Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 717
 

Eine wahre Geschichte – D’r Gliamooschd

 

Das alte Oberkochen nach 1900 (Archiv Müller)

Vorne weg.

Es gibt Menschen, die haben etwas zu erzählen und es gibt Menschen, die können es dazu noch gut aufschreiben. Zur letzteren Gruppe gehört der alte Oberkochner Hermann Metz (Jahrgang 1938) aus dem Dreißental Haus Nr. 64, jetzt wohnhaft in Breisach.

 

D’r jung‘ Hermann vom Dreißatal (Archiv Metz)

 

Kurze Biografie.

Em Dreißtal aufg’wachse, beim Klotzbücher en d’Schual gange, beim Wigo g’lernt, zwei Vorsemester wegen fehlendem Abi macha müasse und noa in Augschburg Maschinabau studiert. Anschließend hat er 2 Jahre beim Wigo als Konstrukteur gearbeitet. Er wurde eingesetzt, wo er gerade gebraucht wurde: Bei den Holzbearbeitungsmaschinen, den Metall-Drehmaschinen und den Fräsmaschinen. Berufsbegleitend lernte er Französisch bei Studienrat Otto Krug. Nach dieser Zeit ging er nach Brüssel, wo er in einem ähnlichen Betrieb wie Wigo arbeitete und weiterhin seine Französischkenntnisse jeden Abend in einer sehr guten Sprachschule vertiefte. Wie’s im Leben manchmal so geht – die Stuttgarter Zeitung berichtete über eine Gewerbeschule, die das Land Baden-Württemberg in Tunesien bauen und einrichten wolle, um dort Berufsausbildung zu betreiben. Für das Berufsbild „Technische Zeichner“ wurde aber noch ein Lehrer gesucht. Das wäre doch etwas für ihn, mag er gedacht haben zumal die französische Sprache inzwischen auch kein Problem mehr war. In Tunesien fand er dann auch „seine“ deutsche Krankenschwester, sie heirateten dort und gemäß arabischer Heiratsurkunde, im Jahre 1386. Sie sind somit das „am-längsten-verheiratete-deutsche Ehepaar“ weltweit ☺. Über vier Jahre lang blieben sie dort, bis ein Kollege aus Ravensburg meinte, er könne doch überhaupt in den Berufsschuldienst gehen. »I war beim Klotzbücher, i ka et Deitsch«, sagte ich. »Des macht nix, Hauptsach, d´Schüeler kennas.« antwortete der Kollege. So wechselte er zu „Liebherr“ (Baumaschinen) nach Colmar, um dann den Wechsel in die Berufsschule zu wagen. Viele Schüler dort hatten, wie er befürchtete, tatsächlich Probleme mit der deutschen Sprache. In der Berufsschule blieb er dann, mit Ausnahme einer zweieinhalbjährigen Unterbrechung in Saudi-Arabien, bis zu seiner Pensionierung. Da bleibt mir nur zu sagen: „Chapeau für einen gelungenen Lebensweg für einen „Bua vom Dreißatal“.

 

Teil der Heidenheimer Straße nach 1954 (Archiv Müller)

 

Hermann Metz gibt kund.

Als ganz früher Oberkochner schmökere ich immer wieder in den inzwischen über 700 Berichten des Oberkochner Heimatvereins über Geschichte und Geschichten. Kürzlich las ich über die sagenhafte Hans-Betzler-Stiftung, die auf einen Mann zurückgeht, welcher der Familie des alten „Grünen Baums“ entstammt (heute Gebäude der Metzgerei „Lerch“). Dieses Wirtshaus rief bei mir sofort Erinnerungen aus der Kindheit hervor. Das Vorkommnis ist so wenig alltäglich, und heute gar nicht mehr vorstellbar, dass ich es über die Bärbel Schurr dem „Billie vom Sonnenberg“ zukommen ließ, um daraus einen Bericht zu machen. Ich habe mich für eine Gedichtform entschieden, dass es etwas lebendiger macht.

