Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 713
 

Besondere Tage im Jahreskreislauf – Teil 1

 

Dieser Bericht soll daran erinnern wie früher besondere Tage in unserem Heimatort begangen wurden und was deren Bedeutung war und vielleicht noch ist. Das eine oder andere ist womöglich heute noch so oder ähnlich, manches ist im Nebel der Zeitgeschichte unsichtbar geworden und anderes wiederum, als Folge der Modernität, völlig verschwunden. Es geht nicht darum, diese Veränderungen zu bewerten, sondern nur darum, diese wieder einmal zu beleuchten und sich zu erinnern. In manchen Familien mag das so gewesen sein, in anderen wieder anders. Aber diese Tage waren etwas Besonderes. Das konnte natürlich nur wichtig sein, weil die heutige Vielfalt und Beliebigkeit (aus der tw. auch Verdruss und Langeweile entstehen) damals nicht oder eben anders vorhanden war. Wenn, außer Arbeit, wenig geboten war, so waren diese wenigen Angebote eben die Highlights in unserer oder der älteren Jugend. Natürlich war uns Jungen früher auch langweilig, aber wir mussten noch lernen damit umzugehen, denn unsere Eltern waren nicht unsere Event-Manager mit integriertem Fahrdienst. Wir mussten selbst kreativ sein „und das war gut so“. Viel Spaß beim Lesen, schauen und erinnern.

 

Alte Monatsnamen

Januar (Hartmond, Jenner, Hartung, Eismonat) Februar (Hornung) März (Lenzmond, Spröckel, Lenzmonat, Lenz) April (Ostermond, Ostering, Ostermonat) Mai (Wonnemond, Wonnemonat) Juni (Brachmond, Brachmonat, Linding, Wendert) Juli (Heumond, Heumonat, Heuert) August (Ähren- oder Erntemond, Augst, Auchst, Ernting, Erntemonat) September (Herbstmond, Herbstmonat, Scheiding, Arminsmonat) Oktober (Weinmond, Weinmonat, Gilbhart, Freiheitsmonat) November (Windmond, Windmonat, Nebelung, Laubriss, Nebelmonat) Dezember (Heiligen- oder Christmond, Christmonat, Wending, Jul- oder Weihnachtsmond, Jul- oder Weihnachtsmonat.

 

Die Jahreszeiten

Frühling, Sommer, Herbst und Winter hatten einen besonderen Rhythmus, der im dörflichen Leben tief verwurzelt war. Grundlegend unterschiedlich zu heute waren folgende Dinge. 1) die Jahreszeiten unterschieden sich klimatisch deutlich voneinander – im Winter war’s kalt bei Schnee und Eis 2) Es gab manches nur zu bestimmten Zeiten – Weintrauben das ganze Jahr über? Von wegen 3) das Leben, besonders das bäuerliche, war in diesem Zeitenwechsel tief verankert. Der Rhythmus „säen – wachsen – ernten“ bestimmten das Leben. Geprägt vom Hoffen und Beten, dass der Herrgott die Felder beschützen und vor Sturm und Hagel verschonen möge. Das hat sich alles grundlegend verändert – nicht nur zum Positiven. Denn wenn immer alles zu haben ist, verliert sich Demut und Wertschätzung. In den 50er und 60er Jahren gab man rund 40% des Einkommens für Nahrungsmittel aus. Heutzutage 14% dafür tw. 40% und mehr für die Miete. Darüber lohnt es sich mal nachzudenken.

 

Heutige Feste – alte Bräuche (aus einem Kolpings-Vortrag von Rektor i.R. Hans Wulz 1984)

Hans Wulz, so entnehmen wir der lokalen Presse, muss einen fulminanten humorvollen urschwäbischen Vortrag gehalten haben:

