Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 719
 

Meilensteine Teil 1a – Die End40er und 50er Jahre

 

Intro.

In dieser Form der Darstellung beschreibe ich mehrere Ebenen. Vom Großen zum Kleinen werde ich die Lupe führen. Was geschah in der Welt, in Deutschland, in Oberkochen und letztlich in meiner privaten kleinen Welt. Oder wie der Lateiner sagt: „A parva ad magna“. Dazu waren umfangreiche wochenlange Recherchen im Schwäpo-Archiv, in alten Amtsblatt-Ausgaben und in meinem Hirn-Kastel (wie Mutti zu sagen pflegte) notwendig. Es war nicht immer die große Geschichte, die uns in der Schule nahegebracht wurde, sondern oft waren und sind es die kleinen Geschichten, die uns wirklich etwas sagen und die in der großen Historie eingebettet sind. Die ausgewählten Bilder passen nicht unbedingt zur Jahreszahl, aber doch zum jeweiligen Thema.

Da die Schwäpo erst ab 1948 vorliegt, packen wir die beiden Jahre 1948 und 1949 einfach in den 50er-Jahre-Zyklus hinein. Ich hoffe, dass diese Idee in der Umsetzung gelungen ist und Interesse und Freude beim Lesen sowie ein Graben in eigenen Erinnerungen entwickeln wird. Mir hat’s in der Vorarbeit saumäßig viel Spaß bereitet und ich habe auch durchaus neue Erkenntnisse gewonnen. Also – jetzt seid ihr dran. Ich habe jedes Jahr einem willkürlichen Kalender zugeordnet, um zu zeigen, dass es eben nicht nur den einen, den gregorianischen gibt.

An die 50er Jahre erinnere ich mich relativ gut, obwohl ich noch sehr jung war. Die bemerkwertesten Dinge, aus meiner Sicht, waren die folgenden:

 

Essen, Trinken und das unvermeidliche Rauchen.

Der große Krieg war eben mal sieben Jahre her, als die ersten Meldungen auftauchten, die Deutschen seien zu dick. Das betraf aber wohl erst die, welche damals schon nicht wussten, wohin mit dem Geld. Fleisch (Schnitzel, Braten oder Falschen Hasen) gab es bei Müllers nur am Sonntag, aber mit Suppe, Spätzle und Soß‘ sowie ein frischer Nachtisch oder einer aus dem Einweckglas. Vati arbeitete für zwei, also musste er auch für zwei essen. Bis ihn der Arzt in den folgenden 60ern in Kur schickte. Als Folge der sog. Fresswelle gab es die steigende Anzahl von Kuren und deren Schatten(seiten) ☺. Man suchte Lokale auf, bei denen es viel zu essen und wenig zu zahlen gab – wie z.B. die Attenhofener Schnitzelbank. Zum Geburtstag waren die Buttercremetorte, Zitronenschnitten, der Kalte Hund und richtiger Bohnenkaffe (und kein Muckefuck mehr) sowie Sekt und liebliche Weine die Highlights. Nicht zu vergessen, der selbstgemachte Eierlikör aus Schokobechern, die anschließend gegessen wurden – sehr nachhaltig und die Mai- bzw. Erdbeerbowle. Später (womöglich rutsche ich hier auch schon in die 60er – sei’s drum) Hawaii-Toast mit Kochschinken und Ananas aus der Dose, Käse-Igel, Scheibletten- und Dreiecks-Käse usw. usf. Und Dr. Ötker, versetzte die Hausfrau in den 7. Kochhimmel. Der kalte Kühlschrank ersetzte den kühlen Keller. Als man noch etwas mehr Geld hatte, blieb ab und zu die Küche kalt, man ging dann in den Jahn’schen Wienerwald. Auf der Mattscheibe erschien der sehr beliebte Fernsehkoch Clemens Wilmenrod, der den Toast Hawaii populär machte. Auch getrunken wurde reichlich und mitunter deutlich zu viel – und das mitunter auch am Arbeitsplatz. Die Frauen mussten ihre Männer, deren Lohn oft noch wöchentlich ausgezahlt wurde, am Werkstor abpassen, bevor der Göttergatte in der nächsten Kneipe alles auf den Kopf bzw. in denselben haute. Früher schickte man die Kinder z.B. in den „Grünen Baum“ um offenes Bier zu holen, aber dann wurde Oberkochen von Flaschenbierhandlungen förmlich überschwemmt. Wir zählen 1959 sage und schreibe 32 Flaschenbierhandlungen:

 

Die Viren in den 50ern und 60ern.

Aber nicht nur Menschen reisten, auch Viren taten und tun das bis heute. Die Asiatische Grippe brach im Jahr 1957 in China aus. In Asien machte sich Panik breit. Das Virus bahnte sich innerhalb kürzester Zeit seinen Weg nach Japan und auf die Philippinen sowie nach Indonesien wo fast 20 Prozent der Bevölkerung erkrankten. Der Erreger gelangte dann per Schiff nach Australien und auf dem Landweg über Indien und Pakistan nach Europa (Fliegen war damals noch kein großes Thema). Ende der 60er wiederholte sich das Ganze und erhielt nun den Namen Hongkong-Grippe. Damit zählen die Asiatische und die Hongkong-Grippe nach der Spanischen Grippe (etwa 50 Millionen Tote) zu den größten Pandemien des 20. Jahrhunderts. Insgesamt forderte die Pandemie dieser Jahre weltweit etwa 1,5 Millionen Tote. Allein in Deutschland starben damals rund 30.000 Menschen.

 

Geraucht

wurde was das Zeug hält, von jung bis alt, ohne Rücksicht auf Verluste. Am Arbeitsplatz, zu Hause, in den Restaurants, in den Amtsstuben – überall. Und eine Werbung wurde dafür gemacht, das können wir uns heute nicht mehr vorstellen. Nahezu täglich erschienen in der Schwäpo ganzseitige! Werbekampagnen für die Zigaretten, ganz besonders für jene mit Virginiatabak – das war wohl etwas besonders für den Mann von Welt. Wir wollten ja auch nicht wegen jener Kleinigkeit in die Luft gehen und mancher griff daher zur HB. Meine erste (Zigarette) war 1968 die Peer 100. Eine schöne lange Zigarette in Slimline-Form, von der Werbung mit einem tollen Lifestile-Gefühl ausgestattet. Nachdem ich 10 Jahre lang reichlich geraucht hatte, denn bei der Marine kostete 1 ganze Stange schlichte 5 DM, hörte ich 1978 von heute auf morgen auf. Die alten Männer rauchten Zigarre (Weiße Eule aus Königsbronn) und schlotzten ihr Viertele dazu. Auch die Pfeifenraucher waren nicht zu übersehen, war aber mehr für diejenigen, die sich etwas abheben wollten – manche au oifach Oageber mit Täschchen ums Handgelenk.

Abschließend noch ein paar Rauchersprüche aus der damaligen Zeit: Siehst du die Gräber – dort im Tal, das sind die Raucher von Reval / – dort im Schnee, das sind die Raucher von HB / – dort im Ländle, das sind die Raucher von Rothhändle und abschließend noch: Willst du den Tod aus erster Hand, dann rauche Peter Stuyvesant.

 

Reisen und Urlaub.

Sobald die Menschen wieder mehr Geld in der Tasche und ein Auto hatten, ging es über den Brenner nach Bella Italia, um neben der gewaltigen Aufbauarbeit in Deutschland ein wenig Dolce Vita in Italien zu genießen. Dazu haben viele der heute Älteren tiefsitzende positive Erinnerungen an die schöne Sommerzeit an der Riviera. Wer allerdings nicht in Miete wohnte, sondern ein Häusle baute, musste sich das damals schon fast vom Munde absparen, denn für viele war doch das eigene Häusle wichtiger als drei Wochen Italien. B’sonders d’Schwoaba sind da doch pragmatischer und sparsamer gewesen als z.B. die Rheinländer oder die Ruhrpottler.

