Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 715
 

Besondere Tage im Jahreskreislauf – Teil 3

 

Nicht-Kalendarischer Teil

Bundesjugendspiele.

Nach dem Krieg gab es die ersten Spiele ab 1951. Im Sommer gab es den Dreikampf „Laufen, Werfen, Springen“ und im Winter „Geräteturnen“. Manche haben es gehasst, die meisten irgendwie mitgemacht und die Sportlichen haben es vermutlich geliebt. In meinen Klassen waren die besten Wolfgang Weiß und Hans Hofmann. Eine Ehrenurkunde war für die meisten nicht drin – Teilnahme war auch hier alles. Inzwischen wird versucht diese Veranstaltung abzuschaffen. Im Trend der Zeit liegt es wohl alles abzuschaffen, was nicht alle schaffen können. Besser ist es, den Kindern mehr Bewegung zugeben und den Anspruch an Leistung zu vertiefen. Es ist doch nicht sinnvoll, dass die Letzten das Niveau bestimmen. Dazu beispielhaft unsere jeweiligen 5 Besten der Winterbundesjugendspiele 1965: Buben 1. Detlev Schönmetzer (Kl. 6) 80 P., 2. Frank Dietzsch (Kl. 5) 80 P., 3. Manfred Fähnle (Kl. 4b) 80 P., 4. Wolfgang Weiß (Kl. 1b) 80 P., 5. Hans Hofmann (Kl. 1b) 79 P. Mädchen 1. Monika Frank (Kl. 5) 80 P., 2. Monika Rossberg (Kl. 4a) 80 P., 3. Hela Ebbecke (Kl. 4a) 79 P., 4. Margarete Lebzelter (Kl. 4a) 78 P., 5. Regina Straube (Kl. 2a) 78 P.

 

Carl Zeiss startet in Oberkochen.

Dieser gravierende Einschnitt in die Industriegeschichte unserer Gemeinde veränderte alles am Ort – aus einem Bauerndorf wurde eine weltgewandte Industriestadt. 84 Zeissianer aus Jena, die von den US-Truppen am 24. Juni 1945 nach Heidenheim gebracht wurden, waren die personelle Grundlage für eine der wundersamsten, abenteuerlichsten, spannendsten und erfolgreichsten Firmengründungen, die jemals in Deutschland erfolgten. Die Monate bis zum Beginn in Oberkochen waren sicher die schwierigste und unsicherste Zeit, bis sie in den alten Gebäuden des verstorbenen Wehrwirtschaftsführers Fritz Leitz loslegen durften. Die Gründung beim Notar erfolgte am 4. Oktober 1946 und der entsprechende Eintrag ins Handelsregister als „Opton Optische Werke Oberkochen GmbH“ erfolgte am 30. Oktober 1946 in Heidenheim. Mit dem Fall der Mauer begann auch bei Carl Zeiss in Oberkochen und Jena eine gewaltige Krise, die aber durch Mut, Tatkraft und kluge Entscheidungen sowie durch politische Unterstützung erfolgreich gemeistert wurde und der Konzern entwickelte sich in teils atemberaubendem Tempo. Kein Mensch vermag sich heute vorstellen, wie Oberkochen heute aussehen würde ohne diese damalige Entscheidung der Amerikaner.

Das alte Leitz-Gelände / links die Werkzeugfabrik Gebr. Leitz – rechts die alten Hallen von Fritz Leitz in denen Zeiss Oberkochen begann (Archiv Müller)

 

Der Schwäbische Blumentag.

Dieser wurde Ende März 1911 landesweit gefeiert, denn König Wilhelm II und seine Königin Charlotte begingen ihre Silberhochzeit und das Volk musste da zu deren Ehren schon etwas mitfeiern. Überall liefen Blumenmädchen herum und versuchten, natürlich erfolgreich, Blumen gegen Geld zu tauschen – das Wetter war allerdings weniger festlich – schlicht und einfach: Es war wüscht Wetter. Die Feierlichkeiten wurden im „Hirsch“ abgehalten. Insgesamt wurden im Ländle 512.765 Mark gesammelt, wovon Oberkochen 187 Mark beisteuerte (eine Briefmarke kostete damals 3 Pfennige).