 

Eine große Beerdigung vor den Häusern Langestraße 170 und 172 (Archiv Müller)

 

Der „Lugenbeutelverein“ aus dem „Kies“ am Faschingsdienstag vor dem „Grünen Baum“ kurz vor dem I. Weltkrieg (Archiv HVO)

 

Der Leser erfährt beim Lesen, dass ich als 10-jähriger Bub die Aufmerksamkeit der Polizei auf mich zog. Wenn ich heut‘ daran zurückdenke, empfind ich das heute noch „scho a bissle als Schand“. Ob ich wohl sonst auch ein Rüpel war? Ich hoffe nicht, aber ein Lehrer schien mein Problem genau zu kennen, denn er sagte einmal vor versammelter Klasse: „Metz, dir merkt ma au oa, dass dir d’r Vadd’r fehlt!“. Das war gewiss kein Lob. In der Pubertät war ich sicher „koi Oifacher“. Aber wer war des schon in dem Alter und ist da ohne Schrammen durchgekommen.

Bilder zu finden war nicht ganz einfach, denn so viele vom Grünen Baum gibt’s ja nun auch nicht.

 

1930 – Kradfahrer aus Stuttgart zu Besuch (Archiv Müller)

 

Und jetzt viel Spaß beim Lesen von „derra G’schicht vom Gliamooscht“.

Die Mutter sprach zum Knaben:
»Das Jahresseil, heut schneiden wir es ab!
Einen Glühmost müsst ich dafür haben –
für Glühwein ist das Geld zu knapp.«

»Nimm,« sagt sie, »die Milchkann, lauf
ins Dorf hinab und naus en ´s Kies,
der Grüne Baum Glühmost verkauft!«
Der Knabe schnell das Haus verließ.

Auf der Straß‘ hörte man ihn fröhlich senga,
bald traf er den Freund, so om de halb zwelfa:
»Warum muaschd denn du so schnell sprenga?«
»Komm gang mit mir, du kascht mr helfa.«

In die Wirtsstub treten sie ein,
grüßen, wohl erzogen: »Grüß Gott!
« Die Wirtin fragt: »Was soll es sein?«
»D´ Muader a Kännle Mooschd han sott!«

Der Saft gelbbraun aus dem Fässle rinnt
die Kann ist voll bis oben hin,
jammern hört man ein kleines Kind,
der Knabe zahlt, die Wirtin eilt zu ihm.

Kaum ist sie entschwunden hinter der Tür,
sagt zum Freund der Knabe: »I mach dir
´s Buabeloiderle, so, von onde nauf.«
Der Freund steigt behände drauf,
erreicht den Bierhahn, dreht ihn auf.

Sie hörens pfuzga, zischa, schbritza,
man sieht sie aus der Wirtschaft flitza,
am Rössle vorbei, naufzuas, dreißadalwärts,
voll Freude über den gelungnen Scherz!
Da naht, keuchend, unerwartet, schon
mit grimmiger Miene der Wirtin Sohn.
»Wege Uich«, schreit er, »ischs Bierfass leer!«
»Was?« fragt der Knabe, »Warum, wie, wer?«
Auch der Freund beteuert unschuldigen Gesichts,
von einem Bierfass, nein, da wüsst er nichts.

Der Wirt war indes zur Polizei gerannt,
wo Recht und Ordnung er verlangt.
Der Bolezei bald drauf durch die Gartentür geht,
verkündet der Mutter die Botschaft mit Autorität.

Ja, waas? Die Mutter kanns kaum fassa,
»Ja! ´s Bier isch furt! Der Knabe hat´s laufa lassa.«
»Ich wars nicht! Der Freund! Sie können ihn fragen!«

Der Bolezei geht, auch den Freund zu plagen.
Deam sei Vaader jammert: »Send no so guat,
der Bua isch mai oiges Floisch ond Bluat!
Moinat ihr, der dät so ebbas? I wurr vrruggt;
Ihr säat doch, wie n´r ooschuldig guggt!