 

Bauen.

Das war überall ein Thema. Jeder brauchte bessere Wohnverhältnisse als sie sich nach Kriegsende darboten. Die Aufgabe der Gemeindeverwaltungen bestand darin Baracken- und sog. Elendsquartiere rasch aufzulösen und Hauseigentümer renovierten und modernisierten ihre Häuser. In Oberkochen entstanden dabei komplette neue Siedlungen.

 

Kalender.

Es gab und gibt auf der Welt viele Kalender, nicht nur den gregorianischen, nachdem die heutige Geschäftswelt primär arbeitet. Um das einmal zu zeigen, habe ich jedem Jahr irgendeinen Kalender zugeordnet.

 

Hinweis zum Chinesischen Jahr.

Sie können das nicht so einfach für Ihr Geburtsjahr ableiten, denn alles richtet sich nach dem Chinesischen Neujahr und das ist unterschiedlich von Jahr zu Jahr zwischen dem 21. Januar und dem 20. Februar.

 

1947 im Jahr des Schweins – Römischer Kalender VII idus Iunii MCMXLVII

 

Oberkochen.

Anfangen muss ich aber trotzdem im Jahr 1947 – genau am 7. Juni – denn da haben meine Eltern in der damals typischen Art, wie es in Oberkochen üblich war, geheiratet. Ohne dieses Datum würde es diesen Bericht nicht geben.

 

1947 – Die Dorfhochzeit von Hildegard, der Schneiderin aus dem Sudetenland, und Georg, dem Hebammen-Schorsch aus Brastelburg (Archiv Müller)

 

1948 im Jahr der Ratte – Byzantinischer Kalender 7456/57

 

Welt.

Am 30. Januar wurde Mahatma Ghandi erschossen und der Staat Israel am 14. Mai gegründet.

 

Der 1. F.C. Köln verewigt auf einem Oberkochner Garagentor (Archiv Müller)

 

Deutschland.

Ganz arg wichtig – durch Zusammenschluss des Kölner BC 01 und der SpVgg Sülz 07 entstand der 1. FC Köln. Ein ehemals erfolgreicher Verein, der heute nach neuen Erfolgen förmlich dürstet. Endlich kam das neue Geld, das alte taugte nichts mehr. Am 21. Juni wurde in den Westzonen die DM eingeführt und die wertlose RM hatte nur noch in den Ostzonen Gültigkeit. Über Nacht füllten sich die Schaufenster mit Waren und alle waren erstaunt wo diese Dinge überall so plötzlich herkamen. Am 24. Juni begann die Berliner Blockade. Ernst Reuter wurde Regierender Bürgermeister von Berlin. Am 11. Dezember gründete sich die FDP. Am 31. Dezember fand innerhalb der Luftbrücke die 100.000te Landung statt, Deutscher Fußballmeister wurde der 1. FC Nürnberg und alle sangen „Der Theodor im Fußballtor“ mit Theo Lingen.

 

Oberkochen.