 

Der Tag des Baumes

wurde in Oberkochen erstmal am 27. März 1954 gefeiert (In Deutschland am 27. April 1952). Gemeinde, Schule und Albverein organisierten eine Feierstunde an der Kapelle im Weingarten, bei der einige Linden gepflanzt wurden. Der Wald mit seinen Bäumen gehört zur deutschen Seele. In uralten Zeiten, bei den Germanen und Kelten, waren die wichtigsten Bäume: Eschen, Linden, Buchen, Weißdorn und Holunder. In Oberkochen sind das Linden, Birken, Kastanien, Fichten und Buchen, wobei anzumerken ist, dass auf die Fichten klimatechnisch harte Zeiten zukommen werden.

 

Einschulung Wilfried 1959 (Archiv Müller)

Einschulung.

War in meiner Kindheit im April. Deswegen sind wir auf unseren Bildern als ABC-Schütze oft noch winterlich gekleidet. Das wichtigste war eine gut gefüllte Schultüte, nicht nur mit Dingen, die gebraucht wurden. Erste Utensilien waren Schiefertafel mit Schwämmchen, Griffel und Griffelkasten. Im Klassenzimmer wurden wir von Eva-Maria Erben empfangen. Ihr Mann hatte ein schönes Kreidebild auf die große grüne Schultafel gemalt. Jeder wollte so schnell wie möglich alleine zur Schule gehen, denn von der Mutti gebracht zu werden, war nicht so toll – da hörte man schnell dumme Sprüche – und wir wollten ja cool sein.

 

Die (alte, bis 2016) Oberkochner Skyline (Archiv Müller)

Einweihung des Lindenbrunnens.

Ein ganz wichtiger Baustein für das Ortsbild, unser Lindenbrunnen, wurde am 30. Juni 1922 der Bevölkerung geschenkt. Die Dorflinde war in alten Zeiten der Mittelpunkt eines jeden Ortes und diente zum Nachrichtenaustausch und zur Brautschau. Es wurden Tanzveranstaltungen (Tanz in den Mai) und das Dorfgericht abgehalten, die auf das „Thing“ der Germanen zurückgeht. Kulturell hinterließ dieser Baum auch Spuren. Wir denken nur an „Der Lindenbaum“ mit dem berühmten Beginn „Am Brunnen vor dem Tore….“ Und was für ein Aufstand in Oberkochen, als der Lindenbrunnen, nach dem Stadtfest Ende Juni 1989 versetzt wurde. Der 1985 gegründete Grub‘-Stammtisch „Graf Eberhard“ nahm sich des Themas an und veranstalte sogar eine Demo zum Thema. Er wurde ein Mahnmal unserer Kriegstoten, die CDU stellt ihre Erinnerungskränze auf, der Sängerbund brachte jährlich den Osterschmuck an. Diese Aufgabe hat 2018 die Kreativwerkstatt erfolgreich übernommen. An diesem Ort wurden früher oft Erinnerungsfotos aufgenommen.

Demo des Stammtischs Graf Eberhard am Lindenbrunnen (Archiv Müller)

 

Erste Party.

Das war in den 60ern wichtig, aber aufgrund der Wohnverhältnisse nicht für jeden machbar. Meine „erste“ (es war wohl 1967 oder 1968) fand in meinem Zimmer (9 qm, Dachschräge, ohne Heizung) statt. Alle Möbel wurden ausgeräumt, nur das Bett musste drin bleiben und diente als Sitzfläche. Eingeladen waren ca. 13 bis 15 KlassenkameradenInnen. Mutti schickte meinen kleinen Bruder Harald als Spion in mein Reich. Wir haben ihn bestochen und hofiert und Mutti ging info-seitig leer aus. Die Party war wohl eine rechte wilde Sause, dabei habe ich das gar nicht so empfunden.

 

Erste Tanzstunde des Abiturjahrgangs 1972 (Archiv Müller)

Erste Tanzstunde und Tanzkränzle.

In Zusammenarbeit mit der Tanzschule Blunk aus Königsbronn führte das Progymnasium Oberkochen für jede 10te Klasse einen Tanzkurs durch. Wochenlang wurde geübt – das Tanzen und das sich Benehmen bis die jungen Damen und Herren am Abschlussball das gelernte zum Besten gaben konnten. Nachdem die Standardtänze absolviert waren wurde die Stimmung lockerer und die Kapelle Manfred Schiegl spielte frisch zum Tanz auf. Anzug, Kleid und Frisuren waren selbstredend modisch aktuell und bringen uns heute stark zum Schmunzeln. Ich konnte dem nichts abgewinnen und blieb diesem gesellschaftlichen Ereignis fern. Lange vor meiner Zeit fand dieses kulturelle Ereignis noch in d’r Schell statt. Da hat der Max Holdenried noch eigenhändig das Bühnenbild gemalt. Allerdings hatte er die Füße des Pferdes falsch gemalt. Das Malheur wurde kurz vor dem Abschlussball bemerkt und so legte Max eine Nachtschicht ein, um das Pferd so darzustellen, dass es nicht wegen der falschen Füße womöglich noch umfiel.

