Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 714
 

Besondere Tage im Jahreskreislauf – Teil 2

 

Tag der Deutschen Einheit (3. Oktober).

Die Trennung ist vorbei, es lebe die Einheit, die beim Fall der Mauer wie im Wahn gefeiert wurde. Mein Sohn Sascha ist im gleichen Jahr geboren und ich wäre gerne ein paar Tage nach Berlin gefahren, aber kein Urlaub mehr und ein kleines „Butzele“ daheim – „doa koasch net weg“. Und so habe ich mir das alles stundenlang am Fernsehen reingezogen. War schon ein Erlebnis – auch vor der Mattscheibe. Und seit 1990 haben wir den 17. Juni nicht mehr und stattdessen den 3. Oktober. Die örtliche CDU hat 1990 im „Langen Teich“ einen Gedenkstein aufgestellt und eine Eiche gepflanzt, um jährlich daran zu erinnern. Warum das versteckt im Wald sein musste, ist mir bis heute ein Rätsel.

 

Erntedankfest 1959 in der St. Peter und Paul Kirche (Archiv Rathaus)

Erntedankfest (Oktober).

Vielleicht das älteste Fest überhaupt. Es reicht bis in die Urgeschichte der Menschheit zurück (in unseren Breiten bis 5.000 v. Chr.). Das war der feierliche Höhepunkt im bäuerlichen Jahreskreislauf. In den 50er Jahren hat man dieses Fest noch mit Ehrfurcht und Demut gefeiert, denn Krieg und die Entbehrungen danach waren noch frisch in Erinnerung. Die Alten können es heute noch nicht sehen, wenn Essen weggeworfen oder die Teller nicht leergegessen werden. Ernte wurde damals noch nicht als reines effizientes Ergebnis menschlichen Wirkens angesehen. Es gibt keinen einheitlichen Tag für dieses Fest. Es hat sich so eingebürgert, dass am ersten Sonntag nach Michaelis (29. Sep.) gefeiert wird. Dazu werden die bäuerlichen Erzeugnisse in der Kirche dekorativ aufgestellt und mit einer Messe für die gute Ernte gedankt.

 

 
 
Erntedankfest
(zum Vergrößern bitte klicken!)

 

Weltspartag.

Der erste wurde am 31. Oktober 1925 begangen und diente dem Ziel, den Kindern das Sparen beizubringen. In meiner Kindheit war in den Schulzimmern ein Sparschränkchen an die Wand montiert. Vermutlich haben die Lehrer die Verwaltung übernommen. Genutzt wurde der meines Wissens so gut wie gar nicht. Wir haben zu Hause mit Hilfe eines Sparschweins gespart und es dann jährlich an diesem Tag bei der Bank abgeliefert, denn da gab es immer Geschenke, die keiner brauchte, aber immer abgeholt wurden.

 

Reformationstag (31. Oktober).

Dieser Gedenktag wird von den evangelischen Christen begangen. Besonders 2017 war es besonders wichtig daran zu erinnern, dass ein „kleines Mönchlein“ die Weltgeschichte so massiv veränderte wie selten jemand vor und nach ihm. Abgestoßen von den römischen Verhältnissen im Vatikan schlug er am Tag vor Allerheiligen die sog. 95 Thesen zu Wittenberg an die Tür der Schlosskirche. Er war ein Mann, der dazu stand was er sagte: „Hier stehe ich und kann nicht anders.“ Er legte sich mit den Mächtigen seiner Zeit an und heiratete die adelige Nonne Katharina von Bora, deren Nachkommen bis heute unter uns leben. Und heute stehen wir im Petersdom und bewundern die überbordende Pracht, ohne daran zu denken, dass die Finanzierungsmethoden von Papst Leo X. (Ablasshandel) massiv zur Reformation beigetragen haben.

 

Halloween (31.Oktober).

Das Wort leitet sich von „All Hallows Eve“ ab, was so viel wie „Tag vor Allerheiligen“ bedeutet und hat sich still und heimlich in unsere Kultur eingeschlichen. Ausgehend von Irland, pflegten es die irischen Auswanderer in den USA. Seit den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts fasst es auch langsam in Europa Fuß. Der Brauch Rüben aufzustellen stammt ebenfalls aus Irland, aber mangels vorhandener Rüben nutzte man bald die in Mengen vorkommenden Kürbisse. In Deutschland gibt es aber auch Kritik zu diesem event-ähnlichem Ereignis, da durch dieses neue Fest die alten Bräuche wie z.B. das Martini-Singen verdrängt würden. Leider geht Halloween auch mit steigendem Vandalismus einher, das wiederum den Verkleidungsmöglichkeiten geschuldet sein mag. Dieser Tag gehört nicht in unseren Kulturkreis, aber im Rahmen der Globalisierung und Amerikanisierung macht sich dieser Brauch hier genau so breit wie vielleicht der „Thanksgiving Day“ und der darauf folgende Freitag, der sog. (höchst überflüssige) „Black Friday“, der uns nur das Geld aus der Tasche ziehen soll.