Das Jahr war früher in 2 verschieden lange Abschnitte geteilt. Von Lichtmeß bis Martini erstreckte sich das freundliche Jahr, das helle Jahr und von Martini bis Lichtmeß das böse, das dunkle Jahr. Lichtmeß war auch der Dingtag, d.h. die Dienstboten verdingten sich neu. Auch galt dieser Tag als Zinstag, d.h. an dem der „Zehnte“ abgeliefert wurde (die guten alten Zeiten, heute sind wir schon fast bei der Hälfte). Die Jugend veranstaltete zu dieser Zeit Umzüge, um den Winter auszutreiben. Damit der böse Geselle die Austreiber nicht erkennen konnte, vermummten sie sich vorsichtshalber und so ward der Kern der Fasnacht gelegt. Ostern leitet sich vom heidnischen Ostara ab. Ostara war eine Göttin des Blühens und Gedeihens, der zu Ehren gefeiert wurde. Auch Hase und Ei entspringen alten heidnischen Fruchtbarkeitssymbolen. Der Maibaum hat germanischen Ursprung und soll ein Abwehrzauber gegen böse Kräfte in der Natur helfen, um die Saat zu schützen. Zu Christi Himmelfahrt gab es Holunderküchle, eine Art Pfannkuchen, mit besonderem Geschmack, das wegen der Vitamine und anderer Stoffe in der Holunderblüte sehr gesund war. Auch das Pfingstfest geht auf ein altes heidnisches Reife-Fest zurück.

Wir sehen, dass die christlichen Feste einfach auf die vorhandene Kultur aufgepfropft wurden, denn die alten Feste zu verbieten und etwas Neues einzuführen, dafür ist der Mensch nicht sehr zugänglich. Besser war und ist es, auch heute noch, das bewährte zu behalten und das neue hinzuzufügen – wenn sinnvoll.

 

Kalendarischer Teil

Neujahr (1 Jan).

Neujahr wurde und wird entgegen langläufiger Meinung nicht weltweit am 1. Januar gefeiert. Die Thailänder feiern zwischen 13. und 15. April, die Chinesen Ende Januar / Anfang Februar, die Juden September / Oktober, die Orthodoxen am 13. Januar. Im antiken römischen Kalender bis Julias Cäsar am 1. März, und die Kurden am 21. März usw. Die Redewendung „einen guten Rutsch“ ist vom jüdisch/hebräischen abgeleitet. Dort sagte man „tov rosch“, was so viel heißt wie „einen guten Anfang“. An diesem Tag wurden wir Kinder vormittags zum Neujahr-Wünschen in die Nachbarschaft geschickt. Für mich hieß das, vorstellig zu werden bei Schimmels im Haus, bei Dubiels und Beckers nebenan und bei Liebmanns eine Straße drüber, um die Wünsche fürs neue Jahr unserer Familie zu überbringen.

 

Die Zeit zwischen Weihnachten und Hl. Drei Könige gehörte den Sternsingern, die seit 1958 in die Häuser kommen, Lieder singen und den Segen über der Haustür anbringen. Der Tür-Code lautet z.B.: „19*C+B+M+59“ und bedeutet: „Für das Jahr 1959 – Christus Mansionem Benedicat – Christus segne dieses Haus“. Die Könige heißen Caspar, Melchior und Balthasar, wobei der Melchior sich schwarz zu schminken hatte. Traut man sich das heute noch, in den Zeiten in denen „Negerkuss“ und „Mohrenkopf“ als rassistisch gelten? Auf dem Härtsfeld waren das früher sehr gebräuchliche Vornamen für die Buben.

 

Die Sternsinger
v.l.n.r.: Anton Schaupp (als Melchior), Michael „Beppo“ Bernlöhr (als Sternträger), Dieter Fritz (als Baltasar) und Paul Hug (als schwarzer Caspar) (Archiv Schaupp)

Hl. Drei Könige (6. Jan).

An diesem Feiertag gingen wir gerne in die Kirche, weil es da noch die Krippe auf der rechten Seite ganz vorne, auf Seite der Beichtstühle, anzuschauen gab. Das fand ich interessant. Und am Haupteingang begrüßte uns der „Nick-Neger“, ein kleiner „schwarzer Mohr“ mit der Bitte einer Spende. Die Figur nickte, wenn eine Münze in den Schlitz gesteckt wurde. Leider wurden diese Spendensammelfiguren irgendwann ein beliebtes Ziel von Dieben, um schnell an Bargeld zu kommen. Auch wenn vielleicht einige aufschreien – aber diese Begriffe gehören in diese Zeit und jeder weiß heute noch, wenn er den Begriff hört, was das war und wie das aussah. Es muss nicht alles aus Gründen der politischen Überkorrektheit verpönt sein.