 

Erstes Abitur am Gymnasium Oberkochen (heute EAG).

Am 21. Juni 1971 wurde mit der mündlichen Prüfung die erste Reifeprüfung in unserer Stadt abgeschlossen. Es wurden 57 mündlichen Prüfungen in folgenden Fächern abgenommen: Deutsch, Englisch, Französisch, Latein, Mathematik, Physik, Chemie, Biologie und Geschichte. Jeder Absolvent musste sich mindestens in einem Fach prüfen lassen – egal wie die schriftlichen Leistungen ausfielen. Für alle Beteiligten war das sicher ein besonderer Tag, denn jeder wollte das Beste für sich, für die SchülerInnen und die Schule. An diesem Tag bestanden 21 meiner früheren MitschülerInnen das Abitur:

Der erste Abiturjahrgang 1971 (Archiv Müller)

(von li. n. re. vorderer Reihe) Eckart Irion, Peter Neupert, Werner Schulze, Ursula Dietrich, Gudrun Korn, Regina Straube, Walter Hegelau (von li. n. re. mittlere Reihe) Bernd Mayer, Arthur Grupp, Heidrun Flügel, Gabriele Moser, Hannelore Völker, Karl Starz, Michael Ludwig (von li. n. re. hintere Reihe) Jörg Funke, Götz Hopfensitz, Johannes Schmieg, Ulrike Kranz, Werner Schaupp, Klassenlehrer Rudolf Thiem, Reinhold Kurz, Direktor Volkmar Schrenk (Auf dem Bild fehlt Antonie Schunder)

 

Die alte, neu restaurierte, Fahne (Amtsblatt)

Fahnenweihe.

Das war für die Vereine immer etwas Besonderes wie hier z.B. die Weihe der Soldaten- und Kriegerkameradschaft am 8. Juni 1963. Nach dem Krieg blieben die beiden alten Fahnen Veteranenvereins und des Kriegervereins auf dem Rathaus. Das nicht unbedeutende Vermögen wurde von den Amis beschlagnahmt. 1957 durfte dann wieder Verein gegründet werden – Vorsitzender wurde Karl Elmer. Unter dem Nachfolger Anton Hölldampf wurde der neue Name festgelegt. Dessen Nachfolger Ernst Klenk verfolgte erfolgreich das Ziel eine neue Fahne zu beschaffen oder die alte zu restaurieren. Letzteres war schließlich erfolgreich und der Verein konnte wieder seine Fahnenabordnungen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen lassen.

Fahnenweihe 8. Juni 1963 (Amtsblatt)
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Firmung.

Die Firmung ist ein einmaliges Sakrament, welches den Firmling in einer besonderen Weise mit dem Heiligen Geist beschenkt und ihn noch enger mit dem Glauben und der Kirche verbinden soll. In der Firmung erhalten die Firmlinge den Auftrag, auch öffentlich von ihrem Glauben zu berichten und sich immer wieder mit ihm auseinanderzusetzen. Somit soll die Firmung den Glauben der Jugendlichen stärken, zugleich erhalten sie aber auch die Aufgabe, ihren Glauben auch öffentlich zu leben und zu bekennen. Eine große Erinnerung daran habe ich nicht mehr. Ich brauchte einen Firmpaten. Diese Aufgabe übernahm mein Onkel Walter aus Waldhausen. Er sollte der Begleiter in Glaubensfragen sein, aber in der Realität war das eben eine einmalige Angelegenheit. Die Kirche fand an einem Spätnachmittag eines normalen Werktages statt, an der auch der Pate teilnahm. Als Geschenk gab es eine Kollegmappe. Dazu gab es eine kurze Zusammenkunft im elterlichen Haus. Wie alt ich damals war, weiß ich nicht mehr, ich vermute aber 14 Jahre.

 

Jungwähler (Amtsblatt)
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Jungwählerfeier.