(1) Das Thema „Bad“ fand das erste Mal den Weg in die Presse und das gleich gewaltig. Wir sollten nach langem Hin und Her doch ein Freiluft- und Schwimmbad in unmittelbarer Verlängerung des Sportplatzes bekommen. Der TVO wurde Bauherr und die Stadt übernahm die Finanzierung. Wer‘s glaubt wird selig ☺ (2) Vom Rodstein stürzte ein 19-Jähriger ab. Die Sonne hatte ihn müde gemacht und durch eine unglückliche Bewegung stürzte er im Schlaf ab, ohne dabei das Bewusstsein zu erlangen. Leicht verletzt schlug er nach 14 Meter auf und wusste gar nicht was geschehen war. (da sag ich nur: Kinder, Betrunkene und Schlafende). Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf ☺. (3) Seit Juni war das neue Geld – die DM – da. In großen Kisten wurde es unter schwerster Bewachung mit Maschinengewehren der US-Army in Aalen angeliefert – die ersehnte Währungsreform war da und was es alles ab diesem Tag zu kaufen gab. Den Menschen war das mitunter unbegreiflich. (4) Ab 1. Juli gab es endlich besseres Bier mit einem Stammwürzgehalt von 1,5 bis 1,7 %. Für 50 g Brotmarken konnten 1,5 Liter Bier bezogen werden. Aha, daher also „Flüssiges Brot“. (5) Massive Diskussionen gab es, weil BM Bosch das Martha-Leitz-Haus an die Zeiß-Opton-Werke vermietet hatte, und diese jetzt im Festsaal einen großen Zeichensaal einrichten wollten. Die Gemüter der Oberkochner erhitzten sich. Leitz erhob beim Innenministerium Einspruch und diesem wurde stattgegeben. Der Festsaal blieb erst mal und die Gemeinde behielt ihr einziges Kulturzentrum. (6) Im Kapellenweg Nr. 7 wurde dem Mühlenbesitzer Scheerer eine Baugenehmigung für ein Haus erteilt, in dem nach Fertigstellung die erste Apotheke (Irion) im Ort einziehen wird.

 

Das Haus, in dem die erste Apotheke beheimatet war (Archiv Müller)

 

(7) Das erste Kinderfest nach dem Krieg wurde an einem Werktag gefeiert. Die Betriebe hatten nachmittags geschlossen. Im Festzug finden wir die Musikkapelle, Radfahrer, Bauern, Winzer, Jäger, Schäfer, Handwerker, Kaminfeger, die 7 Schwaben, Bärentreiber, Hasen, lebende Blumen und Schmetterlinge sowie den Volkmarsbergturm und den Lehrlingszug vom WIGO, Sängerbund und Turnverein schlossen den Umzug ab. Die 550 Kinder (bis 14 Jahre) hatten ihren Spaß mit Wurst und Brezeln bei Sport und Spiel. (8) Die Vergnügungssteuer wurde um die Hälfte gesenkt. (9) Das folgende passierte zwar nicht in OKO, muss aber erwähnt werden. Der berühmte VfB-Fußballer Robert Schlienz verunglückte in Aalen auf Höhe der Gmünder Straße 88 so schwer, dass ihm der linke Arm komplett amputiert werden musste. Einige Jahre später habe ich ihn im neuen Kocherstadion für den VfB spielen sehen – der Mann ließ sich nicht unterkriegen. (9) Der Musikverein gab nach langjähriger Pause unter August Eisenlohr ein tolles Konzert in „d’r Schell“.

 

Der Musikverein vor „d‘ Schell“ (Bahnhofsrestauration in der Bahnhofsstraße (Archiv Müller)

 