 

Allerheiligen (1. Nov) und Allerseelen (2. Nov).

Wie der Name schon sagt, gedenken wir aller Heiligen und aller Seelen (allerdings jenen im Fegefeuer). Der eine ist ein gesetzlicher Feiertag und der andere nur ein kirchlicher Feiertag. Im wirklichen Leben ist aber Allerheiligen der Tag an dem wir unserer Verstorbenen gedenken und „über die Gräber gehen“. Oft komme ich mir dabei vor wie bei einem Klassentreffen. Aber das ist ja durchaus zu verstehen, denn wir besuchen unsere Eltern und Großeltern und daher treffen wir uns dabei auch zwangsläufig „über den Gräbern“. Dazu stehen uns 3 Friedhöfe zur Verfügung: 1) der katholische im Brunkel an den Bahngeleisen 2) der evangelische in der Katzenbachstraße und 3) der städtische oberhalb der Kapellensteige.

 

St. Martin (11. Nov).

Dieses Datum ist von der Grablegung des Bischofs Martin von Tours im Jahre 397 abgeleitet. Die Legende der Mantelteilung des römischen Soldaten, um den armen Bettler zu wärmen, die bei diesem Umzug aufgeführt wird, stammt aus dem 19. Jhrhdt. Früher waren das auch bei uns große Umzüge mit einem römischen Reiter auf dem nagel’schen Pferd, einem Bettler und der örtlichen Musikkapelle, welche die gesungenen Martinslieder blasmusik-technisch unterlegte. Die erforderlichen Lampions wurden in der Schule im Werkunterricht gebastelt, es hat Freude gemacht und es war einfach eine heimelige Angelegenheit für die kleineren Kinder. Die bekanntesten Lieder heißen: „St. Martin war ein guter Mann…“; „Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind….“; „Ich geh‘ mit meiner Laterne…..“…..Sonne, Mond und Sterne, brenne auf mein Licht….“ – Aber manchmal brannten auch die Laternen und dann war die Trauer groß und die Tränen flossen. Nun ist es aber so, dass sich nicht jeder auf diesen Tag freut, denn für die Gänse ist das so eine Sache…..

 

Volkstrauertag (Nov).

An diesem Tag gedenken wir nicht nur unserer Kriegstoten aus den beiden großen Weltkriegen, sondern aller Kriegstoten und Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen. Diesen sog. „stillen“ gesetzlichen Feiertag begehen wir seit 1952. Früher standen immer am Kriegerdenkmal Lindenbrunnen einige Kränze, heute gedenken wir am Kriegerdenkmal am Städtischen Friedhof mit Musik und Ansprache.

 

Buß- und Bettag.

Ein Feiertag zur persönlichen Sühne, aber auch ein Feiertag mit dem man nichts Konkretes anfangen konnte, also eine Gelegenheit ihn abzuschaffen, als diese sich bot. 1994 wurde die Pflegeversicherung eingeführt. Damit der Arbeitgeber nicht unter der finanziellen Last seines Beitrages zusammenbrechen musste, wurde der Feiertag flugs zum Arbeitstag erklärt und so ist es irgendwie doch für uns ein Tag der Sühne geblieben – wir arbeiten ☺.

 

Totensonntag (Nov).

Ist ein evangelischer Feiertag zum Gedenken ihrer Verstorbenen.

 

Tag der Hausmusik am Cäcilientag (22.11.)

Wir gedenken der heiligen Cäcilia von Rom (* um 200 n. Chr. in Rom; † um 230 in Rom), der Patronin der Kirchenmusik. In Deutschland findet der Tag der Hausmusik seit 1932 statt. Er ist vor allem dem gemeinsamen Musizieren im familiären und nachbarschaftlichen Umfeld gewidmet und zielt darauf ab, Menschen zu motivieren, selbst Musik zu machen. Mit kleinen Konzerten und Aufführungen im privaten Rahmen feiern zahlreiche Musiker und Musikschulen aus ganz Deutschland jährlich am 22. November den Tag der Hausmusik. 1954 rief auch die katholische Kirche den Cäcilientag zum Tag der (Haus-)Musik aus. In vielen katholisch geprägten Ländern wird deshalb der 22. November als Internationaler Tag der Musiker gefeiert.