Früher gab es eine solche Veranstaltung, zu der die Gemeinde jeweils die jungen Leute, die zum ersten Mal wählen durften, zu einem Ball eingeladen hat, um die hohe Bedeutung des neuen Bürgerrechts zu verdeutlichen. Zudem waren geladen: Der amtierende Gemeinderat, die Kandidaten für die Wahl sowie der Wahlhelfer.

 

Mein verstorbener Bruder Harald als Kommunionskind (Archiv Müller)

 

Erstkommunion 1982 (Archiv Müller)

Hl. Kommunion, Erstkommunion oder „Weißer Sonntag“.

Im Vorfeld hatten wir reichlich Kommunionsunterricht beim Vikar oder beim Pfarrer Forster selbst. In meiner Kindheit musste noch ein Anzug (es war der einzige in meinem Leben) gekauft (für die Mädchen war ein weißes Kleidchen Pflicht), die Kommunionskerze (habe ich heute noch) und ein Geschirr-Service beschafft werden. Es war ein großer Familientag, an dem alles unter dem Motto „Viel“ stand – Essen, Trinken, Schenken und Kirchgang (vormittags, nachmittags und abends nochmals in die Kapelle). Da wir das Geld für ein Restaurant nicht hatten, wurde alles zuhause selbst gemacht und aufgetischt – ein Gewaltakt. Zwei Geschenke sind mir noch in Erinnerung: Das Abenteuerbuch „Die Meuterei auf der Bounty“ von unserer Mieterin Irmgard Schimmel und die obligatorische erste Armbanduhr der Marke „Bifora“ (Fabrik war in Schwäbisch Gmünd) von meiner „Dode“ Erna Pavlat geb. Schaupp. Vom Pfarrer gab es ein Bildchen und ein größeres Bild für jeden. Und selbstverständlich ein neues Gesangbuch mit rotem Einband und Goldschnitt. Die Namen aller Kommunionskinder wurden im Blättle veröffentlicht und es war Usus, dass man gratulierte und schenkte. Wenn ich es noch recht weiß kam da relativ viel Geld zusammen, das auf meinem Konto dann auf größere Anschaffungen wartete. Am Montag nach dem „Weißen Sonntag“ durften alle Kommunionskinder mit Pfarrer Forster einen Busausflug nach Schwäbisch Gmünd machen. Es war kalt, hat geschneit und keinerlei Spaß gemacht.

Weiser Sonntag 1962 (Amtsblatt)
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Kinderfestumzug 1959 – die damalige Klasse von Lehrer Schmieg in modischem Outlook (Archiv Rathaus)

Kinderfest.

Neben dem Pfingstmarkt das Fest der Feste. Ablauf des Festes am Beispiel Montag (!!!), 18. Juli 1954: Rektor Hagmann’s Neuerungen in diesem Jahr waren 1.) die Einführung eines Gegenzuges (Für den Wendepunkt war der Bahnhofsplatz wie geschaffen), damit sich die Kinder gegenseitig sehen konnten und 2.) eine Geschenk-Auslosung für alle Kinder und nicht nur Preise für die Sportlichen der Bundesjugendspiele.

 

Kirchweih (Oktober).

Dieses Fest wird jährlich als Hochfest zur Erinnerung an die Weihe der jeweiligen Kirche gefeiert und war in unserer Gemeinde schon immer ein beliebtes Fest mit vielen Gästen. In unserem Fall ist das unsere neuromanische Kirche „St. Peter und Paul“. Sie wurde am 25. Oktober 1900 feierlich eingeweiht. Dieser Neubau war notwendig, weil die alte Barockkirche zu klein, baufällig und sogar vor der polizeilichen Schließung stand.

 
 
 
Kirchweihfest 1900 St. Peter und Paul (Archiv Pfarramt)
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Kirchenrenovierung St. Peter und Paul 1981.