 

Sebastianstag (20. Januar).

Das ist das Fest für die Holzmacher, denn der Hl. Sebastian ist der Schutzheilige der Waldarbeiter, Soldaten, Gärtner und Jäger. Hier finden wir in alten Kirchenunterlagen, dass z.B. 1960 am Freitag, 22. Januar frühmorgens um 08:00 Uhr für die lebenden und die verstorbenen Holzhauer und ihre Angehörigen eine Festmesse auf Deutsch (!) abgehalten wurde. Danach zogen die Arbeiter mit Ihren Vorgesetzten in ihre Stammkneipe und ließen es sich den ganzen Tag, bei Speis und Trank, gutgehen. Das wird auch heute noch so gehalten.

 

Maria Lichtmess (2. Feb).

Wie so oft spielt auch hier die 40 eine Rolle – der Tag ist genau 40 Tage nach Weihnachten und war früher daher auch das offizielle Ende der Weihnachtszeit. Meine Großeltern haben auf dem Härtsfeld (wie viele andere) den Christbaum bis Lichtmess in der kalten „Guten Stube“ stehenlassen. Kirchlich gesehen geht es dabei um die „Darstellung Christi“. Für den Bauern begann das „Bauernjahr“ und das „Dienstboten- und Knechtsjahr“ endete. In Aalen gab und gibt es bis heute den traditionellen Lichtmess-Markt. Neben diesem Markt-Tag gibt es noch Jakobi (25.07.), Michaeli (29.09) und Martini (11.11.). Das waren früher oft sog Stichtage, an denen Kreditlaufzeiten endeten und natürlich vielerorts auch Markt- und Gerichtstage.

 

Wer kennt sie nicht: Rudi Pavlat, Anton Schaupp und Willibald „Wibbe“ Hug

Fasching (im Besonderen Altweiberfasching und Faschingsdienstag).

Das fand in meiner Kindheit zuhause, auf der Straße und in der Dreißentalhalle statt. Meine Mutti liebte es Fernsehübertragungen wie „Mainz wie es singt und lacht“ anzuschauen. Unvergessen Ernst Neger (ob der sich heute umbenamsen lassen müsste?) und sein „Humba Täterä“. Am Rosenmontag dann die Umzüge aus Mainz, Köln und Düsseldorf und wir Kinder wurden mit selbst gemachten Faschings-Krapfen verwöhnt. Verkleidet in der Regel als Westernheld ganz in Schwarz, roter Fransenborte an den Hosenbeinen, aufgemaltem Bart und zwei Colts mit reichlich Munition vom „Unfried“. Ich war, wie Lucky-Luke, schneller als mein Spiegelbild.

 

Hausbälle

Für die Erwachsenen gab es Hausbälle und Vereinsveranstaltungen – privat oder in Gasthäusern. Man liebte es zu feiern. Als ich später selbst das entsprechende Alter hatte, liebte ich die Faschingsveranstaltungen der Handballer an Weiberfastnacht im TVO-Heim, den MTV-Fasching in der Stadthalle in Aalen und die Fete in der Hammerschmiede in Königsbronn. Eine Besonderheit war der schmotzige Donnerschdig“ – der Donnerstag vor dem Rosenmontag, auch Weiberfastnacht genannt. (Schmotz = abgeleitet von Schmalz. Man aß dazumal in Fett gebackene Speisen, wie z.B. Faschingskrapfen, Apfelkrapfen oder Nonnafürzle). Daher kommt auch der alte Spruch: „Luschdig isch die Fasenacht, wenn mei Muader Küachli bacht.“ Das Abschneiden von Krawatten hielt natürlich auch in Oberkochen Einzug – man denke nur an die Trophäen, die im Laufe der Jahre gesammelt, als Straßenschmuck dienen. Anfangs gefiel das den Kollegen bei Leitz überhaupt nicht und nur die mutigsten „Weiber“ zückten die Schere. Später banden sich die Herren dann die übelsten Krawatten um, die sie zu Hause finden konnten und waren enttäuscht, wenn diese am Feierabend immer noch unversehrt um den Hals hingen.