Auch der katholische Kirchenchor würdigte diesen Tag z.B. im Jahr 1983 durch eine traditionelle Feier in der Pfarrkirche St. Peter und Paul. Danach traf man sich im festlich geschmückten Rupert-Mayer-Haus zu einem gemütlichen Abend mit Abendessen und Ehrungen, bei dem Pfarrer Snoeren auch den Lebensweg der Hl. Cäcilie beleuchtete.

 

Adventszeit.

Die Zeit der Vorfreude. Jeden Sonntag wurde am Adventskranz eine Kerze mehr angezündet. Weihnachtliche Musik klang durch das Haus. Wir schrieben unsere Wunschzettel für das Christkind, schauten im Fernsehen die klassischen Weihnachtsvierteiler wie „Robinson Crusoe, Die Schatzinsel, Lederstrumpf oder Der Seewolf“. Das hat uns in den Bann gezogen und machte die Zeit mit allem Drum-und-dran zu etwas Besonderem. Zudem war da noch der Adventskalender – ein ganz wichtiges Requisit für diese Zeit, möglichst mit Glitzer auf und guter Schokolade hinter den Türchen. Außerdem eine Zeit des gemeinsamen Backens von Weihnachtsgebäck in den heimischen Küchen und die Düfte des gemeinsamen Backens zogen fein durch die Zimmer. Die Mithilfe der Kinder war immer gesichert, denn wir durften die Teigschüsseln mit dem Finger ausschlecken. Guetzli, wie der Schweizer bzw. Platzerl, Brötle, Gutsle oder Läuble wie der Süddeutsche sagt. Die berühmtesten sind Ausstecherle, Springerle, Spekulatius, Vanillekipferlen, Bethmännchen, Spritzgebäck, Anisplätzchen, Zimtsterne, Kokosmakronen usw. Für uns sind sicher jene die Besten, die Mutter zu Hause gebacken hat und wenn wir uns anstrengen und die Augen zumachen können wir sie riechen. Wie das duftet……….

In Oberkochen muss natürlich das Thema Christstollen behandelt werden. Der Beste kommt natürlich, da lehne ich mich mal weit aus dem Fenster, aus Dresden. Leider heißt er manchmal nur so „Dresdner Christstollen“ und kommt von überall her, nur nicht aus Dresden und kann im NORMA, NETTO und EDEKA schon Ende Oktober gekauft werden. Wenn der erste aus China kommt ist die Kultur am Ende. Oh Graus. Die erste urkundliche Erwähnung finden wir 1329 in Naumburg an der Saale. Berühmt in ganz Sachsen war damals der „Drasdoer Stollen“. In Dresden erschien der Stollen erst runde 150 Jahre später und verdankt seinem Namen dem Dresdner Striezelmarkt. Im Jahr 1730 ließ August der Starke einen Riesenstollen von 1,8 Tonnen backen und in 24.000 Portionen auf- und verteilen. Sogar in den Einigungsgesprächen zwischen der BRD und der DDR wurde das Thema „Dresdner Stollen“ abgehandelt.

Immergrünes gab es schon vor 600 Jahren. Zweige von Wacholder, Misteln und Tannen symbolisieren ungebrochene Lebenskraft, Haus und Hof sollten vor Schaden bewahrt werden. Auch Kerzen gab es schon sehr lange und galten als Zeichen der Hoffnung auf eine neue hellere Zeit. Aber in seiner heutigen Form gibt es den Kranz erst seit Ende des 19. Jahrhunderts. Damals schmückte der Hamburger Theologe Johann Hinrich Wichern seinen Kronleuchter mit viel Tannengrün und setzte 24 Kerzen darauf. Für jeden Tag im Dezember eine bis zum Hl. Abend. Heute setzen wir nur noch 4 Kerzen, für jeden Sonntag im Advent eine.

In der katholischen Kirche wurde immer ein sehr großer Adventskranz mit 4 großen roten Kerzen unter der Decke installiert und auch angezündet. In alten Zeiten war in dieser Zeit das Fasten angesagt und Tanzveranstaltungen waren verpönt. Deshalb wurden noch am 25. November, zum Kathreinstag, große Tanzfeste veranstaltet. Man nannte sie die Kathreinstänze – darauf geht auch das alte Lied „Heißa Kathreinerle schnür dir die Schuh….“ zurück.