Der Beschluss zur Sanierung wurde 1977 gefasst und dann ging es darum die Finanzierung zu stemmen, die mit rund 800.000 DM veranschlagt war. Die damalige Spendenuhr zeigte einen Stand von gerade mal 85.000 DM an. Es war also noch reichlich zu tun. Dazu gab es z.B. im Oktober 1978 in der Dreißentalhalle einen Großbasar mit einer großen Tombola. Eine Superveranstaltung, zeigt sie doch einmal mehr, was Menschen erreichen können, wenn der Wille groß genug ist: 150 HelferInnen zeigten Einsatz, 8 Schweine und 2 Rehe mussten ihr Leben geben, 200 Kuchen wurden gebacken und 1.300 Gewinne warteten darauf von Alfons Högler publikumswirksam unter die Leute gebracht zu werden. Am Ende konnte eine gelungene Veranstaltung konstatiert werden. Ebenfalls im Oktober 1978 erhielt der örtlich ansässige Architekt Willibald Mannes den Auftrag für die Gesamtplanung. In den Folgejahren ging es im Außenbereich und im Inneren stetig voran. Besonders im Innenbereich wurde viel gearbeitet. Der Holzwurm hatte in den Bänken seine Spuren hinterlassen und die alten Heiligenfiguren und die Kreuzweg-Bilder wurden gefunden, restauriert und wieder aufgehängt. Am Mittwoch den 3. Juni war es soweit, St. Peter und Paul erstrahlte wieder frisch herausgeputzt.

Die große Tombola in der Dreißentalhalle (Amtsblatt)

 

Konfirmation.

Ein ganz besonderer Tag im Leben eines jungen evangelischen Christen. Es ist der Übertritt ins christliche Erwachsenenalter. Früher war es oft noch so, dass diese Zeit mit der Schulentlassung aus der Volksschule zusammenfiel, also mit 14 Jahren. Nach der Verlängerung der Schulzeit beließ man es aber dabei, weil auch die Religionsmüdigkeit mit 14 beginnt. Auch hier gab es vor dem eigentlichen Tag der Segnung die Zeit des Konfirmandenunterrichts. Da spendierte das Amtsblatt dem jeweiligen Pfarrer schon mal die Frontseite für einen geistig erhebenden Bericht über das Thema – schön um ein Foto über das Innere der alten evangelischen Kirche (heute Ortsbibliothek) drapiert. Natürlich ging es auch hier um Geschenke, aber die Kinder waren schon älter und haben vermutlich schon mehr verstanden worum es ging. Auf alle Fälle entstand daraus eine Verbundenheit untereinander, die auch heute oft noch zu einem Treffen im Alter führt – unter dem Begriff der „Goldenen Konfirmation“ (also 50 Jahre später).

 

Kriegsende.

Gegen Ende des Krieges war auch Oberkochen dran. Diese Tage und Stunden sind bei einigen bis heute in Erinnerung und als starke Erinnerungen verankert.

Zuerst haben wir da den Ostersonntag 1. April 1945. Am Bahnhof Oberkochen wurde an diesem Tag ein Güterzug von Jagdflugzeugen beschossen, der tragischerweise mit über 2.000 KZ-Häftlingen beladen war, die vom KZ Neckarelz nach Dachau gebracht werden sollten. Der alliierte Angriff forderte acht Tote und etwa zehn Schwerverletzte. Fünf von ihnen sind am evangelischen Friedhof in Oberkochen beerdigt worden.

Dann haben wir Mittwoch den 11. April 1945 an dem nachmittags um 16:45 Uhr das „Herrgott’s-Häfner-Haus (Eugen Winter)“ von französischen Flugzeugen angriffen wurde (sie ließen ihre Bomben auf die Heidenheimer Straße fallen) und 8 Menschen dabei den Tod fanden (siehe dazu auch den Schwäpo-Bericht vom 11. April 2005. Darin schildert Hubert Winter seine Erlebnisse, die er damals als Kind an diesem einschneidenden Tag hatte).

Und dann noch die letzten Kriegstage Ende April 1945. Die Bevölkerung drängte die letzten Soldaten Oberkochen am 23. April zu verlassen. Die Sprengung der Kocherbrücke beim Günther & Schramm konnte nicht verhindert werden und die Panzersperre beim Wannenwetsch wurde des Nachts unter Lebensgefahr von einigen Männern abgebaut. Dann setzte am 24. April morgens gegen 08:00 Uhr Granatfeuer vom Essinger Feld her ein. Zwischen Katzenbachstraße und Dreißentalstraße gab es einige massive Schäden, aber es kam kein Einwohner mehr ums Leben. Um die Mittagszeit war der Beschuss zu Ende, die US-Boys marschierten ein und 1.000 Jahre braune Herrschaft lösten sich in Luft auf und die Braunen wechselten auch in Oberkochen schnell die Farben wie ein Chamäleon.

 

Musterung.