Der Fasching im „Kies“ wurde bereits in Bericht 694 „Em Kies isch’s g’wieß – Teil 1“ besprochen.

In der Schwäpo aus dem Jahr 1950 findet sich folgender Eintrag: …In der Woche vor Fastnacht kannte man hier in früherer Zeit den „Gompa-Donnerstag“. Wie es heißt schlugen sich an diesem Tag die jungen Leute und Schulkinder mit Knüppeln (Wie bitte?). Am darauffolgenden „Rußigen Freitag“ strichen sie sich mit Ofenruß an und am „Schmalzigen Samstag“ schmierte sich die Jugend gar mit Schweinefett ein.

 

Aschermittwoch

war Pflichttermin zum Kirchenbesuch in der ersten Schulstunde. Es war der Beginn der 40tägigen Fastenzeit. Der Pfarrer, in meiner Kindheit Konrad Forster (ein harter und durchaus „koi oifacher“ Mann – aber dem Zeitgeist durchaus entsprechend) sprach bei der Bezeichnung mit dem Aschenkreuz zu jedem Einzelnen die Worte: „Bedenke Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehrst“. Der obligatorische Schülergottesdienst Mittwochsfrüh begleitete uns die gesamte Grundschulzeit hindurch. Je älter wir wurden umso häufiger schwänzten wir ihn. Irgendwann wurde er dann abgeschafft. Im Konzil von 1091 hieß es dazu: „Kein Laie solle es wagen nach dem Aschermittwoch Fleisch zu essen!“

 

Josefskapelle

Josefstag (19. März).

Früher war das ein katholischer Feiertag. Man ging in die Kirche St. Peter + Paul und feierte die Mess‘ zusammen. Danach ging es in die „Grub“ zum Frühschoppen um den Namenstag gebührend zu feiern. Dazu wurden eine oder einige „Liesl“ gestemmt (Bierglas mit üblicherweise 2 Ltr. Volumen). Wenn schon, denn schon. Da wurde es dann mitunter schon 14 Uhr oder 15 Uhr bevor es nach Hause ging, um den „Sepp“ weiter hochleben zu lassen. In guten Zeiten haben sich schon bis zu 20 Josefs versammelt um dem Namenspatron Referenz zu erweisen. Ond ois war g’wieß: Koi Josefa oder a Josefine – das war eine reine Männerwelt – jedenfalls bis m’r wieder d’hoim war. Heutzutage gibt es der Josefs nicht mehr viele und das Feiern hat sich nach Hause auf den Abend verlagert. S'isch halt au nemma dees. Für das bäuerliche Leben galt und gilt: Auch der faulste Bauer ist spätestens an Josefi auf dem Feld. Das Märzenbier, das auch bei uns in den zahlreichen Flaschenbierhandlungen, gekauft werden konnte, wurde früher im März gebraut und war ein kräftiges Bier.

In diesem Zusammenhang muss natürlich die Josefs-Kapelle erwähnt werden, für deren Bau der Freundeskreis „Bagage“ verantwortlich ist. Es sind und waren g’standene Männer mit ihren besseren Hälften namens B. + H. Balle, A. + R. Holz, M. + R. Trittler, F. + M. Weber, R. + H. Hug, und B. + M. Brandstetter, die einfach loslegten und machten…..

 

Palmsonntag 1956 – Preisträger von links: Anton Bezler, Stefan Beck, Adolf Rettenmaier

Palmsonntag.