In diese Zeit gehört auch der Adventskalender. Er entstand wohl zur gleichen Zeit wie der Kranz und hatte anfangs die unterschiedlichsten Variationen. Er kommt aus dem protestantischen Umfeld. So wurden z.B. 24 Bilder nach und nach an die Wand gehängt. Oder es wurden 24 Kreidestriche an die Türe gemalt, die von den Kindern nach und nach weggewischt werden durften. Die Mutter eines Pfarrersohns aus Maulbronn zeichnete 24 Kästchen auf einen Karton und nähte auf jedes ein sog. Wibele. Dann erstellte eine Druckerei einen fensterlosen Kalender mit Bildchen. Dieser hieß früher der „Münchner Weihnachtskalender“. Der heutige, mit Türen zum Öffnen, erschien das erste Mal um 1920. Dann gab es Bibelverse statt Bildchen. Heute geht ohne ‚Schoggi’ nichts mehr und sogar PLAYBOY veröffentlicht jedes Jahr einen besonderen Adventskalender für seine männliche Kientel.

 

Barbara (4. Dez).

Die Hl. Barbara diente vielen Berufszweigen als Schutzheilige besonders für die Bergleute, Bauarbeiter, Zimmerleute und Architekten. Die Bevölkerung schnitt an diesen Tag Zweige von Obstbäumen, die sog. Barbarazweige, und stellte sie kahl in die Vase und wenn alles klappte blühten die Zweige an Weihnachten. Wollte früher ein Mädchen eine gute Partie machen, stellte sie von allen Bewerbern Zweige in eine Vase. Wessen Zweige dann verdorrten, der konnte sich vom Acker machen. Vielleicht sollte man das wieder einführen, um sicher zu gehen ☺.

Meine erste große unerfüllte Schülerliebe (von der keiner etwas wusste, nicht mal die Betroffene selbst) war natürlich auch eine Barbara und Tochter eines hiesigen Zimmermanns und Architekten ☺. Dazu auch eine lustige Geschichte, die ich mit meiner früheren Frau La-ied erlebte. Unsere Härtsfelder Oma war auch eine Barbara und La-ied hatte als Thailänderin Probleme mit dem „R“ und dem „L“. Und so sprach sie immer von der Oma „Ballaballa“ – was wiederum eine völlig andere Bedeutung hat.

 

Hl. Nikolaus (6. Dez).

Ist ein Gedenktag für Nikolaus von Myra (heute Türkei). Er galt als barmherzig und sehr mildtätig. Alles, was er besaß und darüber hinaus noch erbetteln konnte, verschenkte er an Arme und Kinder. Ganze Kontinente verehren den Bischof aus Myra. In den Ostländern tragen Tausende von Kirchen seinen Namen. In Europa war er der am weitesten verbreitete Heilige aller Zeiten. Sowohl die orthodoxe Kirche als die lutherisch-evangelische und die katholische verehren den Heiligen Nikolaus. Kaum einer, der in Süditalien seinen Urlaub verbringt, weiß, dass in Bari der Hl. Nikolaus begraben liegt. Im Jahre 1087 beschlossen einige Männer, nach Myra zu reisen und die Gebeine des Heiligen zu rauben. Die Reise war erfolgreich und so wird heute in Bari zweimal gefeiert. Am 8. Mai der Ankunftstag und am 6. Dezember der Todestag.

Für die Kinder ist aber nicht so sehr der religiöse und geschichtliche Hintergrund wichtig, sondern das Brauchtum – der Nikolaus als Geschenkebringer. In meiner Kindheit konnten die Eltern den Nikolaus „bestellen“. Der kam dann mit seinem Begleiter, dem Knecht Ruprecht, ins Haus und „las den Kindern die Leviten“. Das war alles in seinem goldenen Buch verzeichnet – ob’s böse Kind, ob’s gute Kind. Dann musste ich ein Gedicht aufsagen und am Ende gab’s Geschenke. Letztendlich habe ich das aber nur 1 oder 2 erlebt, denn meine Eltern waren wohl mit der Erscheinung der beiden Herren nicht so einverstanden. Mitunter haben die Herren (Nikolaus und Ruprecht) wohl auch etwas geschnappselt. Die Ruprechte waren mitunter auch schlagkräftig und das war nicht immer im Sinne der Eltern. Ich selbst habe in späteren Jungmänner-Jahren auch einmal den Ruprecht gespielt. Als die zu bescherenden Kinder aber feststellten, dass der Ruprecht wie der „Billie“ aussähe, habe ich im darauffolgenden Jahr auf eine Wiederholung verzichtet. So einen wie den auf dem Bild hätten wir immer ins Haus gelassen ☺.