Im Jahr 1958 musste der Jhrg. 1937 noch nach Aalen um beim Musterungsausschuss im alten Hotel „Olga“ vorstellig zu werden. Die jungen Männer kamen zur Feldzeugtruppe, zur Artellerie, Infantrie usw. Die Unterkochener meldeten sich zu 80 % zur Luftlandetruppe. Das kommentierten unsere Jungs wie folgt: „Die wollten schon immer höher hinaus.“ ☺ Danach ging es mit „Bändern am geschmückten Hut“ zum Feiern.

 

Neujahrsempfang.

Es geht dabei nicht um den Empfang, wie wir ihn heute kennen, für Industrie und Handel mit Festredner und allen möglichen wichtigen und ganz wichtigen Leuten. Es ging damals (z.B. 1967) um die Einladung des Bürgermeisters an den Gemeinderat, die leitenden Beamten und die Angestellten. Es wurde zurückgeblickt, gedankt und gutes Zusammenarbeiten gewünscht (trotz mitunter hitziger Debatten) und anschließend bei Rotwein Geschichten und Erlebnisse erzählt.

 

Primiz Paul Fischer Ostern 1958 (Archiv Pfarramt)

Primiz.

Das war immer ein ganz besonderer Tag in der Gemeinde. Kam es doch nicht zu oft vor, dass ein Kind Oberkochens den Weg des Priesters erwählte. So will ich kurz Paul Fischer erwähnen, der als vierter Neupriester nach dem II. Weltkrieg, den Weg des Priesters beschritt. Am Ostersonntag im Jahr 1958 holte die Musikkapelle ihn am Bahnhofsplatz ab und geleitete ihn durch die geschmückten Straßen in die proppenvolle katholische Kirche. Pfarrer Hager begrüßte den Primizianten. Der sichtbar bewegte Neupriester zeichnete seinen Werdegang zur priesterlichen Berufung und spendete seinen ersten Segen. Mit einem donnernden „Großer Gott wir loben dich“ gaben Chor unter der Leitung von Herrn Porzig, Orchester und Gläubige der Zeremonie einen kräftigen musikalischen Rahmen. Am Nachmittag versammelte sich die gesamte Pfarrgemeinde, seine Familie und seine Freunde in „d’r Schell“, der „Restauration“ in der Bahnhofsstraße. Bei dieser Gelegenheit gab Pfarrer Hager seinen bevorstehenden Abschied aus Oberkochen bekannt.

Primiz Paul Fischer Ostern 1958 (Archiv Pfarramt)

Bisherige Priester gebürtig aus Oberkochen waren: Johannes Franz Schaupp (geb. 1821), Josef Mauser (geb. 1872), Johannes Wingert (geb. 1886), Josef Balle (geb. 1886), Josef Trittler (geb. 1896), Josef Fischer (geb. 1906), Anton Schaupp (geb. 1910), Anton Hug (geb. 1916), Canisius Uhl (geb. 1925), Dr. Karl Hubert Fischer (geb. 1939). * Interessant finde ich die Wirkungsstätten von Johannes Wingert in der Schweiz. Primizfeier 1910 in Chur, Vikar in Liebfrauen Zürich 1911 bis 1916, Gymnasialprofessor in Schwyz 1916 bis 1933 und Spiritual in Dietikon 1933 bis 1945. Er starb am 7.3.1945, noch vor Ende des Krieges, in Dietikon. Manche von Ihnen wissen dass ich die Hälfte meiner Zeit in der Schweiz verbringe – und zwar in Geroldswil der Nachbargemeinde von Dietikon. Auch Leitz hatte sich in den 60er Jahren in Dietikon angesiedelt. Scheint ein gutes Pflaster für Oberkochner zu sein.

 

Röntgenreihenuntersuchung.

Am 19. Oktober 1953 wurde das Gesetz zu dieser Untersuchung in Kraft gesetzt und wir, alle über 14 Jahre alten Einwohner, mussten zu dieser Untersuchung antreten. Früher fand das in der Dreißentalschule statt. 1970 wurde das immer noch durchgeführt. Inzwischen im Kellergeschoss der Rupert-Mayer-Hauses. Ein Fernbleiben konnte mit einer Buße bis 150 DM geahndet werden. In Baden-Württemberg wurde das Gesetz 1983 und in Bayern erst im Jahr 2000 aufgehoben.

 

Schullandheim.