(10) In der Gemeinde lebten ca. 900 Flüchtlinge. Diese arbeiteten überwiegend in Handel und Industrie, haben aber auch eigene Betriebe gegründet. Beispiele dafür sind: Josef Krok (Textilhändler) aus Beuthen – Bekleidungsgeschäft / Rudolf Kristen (Fotografenmeister) aus Troppau – Fotogeschäft / Karl Berkowski (Schneidermeister) aus Posen – Schneidergewerbe / Martha Schmidt (Damenschneiderin) aus Brünn – Krawattenherstellung / Johann Lienert (Friseurmeister) aus Olmütz – Friseurgeschäft / Franz Illner (Schuhmacher) aus Trautenau – Schuhmacherwerkstatt / Wilhelm Fritscher (Radio- und Elektro-Ingenieur) aus Landskron – Elektrogeschäft / Dr. Ludwig Borst aus Tachau – ärzt. Praxis und Elisabeth Gebert (Dentistin) aus Danzig – zahnärztl. Praxis. (11) In „d’r Schell“ wurde ein Kulturverein gegründet, der „Veranstaltungsring“. Es ging dabei um Theater, Oper und Operette. Den Auftakt bildete der Besuch des „Freischütz“ im Konzertsaal Heidenheim mit einem organisierten Bus. (12) Der Bahnhof hatte einen furchtbar düsteren dunklen Wartesaal. Eine Glühbirne wurde nicht angebracht, weil man dachte, dass sie sowieso gestohlen werden würde. Eine rasche Recherche ergab, dass der Bahnhof in Unterkochen eine Glühbirne hatte. Und das ging ja gar nicht. Ober sticht immer noch Unter! Also konnte diese Ausrede keinen weiteren Bestand haben und der Wartesaal wurde nun auch bei uns beleuchtet und die Wartenden erleuchtet.

 

Meine kleine Welt.

War damals sehr überschaubar. Mutti und Vati waren schon seit 1947 verheiratet, aber ich stand vielleicht schon auf dem Plan, aber noch nicht in Lauerstellung.

 

1949 im Jahr des Büffels – Hebräischer Kalender 5709/10

 

Welt.

Meine späteren Lieblingsländer Schweiz und Thailand wurden Mitglied der UNSECO. Im April wurde die NATO gegründet, die 70 Jahre später mit ihrer Rolle zu kämpfen haben wird. Auf den persischen Schah wurde ein Attentat verübt und am 1. Oktober wurde die Volksrepublik China gegründet. (von Kind an warnte mich meine Mutter vor der „Gelben Gefahr“, weil auch sie als Kind schon in ihrer Schule immer davor gewarnt wurde).

 

Deutschland.

Sie waren schon immer sehr „oiga“ – Bayern lehnte das Grundgesetz ab. „Mir san mir“ – damals schon. Der Papst griff zum härtesten Mittel und exkommunizierte alle Kommunisten und deren Anhänger. Am 27. August wurde die „Berliner Luftbrücke“ beendet. Im September wurde die Deutsche Bundesbahn gegründet und der erste Bundestag gewählt. Folgende Parteien kamen in den Bundestag in Bonn (In Klammer die Anzahl der Sitze): CDU/CSU (139), SPD (131), FDP (32), Bayernpartei (17), Deutsche Partei (17), KPD (13), WAV (12), Zentrum (10), DRP (5), Unabhängige (3) und SSW (1). Dann war es soweit, der alte Mann und Hobbyrosenzüchter Konrad Adenauer aus Rhöndorf wurde mit einer Stimme Mehrheit (also seiner eigenen) zum ersten Bundeskanzler gewählt und er würde es lange bleiben. Adidas wurde aus der Taufe gehoben, Seppl Herberger zum Bundestrainer ernannt und Deutscher Fußballmeister wurde der VFR Mannheim. Den Hit des Jahres „Capri-Fischer“ sang Rudi Schuricke und sorgte damit für einen anhaltenden Urlaubs-Mythos, der bis heute anhält.

 

Oberkochen.

(1) Zum Einjährigen der Singgemeinde fand im Frühjahr ein Konzert im Festsaal des Martha-Leitz-Hauses statt. (2) Kaum gings „uns“ besser, waren auch schon die Diebe unterwegs. Im „Rössle“ wurde eingebrochen und ein Radio im Wert von 400 DM (!) und 2 Fl. Branntwein gestohlen. (3) Der älteste Sohn des Gärtnereibesitzers Mahler kam 2 Tage vor der Hochzeit seiner jüngeren Schwester aus der Kriegsgefangenschaft in Russland zurück. Die Freude können wir uns heute gar nicht mehr recht vorstellen. (4) Die Fußballer des TVO stiegen in die Bezirksklasse auf und machten als Favoritenschreck kräftig von sich reden – ein ziemlich dickes Ding.