 

D’r Weihnachts-Paule (Archiv Müller)

 

Altenweihnachtsfeier.

1968 wurde sie am 22. Dez. zum ersten Mal im neuen Bürgersaal abgehalten. Eingeladen wurden und werden bis heute alle Einwohner, die über 75 Jahre alt sind. Meine Mutti hat mit 80 noch gesagt: Da gehe ich nicht hin, bin doch noch nicht alt ☺. Irgendwann ging sie dann doch. Ich denke, den Alten bedeutet es etwas, das man an diesem Tag etwas für sie macht. Vielleicht liegt es daran, dass die Alten „Ansprache“ brauchen, wie meine Mutti immer zu sagen pflegte. Manchmal wurde dabei das alte Lied „Mein Kochertal“ gesungen.

 

Mein Kochertal (P.X. Fischer, R. Heller, W. Porzig) (Archiv Müller)

 

Weihnachten bei Müller’s am Sonnenberg (Archiv Müller)

Weihnachten.

An Heiligabend gab es Kartoffelsalat und Bratwürste (weiße – also Nackete oder Thüringer). Ob eine Integration gelungen ist erkennt man irgendwann beim Metzger ☺. Danach erfolgte die Bescherung, bei der immer mit einem kleinen feinen Glöcklein geläutet wurde. Kinder bekamen Spielzeug und warme Wintersachen. Die Mutti bekam eine Fritteuse oder etwas ähnlich Geiles und Vati Socken, Krawatte, Oberhemd. Ich erinnere mich noch, dass ich eines Tages ein Perlonhemd – das Non Plus Ultra der Chemie – bekam. Ich habe es gehasst, denn du bekamst da keine Luft. Danach wurde ein furchtbarer Fruchtsekt getrunken, das restliche Weihnachtsgebäck verzehrt und dazu spielten wir Karten – meistens „66“, „Mau Mau“ oder „Rommé“. Als ich älter war, ging ich in die Christmette, fand es dann aber bei den Evangelischen spannender, weil da (einmal ?) der Huga-Paul und der Gerry Bahmann Gitarre gespielt und gesungen haben. Und da in dieser Nacht die Tiere sprechen können, gaben wir unserem Hund mit Namen „Frida vom Bussecker Schloss“ einen ganzen Ring Fleischwurst, den sie immer ganz genüsslich verschlang und daher in dieser Heiligen Nacht sicher gut über uns sprach ☺.

 

Weihnachtslieder.

Die gebräuchlichsten Weihnachtslieder stammen aus dem 18. bzw. 19. Jhdt wie z.B. „O du fröhliche“, „O Tannenbaum“, „Ihr Kinderlein kommet“, „Alle Jahre wieder“, „Es wird scho glei dumpa „(mein Favorit), und das weltberühmte „Stille Nacht“. Einige von uns hatten sicher an Weihnachten einen Auftritt mit Blockflöte, Violine, Klavier, Gitarre oder Orgel im Kreise der Familie.

Die Geschichte von „Stille Nacht“ sei nachfolgend erzählt. Darüber gibt es auch einen Fernsehfilm mit dem Titel „Das ewige Lied“ von Franz Xaver Bogner. Der Film ist sehr sehenswert, weil es unter anderem die damaligen Lebensbedingungen der Salzschiffer im Bereich Oberndorf und die besondere Stellung der Kirche damals aufzeigt. Doch jetzt zur Geschichte:

Das Lied wurde am 24.12.1818 vom Dorfschullehrer und Organist Franz Xaver Gruber und dem Hilfspriester Joseph Franz Mohr in der St. Nikolauskirche in Oberndorf bei Salzburg erstmals gespielt und gesungen. Die Forschung geht heute davon aus, dass der als sehr volksnah beschriebene junge Priester Joseph Mohr der Bevölkerung von Oberndorf (meist arme Schiffer, die vom Salztransport auf der Salzach lebten und im Winter arbeitslos waren) zu Weihnachten ein Lied geben wollte, das sie verstehen – daher in deutscher Sprache. Die Kirchenliturgie war zu Mohr’s Zeit lateinisch und für die Schiffsleute unverständlich.

Heute sind mehr als 300 Versionen in verschiedenen Sprachen und Dialekten bekannt und damit das berühmteste Weihnachtslied der Welt geworden. Das Geburtshaus von Mohr liegt in der Steingasse 31 in Salzburg und kann besichtigt werden. Mohr wurde 56 Jahre und Gruber 76 Jahre alt.

 

Christbaum.