Das war in den „alten Zeiten“ etwas besonders, denn für die Kinder war es in der Regel das erste Mal, dass sie von zuhause wegkamen und etwas zu sehen bekamen. Spannend war auch, dass sie lernen mussten eine Woche lang miteinander auszukommen und so war das für Schüler und Lehrer immer eine spannende Sache. Heute hat das keinen großen Wert mehr, denn die Kinder sind ja schon das ganze Jahr über unterwegs und fahren hier hin und dort hin. Ein Schullandheim sollte heute schon in China, Neuseeland oder Brasilien stattfinden – also ganz in der Nähe, damit es als Highlight überhaupt auffällt. Und die Begeisterung der Lehrer hält sich aufgrund der weltweiten Sicherheitslage bestimmt auch in Grenzen. Dazu gibt es auf der WebSite einen Bericht aus dem Jahr 1956 des damaligen Lehrers Anton Hölldampf, der den damaligen Wert gut veranschaulicht.

 

Schullandheim, Bericht von Anton Hölldampf 1956 (Amtsblatt)
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Schulentlassung.

In alten Zeiten war das mit 14 Jahren. Dazu wurde ein Gruppenfoto mit Klassenlehrer und ggfs. Rektor am jeweiligen Schulhaus gemacht und im Amtsblatt mit einem entsprechenden Text veröffentlicht. Denn nun begann der Ernst des Lebens. Der Weg über ein Gymnasium mit anschließendem Studium war damals nur wenigen vorbehalten. Für die meisten begann mit 14 die Arbeitswelt und deshalb haben auch nicht wenige der „Alten“ ein 50jähriges Arbeitsjubiläum in ihrer alten Lehrfirma erreicht – heute unvorstellbar, denn die Welt hat sich gravierend geändert und wird das zukünftig weiterhin tun.

1955 gab Rektor Hagmann den Mädchen und Buben folgendes mit auf den Weg: “…..Was ihr an Ordnung und Pünktlichkeit, Wahrheitsliebe und Rücksicht, an Strebsamkeit, Achtung vor anderen, an Sparsamkeit und Ehrlichkeit.....schätzen und lieben gelernt habt, das vergesset nie! Handelt so wie ihr es gefühlt habt, wenn ihr Lügner, Diebe, Wucherer, Schmutzfunken, Grobiane und vorlaute Gesellen verachtet habt.“

Die Anzahl der SchülerInnen waren früher gänzlich andere als heute. Das sollen mal ein paar Zahlen aus den 50ern verdeutlichen: 1955 - 33 M(ädchen) und 42 B(uben); 1956 – 59 M und 47 B; 1957 – 53 M und 40 B; 1958 – 38 M und 39 B; 1959 – 31 M und 27 B.

Mein Jahrgang 1952 wurde 1967 entlassen – 33 M und 37 B. Dabei wurden folgende Berufe gewählt:

Bei den Buben: 10 kfm. Berufe, 8 Feinmechaniker, 5 Mechaniker, 3 KFZ-Mechaniker, 3 Höhere Handelsschule, 2 Köche, 2 Postjungboten, 1 Elektriker, 1 Bäcker, 1 techn. Zeichner und 1 Musterentwerfer.

Bei den Mädchen: 8 Haushaltsschule, 4 Teilzeichnerinnen, 4 Friseusen, 4 kfm. Berufe, 2 Höhere Handelsschule, 2 Arzthelferinnen, 2 Arbeiterinnen, 1 Buchhändlerin, 1 Keramikmalerin, 1 Bürogehilfin, 1 Fotografin, 1 Kinderpflegerin, 1 Goldschmiedin und 1 Verkäuferin.

 

Schulentlassklasse 1967 Buben Jhrg. 1952 (Archiv Müller)

Von hinten links nach rechts vorn:
Olaf Walter, Heinz Morawitz, Wolfgang Steinmaier, Christoph Stumpf, Harald Wosch, Volkmar Kessler, Rudolf Pavlat, Erhard Schmidt, Werner Streck, Werner Müller, Ralf Haas, Udo Hauser

Peter Morawitz, Peter Reinsperger, Wolfgang Ulrich, Friedrich Henck, Gerald Lange, Michael Heuler, Karl Cytil, Günter Maslo, Willi Motzer, Willibald Hug, Günter Bücherl, Helmut Hirrle, Dieter Kosak, Horst Wojatschke, Lehrer Ulrich