Das ist der sechste und letzte Sonntag der Fastenzeit und der Sonntag vor Ostern. Mit dem Palmsonntag beginnt die Karwoche, die in der evangelisch-lutherischen Kirche auch Stille Woche genannt wird. Der „Palm-Esel“ war in der Familie derjenige, welcher als letzter aufstand und wurde entsprechend gehänselt. War natürlich in den Pubertätsjahren ich, da die Disco-Nächte mitunter sehr lang und die Heimwege (Trampen – das macht heute kaum noch jemand) noch länger waren und manchmal bin ich vom „Bottich“ in Unterrombach zu Fuß nach Hause gelaufen. Zudem wurden früher die schönsten Palm-Wedel prämiert, wie das Bild von 1956 verdeutlicht. Auch eine, mit Zucker bestreute, „Palm-Brezel“ gab es an diesem Tag.

 

Ostern.

Der Karfreitag war für uns Jugendliche ein trostloser Tag. Alles war verboten. Die Eisdiele hatte geschlossen, im Radio lief nur die sog. „schwere“ Musik (also Klassik der schweren Sorte) und sogar die Kirchenglocken waren schon am Gründonnerstag nach Rom „geflogen“ und durch die Rätschen ersetzt worden. Bis spätestens am Karsamstag, abends bis 19 Uhr, musste die Beichte abgeleistet werden – irgendwie, auch wenn es nichts zu beichten gab – und in raschem Tempo die „Vater Unser“ und „die Rosenkränze“ abgeleistet werden. Am Sonntagvormittag, die Glocken waren zurückgekehrt, war das Hochamt Pflicht – mit großer Würde und Pomp, begleitet durch Kirchenchor und Musikverein, wurde die Messe so richtig gefeiert, bei der Monsignore Fischer oft den Pfarrer unterstützte. Der Kirchenchor hatte durchaus respektable Solistinnen wie (beispielhaft Karin Seckler und Gabriele Trittler). Auch der Musikverein glänzte oft durch seine Solisten (beispielhaft Günther Fischer). Danach wurden Eier, Brot, Fleisch und das Osterlamm geweiht und erhaben nach Hause getragen. Am Ostermontag ging es dann wieder in die Messe. Das Essen war wie folgt geprägt: Freitags ganz klar fleischlos, samstags normal, am Sonntag und Montag wurde aufgetischt – es waren schließlich Fest- und Feiertage. Am Sonntag durften wir Kinder die Osternester suchen, die mit echten Eiern und Schokoladeneiern und Gummibärchen gefüllt waren.

Katholiken und Protestanten waren sich früher ja nicht so grün und so kam es manchmal vor, dass die Bauern jeweils mit Ihrem Güllewagen am jeweils höchsten Feiertag der „anderen Seite“ durch den Ort auf die Felder fuhren, um den Tag festlicher zu gestalten ☺. Die katholischen Bauern fuhren also am Karfreitag und die evangelischen am Ostersonntag. In Oberkochen gab es das auch und tw. aber an anderen Tagen wie z.B. Fronleichnam.

 

Der Erste April

war der Tag, an dem die Familienmitglieder, Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen „in den April geschickt“ werden sollten – und war der Versuch noch so durchsichtig und platt – man versuchte es trotzdem. Der Aprilscherz ist in Deutschland erst ab 1618 nachzuweisen. Worauf sich das zurückführen lässt ist unklar. Mir gefällt aber die Version, dass es mit der Gregorianischen Kalenderreform 1584 zu tun hat. Neujahr war nun nicht mehr der 1. April sondern der 1. Januar. Und manche Zeitgenossen haben das nicht geschnallt und am 1. April immer noch zum neuen Jahr eingeladen.

 

Tag der Arbeit (1. Mai).

Kundgebung um 11 Uhr auf dem Hof der Dreißentalschule mit Sängerbund und Musikverein. Die Gewerkschaft hatte früher eine viel größere Bedeutung ging es doch um Arbeitszeit, Urlaub, Löhne, Kündigungs- und Krankheitsschutz. Das ist heute zwar auch so, aber damals musste heftig darum gekämpft werden. 1956/57 erstreikten 33.000 Metaller in Schleswig-Holstein die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

 

Muttertag (Mai).