Am Nachmittag bei der Polizei versammelt sind:
Vater und Sohn, die Mutter mit dem verdatterten Knab,
der Wirt und die Wirtin mit dem kleinen Kind,
über den Schuldigen wollen sie brechen den Stab.

Der Bolezei streng den Freund examiniert:
»Vrzehl oos nomol genau: Was isch gschäa!?«
»Also, ii han bloss des Oine gsäa, dass dr Bua am Hahne rommontiert.«

Die Staatsmacht in Uniform, der Bolezei,
entscheidet souverän, ´s gibt koen Zweifel:
«Der Gliahmooschd-Bua war dr Bierhahna-Deifl.«

»Voll war ´s Fass, 20 Mark wars wert, des Bier,
´s Herz, oh, es kennt faschd brecha mir!«,
die Wirtin fuchtelnd und hustend erklärt.
»Hat ma en Oberkoche scho amol so ebbas ghärt?
Des ganze guade Bier isch in da Kocher na glaufa,
was sollat am Schdammdisch die Menner jetzt saufa?«

D´Muadr will scheints no ebbas rausschenda,
drum fragt sie vorsichtig, von henda:
»Wirtin, sagatse, war des Fässle wirklich ganz voll?«
»Frau, i woiß gar et, was uier Gschwätz dao soll!
Gestern kams frisch gefüllt aus der Brauerei,
hait Mittag wars raddefatz leer, ´s isch a Sauerei!«
»Wo nimm ich«, greint die Mutter, »das Geld nur her?
20 Mark, glaubats no, es fällt mir schwer!«
»Dui Frau isch Kriagerwitwe«, sagt der Bolezei,
weshalb es gerecht, human und menschlich sei,
in Raten zu teilen des Knaben Schuld,
der solle 5 Mark mutig und mit Geduld
en da „Greana Baum“ moanatsweis traga,
iiber sein Richterspruch gäbs hoffentlich nex z´klaga.

Für die Mutter war der Silvester-Gliahmooschd kein Genuss,
sie schüttet ihn en da Schittschdoi na, in einem Guss.
Der Knabe aber Monat für Monat ging
voll Gram und Angst zur Wirtin hin,
um ihr die Schuld in Raten zu zahlen;
dem Buben wars bang, er litt nur Qualen.
Sui schempft: »A v‘rwahrloaster Kerl bisch du!«,
nimmt die 5 Mark – und haut ihm zwei Saftige aufs Maul dazu.

Der „Grüne Baum“ von innen mit den Männern, die den Ton angaben (Archiv Müller)

 

Ich muss sagen, so äbbes Herrlichs ist schon lange nicht mehr über meinen Schreibtisch gegangen. Und ich darf der Leserschaft versichern, der Hermann Metz hat noch einiges auf Lager. Wir freuen uns schon drauf.

 

Frage an die Leserschaft:

Wer kennt noch andere „Buch-Autoren“, die gebürtig aus Oberkochen oder inzwischen hier heimisch geworden sind? Es geht hier aber nicht um wissenschaftliche Fachliteratur.

Derzeit sind mir folgende Personen bekannt:

Prof. Dr. Thomas Vilgis (Mainz), Reinhard Bogena (Essingen), Hans-Joachim Neumann (Oberkochen), Dietrich Bantel gest. (Oberkochen), Walter Seedorf sen. (Oberkochen) und Prof. Dr. Christhard Schrenk (Heilbronn).

In Zusammenarbeit mit der Stadtbibliothek wird es im Herbst eine Aktion dazu geben. Bis dahin möchte ich sichergestellt haben, dass ich dabei keinen vergessen oder gar ausgrenzt habe ☺.

Ich bitte also um entsprechende Hinweise und Kontakte.

 

Wilfried „Billie Wichai“ Müller, Email: wichai@t-online.de, Mobil: 0171 2217 530, Frühlingstraße 2, 73447 Oberkochen oder Postfach 1328, 73444 Oberkochen

 

 
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