Gerhard Winkler, Reinhold Metzger, Uwe Lärz, Heinz Keil, Richard Milson, Dieter Kuhn, Willi Gremerath, Frieder Schrader, Karl-Heinz Pietsch

 

Schulentlassklasse 1967 Mädchen Jhrg. 1952 (Archiv Müller)

Von hinten links nach rechts vorn:
Margita Hanisch, Ilona Graf, Thekla Winter, Christel Weintauer, Lore Widmann, Genoveva Weishäupl, Adelinde Minder, Martina Greiner, Gabi Schauder, Angelika Ziemons, Lore Vogt, Sieglinde Artmann

Ingeborg Rupp, Irmgard Gold, Elisabeth Czivisz, Inge Stiebritz, Stefanie Gold, Waltraud Fürst, Barbara Heselich, Lilo Fröhlich, Monika Schwarzinger, Eugenie Köhler, Frau Düver

Renate Rapp, Marion Kessler, Dagmar Rau, Margit Müller, Ulrike Schönwälder, Hannelore Daszenies, Annegret Strödel, Brigitte Urbanke, Edeltraut Beiswenger, Charlotte Henck

 

Schulferien.

Diese hatten wir Ostern, Pfingsten, Sommer, Herbst und Winter. Es war eine Zeit zum Entspannen, zum Spielen und Lesen. Zum Herumstreunen auf den Straßen und in den Wäldern. Keine Zeit für Urlaube wie das heute so üblich ist. Natürlich gingen auch viele Kinder in den Sommerferien überwiegend nach Italien, aber in der Regel war Urlaub nur etwas für Besserverdienende oder für Familien, deren oberstes Ziel nicht das Abzahlen von Schulden des eigenen Häusles war. Für die Kinder aus den bäuerlichen Betrieben war Urlaub sowieso ein Fremdwort. Die haben vielleicht mal einen Tagesausflug an den Bodensee gemacht. Ich fand die Zeit einfach toll, um mit den Nachbarskindern wochenlang diese schöne freie Zeit gemeinsam, drinnen und draußen, zu verbringen.

 

Stadterhebung 1968 Innenminister Walter Krause und Bürgermeister Gustav Bosch (Archiv Keydell)

Stadterhebung.

Zum 1. Juni 1968 wurde Oberkochen das Stadtrecht verliehen, das mit einem großen Fest einschließlich eines besonderen Kinderfestumzuges gefeiert wurde.

 

Stadtfest (Ende Juni).

Vom 26. - 29.Juni 1980 wurde das erste Oberkochener Stadtfest mit großem Erfolg durchgeführt und nach fast 40 Jahren sind vor einiger Zeit Diskussionen über das „Wie weiter“ ausgebrochen. Vielleicht bringt der neue Platz die Lösung.

 

Sudetendeutscher Tag.

Nach dem II. Weltkrieg wurden rund 3 Mio. Sudetendeutsche aus ihrer Heimat vertrieben. Auch in Oberkochen und der Umgebung fanden viele eine neue Heimat – so auch meine Mutti. Seit 1950 gibt es die jährlichen Sudetendeutschen Treffen zu Pfingsten. Der erste fand in Kempten statt. Im Rahmen des Treffens 1952 in Stuttgart veranstaltete der SDR einen Volkstumsnachmittag auf dem Killesberg, zu deren Ausgestaltung auch die Singgemeinde Oberkochen (siehe auch Bericht 671) mit 2 Tänzen und 4 Liedern herangezogen wurde. Ich selbst erinnere mich daran, dass Vati, Harald und ich auch einmal, 1964 in Nürnberg, dabei waren. Das war für uns jetzt nicht so spannend, aber Vati ging mit uns, sozusagen als Rahmenprogramm auf das Reichsparteitagsgelände und zu einem Fußballspiel der „Cluberer“.

 

Ende.

Ich hoffe, dass diese kleine Reise durch frühere Jahreskreisläufe Freude bereitet und alte Erinnerungen wiedererweckt hat. Ein herzliches Vergelt’s Gott geht an Pfarrer Andreas Macho, der mir den Zugang zum Archiv im Pfarramt ermöglicht hat.

 

Es grüßt wie immer „Der Billie vom Sonnenberg – wohnhaft in der Frühlingstraße.

Wilfried „Billie Wichai“ Müller, Email: wichai@t-online.de, Mobil: 0171 2217 530, Frühlingstraße 2, 73447 Oberkochen oder Postfach 1328, 73444 Oberkochen

 

 
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