Hier waren wir Kinder natürlich angesprochen. Es galt Danke zu sagen für die Mühe der Mutti, die sie sich mit ihren „Männern“ das ganze Jahr über Mühe gab, es allen recht zu machen. Wir pflückten Blümlein von der Wiese oder holten vom Taschengeld Schnittblumen beim Gärtner Mahler im Dreißental. Auch eine Handcreme mit Kamillenblüten und das unvermeidliche „4711“ oder „Tosca“ waren hier der Renner. Zum Essen ausgeführt werden wollte unsere Mutti Hilde an diesem Tag nicht. Da waren ihr zu viele Menschen in den Restaurants. Also kochte sie zuhause und wir großen und kleinen Männer übernahmen den Abwasch und das Abtrocknen des Geschirrs. Danach machten wir noch einen Ausflug – meistens aufs Härtsfeld.

 

Die Eisheiligen (dieses Jahr vom 11. bis 15. Mai)

Mamertus, Pankratius, Servatius und Bonifatius gehören ebenfalls zum Mai. Bevor diese Tage nicht vorbei sind, und da nehmen wir die „Kalte Sophie“ am 15. Mai noch dazu, kann immer noch ein polarer Kälteeinbruch mit Bodenrost im Garten zerstörerisch wirken. Ab jetzt beginnt die Gartenzeit.

 

Christi Himmelfahrt mit Oeschprozession.

„Warum gehet man in den Processionen um die Fluren, Aecker und Felder? – Um den gütigen Gott zu bitten, er wolle mit seiner milden väterlichen Hand die Fluren segnen, die Früchte der Erde erhalten, und wie er alle Thiere mit Segen erfüllt, und ihnen ihr Speis zu gelegener Zeit gibt, also auch uns Menschen die nothwendige Nahrung mittheilen“. Dieser Feiertag ist immer 40 Tage nach Ostern und 10 Tage vor Pfingsten. Damit endet auch kirchlich offiziell die Osterzeit. Es wurde um 8 Uhr ein „Amt“ gefeiert und anschließend ging eine Prozession über den Katzenbach hinaus in den Langert. Die hohe Bedeutung dieses Feiertages ging aber schon im Mittelalter verloren und wandelte sich in einen Tag, an dem der Alkohol wichtiger wurde als das Weihwasser. „Herrenpartien“ feierten fröhliche Urständ‘ und führten letztendlich zum „Vatertag“, an dem die Herren mit Strohhut, Leiterwagen und Bier in die weite Welt aufbrachen, um abends wieder in die überschaubare Familienwelt zurückzukehren.

 

Der Pfingstmarkt wie er früher war (Archiv Rathaus)

Pfingsten.

Ist ein kirchliches Fest, dessen Sinn sich heute schwer erschließt, vielen unklar und fremd geworden bzw. geblieben ist. Den Pfingstmontag würde die Industrie allzu gerne abschaffen. Wer als letzter im Haushalt aufstand wurde als Pfingst-Ochse geneckt. Für uns war das wichtigste immer der Pfingstmarkt mit Buden, Karussell, Auto-Scooter, Musik, Bratwurst und Bier. Wir sind immer beim Aufbau, besonders beim Auto-Scooter, herumgeschlichen, um vielleicht mithelfen zu dürfen und dafür Fahr-Chips zu bekommen. Ein Eckpfeiler in Oberkochens Jahreskalender. Wer weggezogen war, ist an diesem Tag wieder mal nach Hause gekommen, um die Familie und alte Freunde zu treffen. Der Markt feierte unbemerkt 2017 sein 200jähriges Bestehen – allerdings nur noch auf ein überschaubares Märktle zusammengeschrumpft. Bevor sich Kinderfest und Stadtfest etablierten, war dieses Fest das jährliche Highlight.

1950 schreibt die Schwäpo: …eine größere Anzahl von Verkaufsständen, auch hiesige Firmen, war auf beiden Seiten der Aalener und Heidenheimer Straße aufgebaut und das günstige Wetter hat viele Kauflustige angelockt. Eine Essinger Firma hatte einen landwirtschaftlichen Traktor vor dem „Lamm“ aufgestellt. Zur Rechten und Linken der pfingstlichen Verkaufsstraße wurden viele nützliche Gebrauchsgegenstände, Textilien, Spielzeug, Süßigkeiten usw. zu günstigen Preisen angeboten.