 

1949 Der Aufsteiger des Jahres: Die Fußballer des T.V.O. (Archiv Müller)

 

(5) Hoher Besuch aus Schottland. Der Werkzeugmacher Franz Grupp arbeitete als Kriegsgefangener bei zwei Farmersfrauen in Schottland und diese wollten nun „ihren“ Franz nach dem Krieg wiedersehen und immer wieder war von ihnen zu hören: „Dieser Mann gutt’n Mann“. Ja, die Schotten und die Schwaben, die können’s halt gut miteinander. (6) Das Bild der Hauptstraße wurde deutlich aufgewertet. Innerhalb von ein paar Wochen entstand das Haus „Storchenbäck“ des Bäckermeisters Karl Widmann, erbaut vom Baugeschäft Trittler und der Zimmerei Mannes. Heute keine richtige Zierde mehr wartet es auf Wiedererweckung. (7) St. Peter und Paul hatte nun wieder neue Glocken, nachdem der „GröFaZ“ die alten für seine erfolgreiche Kriegsführung benötigt hatte. (8) Auch nach dem Krieg gab es noch traurige Schicksale. Auf dem Gebiet zwischen Oberkochen und Ebnat fand man, an einem Hochspannungsmasten erhängt, den Geschäftsführer des „Deutschen Musikverbandes“ Bezirksleitung Württemberg-Ost. Überschuldet wegen seines Amtes, die Auslagen seiner notwendigen Reisen wurden ihm nicht mehr ersetzt, sein Instrumentenverkauf lief auch nicht mehr und private Probleme kamen hinzu. Den Krieg überlebt, aber das Leben nicht. (9) In der Gemeinde wurde fleißig gebaut. Die Menschen brauchten Wohnungen. Innerhalb von 7 Jahren stieg die Einwohnerzahl von 2.000 auf 3.400. Neue Häuser wurden im „Bühl“, in der neuen Sonnenbergstraße gebaut und die Schwäpo verwechselte in einem Bericht darüber in der Headline schon mal Oberkochen mit Unterkochen ☺.

 

Ein Journalist kann ja schon mal Oberkochen mit Unterkochen verwechseln – geht gar nicht (Archiv Müller)

 

(10) Ein Flüchtling aus der Tschechei stieg bei guter Gesundheit in das Wollenloch ein und stürzte beim Ausstieg ab. Nach der Bergung verstarb er abends im Krankenhaus. Später wird es dazu zu einem Prozess kommen. (11) Das Toto-Spiel erfuhr eine massive Nachfrage. Nach der Währungsreform spielten ca. 300 - 400, in diesem Jahr waren es bereits 600 Mitspieler. Die höchste Gewinnsumme im Ort in diesem Jahr betrug 900 DM und die Toto-Zentrale in der Heidenheimer Straße hatte vor dem Wochenende Hochbetrieb. (12) Paula Bezler eröffnete in der Dreißentalstr. 37 eine Wäsche-Heiß-Mangel. (13) Die Hoover-Speisung (eine Aktion des ehemaligen US-Präsidenten Herbert Hoover) sorgte dafür, dass 565 SchülerInnen der Volksschule und 300 Lehrlinge aus den div. Betrieben mit 2 kleinen Tafeln Schokolade und 200 gr. holländischen Keksen zu Weihnachten beglückt wurden.

 

Meine kleine Welt.

Unverändert drehte ich meine Runden in einer Warteschleife. Hätte auch woanders landen können, hatte mir aber Oberkochen vorgenommen und musste daher noch etwas warten.

 

1950 im Jahr des Tigers – Koptischer Kalender 1666/67

 

Welt.