Die erste Erwähnung eines solchen stammt aus dem Jahr 1419. Die Freiburger Bäckerschaft hatte einen Baum mit Naschwerk, Früchten und Nüssen behängt, der von den Kindern an Neujahr geplündert werden durfte. Anfangs wurde mit Äpfeln (zur Erinnerung an Adam und Eva), Lebkuchen (als Fruchtbarkeitssymbol) und Rosen aus Seidenpapier (zur Erinnerung an echte) geschmückt. Im Elsass finden wir weitere Belege für Weihnachtsbäume und der erste mit Kerzen wurde im Jahre 1605 von der Herzogin Dorothea Sybille von Schlesien geschmückt. Ab Anfang des 18. Jhdt. werden Nachrichten über solche Bäume häufiger. Die Tanne war früher ein teurer Baum, da er nicht häufig vorkam, und daher nur für die oberen 10.000 erschwinglich. Der Normalsterbliche musste sich mit Zweigen begnügen. Erst als ab ca. 1850 Tannen- und Fichtenwälder angelegt wurden, konnte der Bedarf gedeckt werden. Die Kirche missbilligte diesen heidnischen Brauch, da die lieben Bürger ihre Wälder plünderten, um an einen Baum zu kommen. Um 1830 wurden die ersten Christbaumkugeln geblasen. Lametta wurde 1878 als Neuerung in Nürnberg entwickelt. Gerne erinnere ich mich an die Minibäume mit elektrischer Beleuchtung, die unsere Nachbarn auf dem Fernseher stehen hatten (die Wohnungen waren früher kleiner). Das sah immer etwas putzig aus. Platz hatten drunter aber nur die wirklich teuren Geschenke. Was jetzt noch fehlt sind genetisch veränderte Bäume, die von selbst glitzern und blinken und vielleicht auch gleich singen. Schau'mer mal was die KI (künstliche Intelligenz) so hervorbringen wird.

 

Weihnachtsferien.

In der Erinnerung gab es in den Ferien natürlich immer Schnee. Vielleicht war das aber in den 50ern wirklich so. Jedenfalls ging es in den Ferien nichts wie raus. Mit Gleitschuhen auf die Straße, mit dem Schlitten auf die Volkmarsbergstraße und mit den Skiern oder dem Schlitten in unser Wintersportgebiet – in den „Kessel“ und die „Schlucht“ – neben dem Schützenhaus. Die Skifahrer-Cracks im „Kessel“ waren damals der Reinhold Steckbauer und der Peter Harpeng. Im Kessel ist heut’ nichts mehr los und die Schlucht war fast schon zugewachsen, bis Ottmar Bihlmaier die Initiative ergriff und wohl mit Förster und Verwaltung sprach. In der Schlucht fanden früher sogar richtige Abfahrtsläufe und Slalom-Ski-Rennen statt, bei dem auch mein alter Schulfreund Götz Hopfensitz erfolgreich teilgenommen hat. Er hätte das Zeug für mehr gehabt, denn er war richtig gut, aber die Liebe……

 

Silvester (31. Dez).

Papst Silvester I. starb am 31.12.335 in Rom, als erster Heiliger, der nicht als Märtyrer starb. An Silvester gab es traditionell Kartoffelsalat und Würstchen. Dazu haben meine Eltern immer ihre Freunde, Lucie und Erich Schröder aus der Brunnenhaldestraße 20 eingeladen. Nach dem Essen wurde Rommé gespielt. Einmal gab es auch Tischfeuerwerk, aber das stank nur und war ein rechter Sch….eibenhonig. Das Silvesterfeuerwerk in den 50ern und 60ern war nicht weiter erwähnenswert – die Menschen gaben ihr Geld nicht für so was aus. Als ich dann schon 17, 18 war ging ich auf Parties – und eine der wildesten, die ich erlebt hatte, fand in den Gemeinschaftsräumen der Evangelischen Kirche statt – nur gut, dass uns keiner gesehen hat…… Auch war es selbstverständlich, dass man bis Silvester alle Schulden zurückgezahlt hatte (mit Ausnahme bei der Bank). Man wollte schließlich einen neuen guten Start ins Jahr haben.

 

Die immer wiederkehrenden Zahlen, von denen so manches abhängt.

Österliche Fastenzeit: Das ist die 40tägige Zeit vor Ostern. Sie endet an Gründonnerstag und wer nachzählt, wird Probleme haben auf 40 zu kommen. Es gibt zwei Zählweisen, bei denen man erfolgreich sein wird. 1) Aschermittwoch bis Palmsonntag, den die Karwoche wird separat betrachtet oder 2) von Aschermittwoch bis Ostersonntag, wobei die Sonntage herausgerechnet werden.

