem Stuttgarter Architekten Wolf Irion, einem Verwandten, konzipiert. (7) In der Gemeinderatsitzung wurde neue Technologie zur Protokollierung ausprobiert – Tonbandaufnahmen, die allerdings nach der Abschrift sofort wieder gelöscht wurden. (8) Edwin Gold im Kronengässle kaufte Weinbergschnecken auf und zahlte dafür 40 Pfennige für das Kilo. (9) Eine große Modeshow im „Hirsch“ moderiert vom Süddeutschen Rundfunk mit anschließender Tanzmusik der Kapelle „MTO W. Giebner“. Folgende Geschäfte nahmen teil: Damenmoden Josef Krok, Hutmoden Helene Burger, Damenpelze Anton Eberle (Ellwangen), Damenschuhe Paul Grupp, Ledertaschen Albert Brenner, Schmuck und Uhren Hans Wälder, Frisuren Damensalon Wanner, Blumendeko Gärtnerei Mahler und Wilhelm Fritscher (eh klar) für Mikro und Beleuchtung.

 

Meine kleine Welt

war immer noch überschaubar. Meine Mutti schleppte mich schon, ab dem Moment als ich laufen konnte, nach Fulda, um ihre Schwester zu besuchen. Damit beginnt auch meine emotionale Bindung an diese schöne hessische Stadt, die anfangs nahe der Zonengrenze liegt, im Bereich des sog. GAP, heute liegt sie, eingebettet in schöner Natur, in der Mitte der Republik.

 

1955 im Jahr der Ziege – Badi Kalender 111/12

 

Welt.

In Montgomery USA weigerte sich Rosa Parks einem Weißen im Bus Platz zu machen – das war die Geburtsstunde der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. In UK trat Winston Churchill von seinem Amt zurück. Seine Markenzeichen waren der Spruch „No Sports“ und dicke Zigarren. Eines der schönsten Autos (bis heute) eroberte die Welt – der Citroen DS 19. In Le Mans geschah das größte Unglück der Rennsportgeschichte. Der Mercedes-Rennwagen von Pierre Levegh explodierte wie eine „Magnesiumbombe“ und flog in die Zuschauermenge. 84 Menschen starben in der Hölle von Le Mans. Die Motorwelt war geschockt – aber nur kurz, denn die Welt drehte sich wie immer weiter.

 

Deutschland.

Die Bundeswehr wurde gegründet. In Russland gab es immer noch Kriegsgefangene, die nach Hause wollten – auch aus Oberkochen. Lufthansa führte den ersten Nachkriegsflug von Hamburg nach München durch. Der Millionste Käfer lief vom Band, Rot-Weiß Essen wurde Deutscher Fußballmeister und Bruce Low sang über „Das alte Haus von Rocky Tocky“. Im Fernsehen lief zum ersten Mal „Welches Schweinderl hätten’s denn gern“ – nein, natürlich hieß die Sendung „Was bin ich?“ mit Robert Lemke.

 

Oberkochen.

(1) Carl Zeiss führte am 1. Januar die 5-Tage-Woche mit 45-Stunden ein. (2) Am 19. April begann der Unterricht für die neuen ABC-Schützen: 46 Buben und 42 Mädchen (das waren noch Zeiten) (3) Gleichzeitig schlug die Grippewelle zu. Teilweise fehlten 50 % der SchülerInnen in einer Klasse. Von einer Schließung der Schule wurde aber abgesehen. So leicht knickte man damals nicht ein. Insgesamt hatte die Volksschule 653 SchülerInnen. (4) Wie jedes Jahr trug der Cannstatter Ski-Club seine Vereinsmeisterschaften bei uns aus. (5) Die Vergnügungssteuer wurde von einer Pflicht-Steuer auf eine Kann-Steuer herabgesetzt. Für die Gemeinde aber unabdingbar und daher auf 20 % festgesetzt. Spielautomaten wurden besonders hoch besteuert (10 DM monatlich) und manches andere wurde befreit wie z.B. Theater-, Musik- und Gesangsveranstaltungen Oberkochner Vereine. (6) Das schönste Baugebiet Gutenbach-Bühl wurde für 130 Bauplätze mit 250 Wohnungen freigegeben. (7) Die Bielitzer (Vertriebene, die eine besondere Beziehung zur Fa. Bäuerle haben), rund 100 Personen, organisierten ihr erstes Treffen nach dem Krieg. Gefeiert wurde tw. in Tracht mit Gedicht, Musik und Gesang.

Beim Bielitzer-Treffen – sind die heute alle noch in Oberkochen?

 

(8) Unter dem „Lamm“ richtet Metzgermeister Karl Reber eine neue Metzgerei ein. (9) Erich Hahn, ein Oberkochener Urgestein, gebürtig vom Härtsfeld, bestand erfolgreich seine Meisterprüfung. (10) Die Handballer des TVO stiegen in die Landesliga auf. (11) Die Fußgänger wurden von der Gemeinde aufgefordert die Gehsteige zu benutzen – vermutlich waren wohl die „Zeissler“ damit gemeint. Erinnert mich irgendwie an „Mia san mia“. ☺ (12) Es wurde 200 Jahre Marien-Kapelle gefeiert (1755 bis 1955). In der Reihenfolge waren das die Kapellen „Zum Wiesenherrgott“ in den Schwörzwiesen, dann die Kapelle „Zur Hl. Ottilie“ und die „Marien-Kapelle“ im Weingarten. (13) Die Gemeinde hatte nun 6.000 Einwohner. Am 10. September wurde Ottmar Bihlmaier geboren. (14) Der Abschluss der Bauarbeiten an der evangelischen Kirche (heute Stadtbibliothek) wurde mit einem Festgottesdienst gefeiert. (15) Bürgermeister und Gemeinderat mussten sich weiter mit der Frage beschäftigen: Oberkochen wächst weiter – was nun? (16) Fritz Leitz modernisierte seine Lehrwerkstätte. (17) Jetzt kommt etwas, das heute überhaupt „koiner mehr woiß“. Die „Internationale Bibliothek für Modellbauer“, mit einem Bestand von 250 Bänden und Tausenden von Fachzeitschriften aus Deutschland, der Ostzone, aus Europa, den USA und Japan, wurde auf Vermittlung des Vorsitzenden Karl Kühn von Frankfurt nach Oberkochen verlegt.

 

Meine kleine Welt

beschränkt sich auf ca. 200 m Sonnenbergstraße. Kinder gab es genug, dafür sorgten die Nachbarfamilien Schröder, Bauer, Müller, Huber und Vater. So war der Kindergarten keine Option für mich. Sozialisiert wurde zuhause und auf der Straße. Die Kleinen wurden von den Großen dominiert und gespielt wurde drinnen und überwiegend draußen.

 

Fortsetzung folgt!

 

Wilfried „Billie Wichai“ Müller, Email: wichai@t-online.de, Mobil: 0171 2217 530, Frühlingstraße 2, 73447 Oberkochen oder Postfach 1328, 73444 Oberkochen

 

 
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