Am 25. Juni begann der Koreakrieg, der die Welt bis heute beschäftigt. König Bhumipol wurde im Alter von 18 Jahren als Rama IX gekrönt und blieb das bis zu seinem Tod 2016. Kaum bekannt – der Club Méditeranée entstand damals schon. Fußballweltmeister in Brasilien wurde Uruguay (ein kleines Land mit großen Fußballern).

 

Deutschland.

Am 30. April wurden die letzten Lebensmittelkarten (Zucker) abgeschafft, Friedrich Flick begnadigt und Hans Globke (ein alter Ober-Nazi) Adenauers wichtigster Mann. Den Amis war das inzwischen egal, es gab wichtigeres, als alte Nazis zur Verantwortung zu ziehen. Vor allem die Juristen ließ man laufen. Die komplette Mannschaft SG Dresden-Friedrichstadt einschl. Helmut Schön flüchtete nach Berlin und Deutscher Fußballmeister wurde der VFB Stuttgart. Anneliese Rothenberger (die Lieblingssängerin von Vati) sang „La Le Lu“.

 

Oberkochen.

(1) In der Viehhaltung ging es auch wieder aufwärts. 28 Pferde, 393 Rinder, 170 Schweine, 83 Ziegen, 3 Schafe und 2.114 Hühner wurden in der Gemeinde gehalten. (2) Der Gipsermeister Ferdinand Burkhardtsmaier verstarb 59jährig an einem Schlaganfall. Der gebürtige Oberbettringer kam 1919 nach Oberkochen und gründete ein angesehenes Geschäft. 1925 errichtete er ein Wannenbad in der Heidenheimer Str. 39. Beruflich erfolgreich, aber von Schicksalsschlägen gezeichnet (selbst Kriegsteilnehmer im I. verlor er zwei Söhne im II. Weltkrieg und 2 Kinder im Jugendalter). Vielleicht war das alles zu viel für ihn. (3) Der Zeiß-Opton-Kindergarten entstand im Kapellenweg in dem Haus, in dem Willibald Mannes sen. früher seine Zimmerei betrieb.

 

Das Haus hinter den VIP’s beherbergte den ersten Zeiss-Kindergarten (Archiv Müller)

 

(4) Samstags um 17:40 Uhr wurde im Radio immer ein Glockengeläut übertragen. In diesem Jahr kam der Aufnahmewagen nach Oberkochen, um die neuen Glocken im Mittagsgeläut aufzunehmen und ein paar Monate später zu senden. (5) Das Ende der Wiesenkapelle war gekommen. Das Sägewerk vom Bäuerle brauchte mehr Platz und daher wurde im Weingarten eine neue Kapelle gebaut. Der Fabrikant hatte sich selbstredend zur Finanzierung des neuen Schmuckstücks bereiterklärt. Das Grundstück kam von Anton Balle und die feierliche Einweihung nahm Pfarrer Hager am Abend vor Christi Himmelfahrt vor. (6) In der Heidenheimer und Aalener Straße sowie im Schulhof der Volksschule und am Bergheim wurden neue Linden gepflanzt. Die Linde hatte schon immer für die Menschen eine besondere Bedeutung. (7) Karl Elmer hatte einen Auftritt im Radio Stuttgart und berichtete mit seinem kernigen Humor über seine Zeit als Hochzeitslader, das Amt, dass er seit 1918 ausübte. Auch sein Vater und Urgroßvater übten dieses Amt jeweils schon sehr lange aus. Bis damals hatte Karl zu nicht weniger als 2 Goldenen, 6 Silbernen und ca. 400 bis 500 Grünen Hochzeiten geladen. (8) Die erste Apotheke wurde im Kapellenweg eröffnet. Ulrich Irion, der Vater meines Schulfreundes Eckhardt, eröffnete diese am 15. Juli, nachdem er vorher in Aalen (Völter) und Metzingen (Stadtapotheke) gearbeitet hatte. Er ist auch der Vater unseres Eberhard Irion, der bis vor ein paar Jahren, als Nachfolger seines Vaters, die Volkmarsberg-Apotheke geführt hat. (9) Zeiß Opton baute eine 3.500 qm große Shed-Halle auf dem Gebiet der ehemaligen Gärtnerei Schäfer.