Adventliche Fastenzeit: Diese begann an Martini (11.Nov.). Man gönnte sich noch eine schöne fette Martins-Gans und dann erst wieder Weihnachten etwas. Diese Zeit haben wir heute schlichtweg verbannt, denn die wäre ganz schlecht für’s Geschäft.

Diese 40 hat ihren Ursprung im 40tägigen Fasten Jesu in der Wüste. Sie erinnert aber auch an die 40 Tage der Sintflut; an die 40 Jahre, die das Volk Israel durch die Wüste zog; an die 40 Tage, die Mose auf dem Berg Sinai verbrachte und an die 40tägige Frist des Propheten Jon an die Stadt Ninive.

Maria Lichtmess (früher auch Maria Reinheit) ist 40 Tage nach Weihnachten und erinnert an die alte 40tägige Unreinheit der Frau nach einer Geburt.

Christi Himmelfahrt ist immer 40 Tage nach der Auferstehung Jesu.

Pfingsten ist immer 50 Tage nach Ostern. Überhaupt ist so vieles von Ostern abhängig. Auf dem Konzil von Nicäa im Jahr 325 n. Chr. wurde festgelegt, dass Ostern zukünftig immer am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond stattzufinden hat. Der Mathematiker Gauß hat dazu im Jahr 1800 einen Oster-Algorithmus entwickelt, der seit 1816, bis in die heutige Zeit, verwendet wird. Ein Schmankerl für jeden Mathematiker ☺:

a = Jahr mod 4
b = Jahr mod 7
c = Jahr mod 19 d = (19c + M) mod 30
e = (2a + 4b + 6d + N) mod 7

Formel für Berechnung des Ostertags:
f = (c+11d+22e)/451

Ostersonntag = 22+d+e-7f. Wenn dieses Ergebnis größer als 31, so liegt Ostern im April. Dann muss folgende Formel benutzt werden: Ostersonntag = 22+d+e -7f-31 = d+e-7f-9

Alles klar oder braucht es Nachhilfe vom Mathelehrer Richard Burger? Der hat ja jetzt sooo viiiiel Zeit. Vielleicht wäre das auch mal eine zukünftige Abi-Aufgabe – das wäre dann wohl ein Aufstand unter dem Titel „Friday for Mathe“.

 

Allein gegen Alle.

Ein ganz besonderer Tag – Samstag 25. Mai 1974.

Oberkochen war bundesweit im Radio und zwar als städtischer Teilnehmer in Hans Rosenthals Ratequiz „Allein gegen alle“. Bürgermeister Gustav Bosch bat um rege Beteiligung seiner Einwohnerschaft. Vereine und Schulen wurden gebeten interne Rateteams zu bilden, alle Einwohner mögen das Radio einschalten. Im Amtsblatt wurden als letzter Aufruf 11 Goldene Regeln zur Teilnahme veröffentlicht. Die Spiel-Zentrale befand sich im Sitzungssaal des Rathauses und dann ging es los. Unsere Stadt bekam von dem Berliner Kussmak folgende Fragen gestellt:

Frage 1: Welcher Kaiser hat als erster telefoniert? Lehrer Rudolf Heitele hatte die Antwort: Don Pedro II de Alcantace von Brasilien. Frage 2: Welche später internationale Persönlichkeit musste im I. Weltkrieg ein Jahr lang als Sanitäter dienen, um ein nicht-medizinisches Amt zu übernehmen? Lehrer Horst Riegel lag hier richtig: Papst Johannes XXIII (Roncalli). Frage 3: Warum wurde dem englischen Minister William Huskisson ein öffentliches Denkmal gesetzt? Der engl. Staatsmann kam bei der Eröffnung der Eisenbahnstrecke Liverpool-Manchester ums Leben. Das wusste die Lehrerin Petra Reimann und die Schülerin Ulrike Gentner. Frage 4: Welchen Erlös erzielte der Komponist des allseits bekannten Marsches „Alte Kameraden“ aus seiner Komposition? Winfried Stephan wusste, dass der Komponist Karl Teike damit 20 Gulden und eine fette Gans bekam. Frage 5: Wo in Deutschland konnte man noch vor zehn Jahren für 5 Pfennige zweimal mit einem öffentlichen Verkehrsmittel befördert werden? Alfred Haese wusste, dass das der Nordostsee-Kanal in Kiel-Holtenau war. Der Sieg ging mit 5:1 an Oberkochen, da das Publikumsspiel auch gewonnen wurde, aber bei den richtigen Antworten eine von der Verantwortlichen aussortiert wurde. Zu erwähnen wäre noch, dass folgende BürgerInnen ein Lied vortrugen mussten:

Peter Hänsel: Das Wolgalied / Christhard Schrenk „Der Theodor, der Theodor“ / Bernd Kohn und Hans-Ulrich Weidmann „Heute wollen wir marschieren / Monika Fickert und Siegfried Grupp „Auf d’r schwäb’sche Eisabahne“ / Die Herren Müller, Post und Bihr sangen den Hymne vom Gymmi „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt“ / Horst Eichentopf gab mit der SAV-Gesangstruppe den „Zwickermarsch“ zum Besten / Hildegard Schaupp sang „Durch’s Wiesatal gang I jetzt na“ / Frau Littmann glänzte mit „Drunta im Unterland“ / Brigitte Kadura trat mit „Das ist die Liebe der Matrosen“ auf / Harry Wanner sang den „Narrenmarsch“ der Narrenzunft / Heinz Sievers bot „Die (russischen) Abendglocken / und „Mariechen saß weinend im Garten“, dargeboten von den Damen Berger, König und Meyer.

 

Und weiter ging’s in der zweiten Runde – Samstag 29. Juni 1974. Die Fragen lauteten wie folgt:

Frage 1: Welcher deutsche Dichter hat sich für einige Jahre jünger ausgegeben, weil er als einer der ersten Männer des neuen Jahrhdts. gelten wollte? Volker Kratzsch wusste, dass das Heinrich Heine war. An der Frage 2 scheiterten unsere Spezialisten: Welcher berühmte Nobelpreisträger verlor bei Spekulationen so viel Geld, dass er jahrzehntelang mittellos war und mitunter sogar auf Bahnhöfen und Parkbänken übernachten musste? Das war Henri Dunant – der Gründer des Roten Kreuzes. Die Frage 3: Aus welchem Jahr stammt das älteste heute bekannte Papier mit Wasserzeichen? Ursula Merz war klar, dass das nur das Jahr 1282 in Bologna sein konnte. Frage 4: Welcher berühmte Naturwissenschaftler versagte in der Schule und brach auch eine Apothekerlehre nach 10 Monaten ab? Keine Frage, Horst Riegel gab blitzschnell Antwort – der Justus von Liebig war’s. Frage 5: Welcher Physiker sagte anlässlich der Veröffentlichung seiner größten Entdeckung zu seiner Frau „So jetzt kann der Teufel losgehen? Frank Schwarz nannte Wilhelm Conrad von Röntgen, das Rateteam entschied sich aber anders. Und so ging diese Runde 4:2 für Oberkochen aus.

 

Und weiter ging’s in die letzte Runde – Samstag 31. August 1974. Die Fragen lauteten jetzt:

Frage 1: Es ist jetzt endgültig geklärt, woher die bekannte internationale Abkürzung „o.k.“ stammt. Nennen Sie den Ursprung. Das wussten Dr. Dinckelacker und Dr. Sußmann. Es war „Ols Kinderhouk“. Frage 2: Wem wurde zum ersten Mal eine Schallplatte aus reinem Gold verliehen? Da war der Lehrer Otto Fischer todsicher, dass das nur Enrico Caruso sein kann.Frage 3: Welcher prominente Politiker unserer Tage war als Student Chefredakteur der 1920 gegründeten Zeitung „Marburger Stadtbrille“? Auf Gustav Heinemann tippten Albrecht und Rose-Marie Vogel Frage 4: Schon im Jahr 1780 wurde das elektrische Feuerzeug erfunden. Wer war der Erdfinder? Roland Zinser meldete als Erster die Lösung – Fürstenberger aus Basel Frage 5: Welcher berühmte Wissenschaftler, Doktor, Professor und Nobelpreisträger hatte kein Abitur? Die Herren Dr. Neuer, Mehlhorn und Dr. Zimmer hatten Conrad Röntgen auf den Zettel und so gewann Oberkochen auch diese Runde mit 5:0 und wurde „Unschlagbare Rätselstadt“. Ha, mir waret halt scho emmer saumäßig g’scheit! ☺

 

(Fortsetzung folgt in Kürze). Bis dahin grüßt wie immer „Der Billie vom Sonnenberg – wohnhaft in der Frühlingstraße.

Wilfried „Billie Wichai“ Müller, Email: wichai@t-online.de, Mobil: 0171 2217 530, Frühlingstraße 2, 73447 Oberkochen oder Postfach 1328, 73444 Oberkochen

 

 
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