 

Heidenheimer Straße 29 – Links der Schneider Fischer und der rechts der Fotograph Kristen – viel später hatte der Fotograph Mercaldi hier sein Geschäft (Archiv Müller)

 

(10) Schneidermeister Josef Fischer hatte durch Umbau eines ehemaligen Landwirtschaftsbetriebes ein Geschäft mit 2 großen Ausstellungsfenstern erbaut. Das Geschäft, das Anton Fischer 1892 gegründet hatte, befand sich früher in der Mühlstraße. (11) Im Sonnenberg wurde unter großem Einsatz kräftig weitergebaut. (12) In der Heidenheimer Str. 26 eröffnete Frau Held ein Feinkostgeschäft. (13) Undank ist der Welt Lohn – schon immer. So wird ein Bericht der Schwäpo betitelt. Ein Fremder bat in einem christlichen Haus um eine kleine Gabe. Er erhielt Brötchen und Brezeln mit Butter sowie eine frische Gurke. Zornig warf er alles beim Gehen in den Garten und schrie: „Es sei an der Zeit, dass ein neuer Krieg ausbricht.“ Vielleicht war er unzufrieden oder einfach nur „gagga“. Wer weiß, aber so eine Geschichte schaffte es in diesen Tagen schon mal in die Zeitung. (14) Die Kölner Humoristin und Parodistin Lena Engelhardt, seit 1947 in Oberkochen ansässig, beging ihr 40jähriges Bühnenjubiläum. Sie begann ihre Laufbahn an großen Häusern als Soubrette, wechselte dann zum Varieté und zur Kleinkunst. Ihre Verbindung nach Köln pflegte sie weiterhin und hatte auch gelegentlich einen karnevalistischen Auftritt in ihrer Heimatstadt. (15) Die Christus-Figur und das dahinterliegende Bild der Stadt Jerusalem am „Herrgotts-Häfner-Haus“ wurde restauriert. Verantwortlich dafür war der Kunstmaler Anton Lang, der zusammen mit Heinrich Sievers auch die Ausmalung der Maria-Schutz-Kapelle im Weingarten übernahm. (16) Die Volkszählung 1950 brachte u.a. folgende Ergebnisse was unsere Gemeinde betrifft: 2.357 ha Fläche, 1.181 Haushalte, 3.681 Einwohner, 664 Heimatvertriebene, 2.434 katholische und 1.144 evangelische. Ihr Brot verdienten sich 2.556 bei Industrie und Handwerk, 266 im Handel, Geld, Versicherungswesen, Verkehr, 251 im Öffentlichen Dienst und 223 in Land- und Forstwirtschaft.

 

Meine kleine Welt.

Meine Eltern kauften das Grundstück Nr. 2328 mit einer Größe von 4 Ar und 71qm für 635 DM vom Wigo, der für seine Mitarbeiter Grundstücke zur Verfügung stellte. Das Fertighaus wurde im selben Jahr für 11.125 DM gekauft, per LKW geliefert und in engagierter Männerarbeit selbst aufgebaut. Vielleicht dachten sie schon an mich?

 

1950 Das Haus Sonnenbergstr. 34 – Das Zuhause bis 2019 des „Billie vom Sonnenberg“ (Archiv Müller)

 

Das war der erste Teil und ich hoffe, dass es Euch gefallen hat. In Kürze folgen die Teile 1b und 1c.

Wilfried „Billie Wichai“ Müller, Email: wichai@t-online.de, Mobil: 0171 2217 530, Frühlingstraße 2, 73447 Oberkochen oder Postfach 1328, 73444 Oberkochen

 

 
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