 
 
140 Jahre Pfingstmarkt 1957
(zum Vergrößern bitte klicken!)

 

Dreifaltigkeitssonntag „Trinitatis“.

Es wird die Dreieinigkeit gefeiert „Vater, Sohn und Heiliger Geist“. Mit diesem Tag wird die Zeit der Feste im Kirchenjahr abgeschlossen und es folgt eine „festlose“ Zeit bis zum Totensonntag.

 

Schafskälte (8. Juni).

Auch jetzt kann es nochmals empfindlich kalt werden, sodass die Heizungen manchmal eingeschaltet werden müssen. Mein Vati, der Schorsch, hatte am 7. Juni Geburtstag und da haben wir wettermäßig so alles Mögliche erlebt: Grillen bei 30° und bei Schneeregen. Im ungünstigsten Fall sieht das Wetter im Jahresverlauf in etwas so aus: Winter bis Ende März, Aprilwetter, Kalter Mai und Juni, verregneter Sommer, früher Wintereinbruch. Mein Sohn sagt immer, dass es in Deutschland 6 Monate Winter gibt und es 6 Monate kalt ist – aber das scheint sich derzeit zu ändern ☺.

 

Fronleichnamsaltar 1954 in der Heidenheimer Str. beim Grazer (heute Kaufmann)

Fronleichnam mit Prozession.

Dieses Fest wurde von mir schon eingehend im Bericht 640 abgehandelt. Das wichtigste war einfach die Prozession mit Musik und Böllerschüssen sowie dem nachmittäglichen Gartenfest. Im Jahr 1954 fiel der Tag auf den 17. Juni und der Prozessionsweg war wie folgt: Mühlbergele, Bahnhofstraße (Altar Schellmann), Heidenheimer Straße (Altar Betzler, Wagner), Dreißentalstraße (Altar Schule) und Turmweg (Altar Cafe Gold). Wacholderbutzen (wie lange Zeit üblich) durften aus Naturschutzgründen nicht mehr zum Schmücken verwendet werden, also nahm man nun Birkenstämmchen und Zweige. Die Stadt ermahnte die Bevölkerung jedes Mal die Straßen und Hofeinfahrten auf der Strecke zu säubern.

 

Tag der deutschen Einheit (17. Juni).

Dieser Tag hatte für Oberkochen aus meiner Sicht schon etwas besonders. Kamen doch viele unserer Mitbürger aus der SBZ Sowjetischen Besatzungszone (auch Ostzone oder schlicht Zone genannt). Das geflügelte Wort hieß: „Wir hamm rübergemacht.“ In den 70ern wurde von den Medien nach und nach DDR als Begriff verwendet. Dieser Gedenktag geht auf den Volk- oder Arbeiteraufstand am 17.06.1953 zurück (knapp 4 Jahre nach der Gründung der DDR). Die BRD erklärte diesen Tag umgehend ab 1954 zum „Tag der Deutschen Einheit“, an welche die meisten nicht mehr glaubten, bis die DDR 1989 implodierte. Nun hatten wir die Einheit, die manche so nicht wollten und die Jungen können sich das gar nicht mehr vorstellen, was das für Auswirkungen im täglichen Leben bis in die Familien hinein hatte. Aber wir wollen ja nicht mehr zurück. Schon Erich „Honey“ Honegger hat das erkannt: „Vorwärts immer, rückwärts nimmer.“

 

Die Sonnenwende (21. Juni)

ist der längste Tag im Jahr. Die Germanen entzündeten mächtige Feuer zu Ehren ihrer Götter. Im Christentum wurden sie zu Johannis-Feuern „umgebaut“. In meiner Jugendzeit saßen wir auf dem Volkmarsberg, zu Füßen des großen Felsens, bei Sonnwendfeuer, Gitarrenmusik und deutschem sowie amerikanischem Liedgut und genossen den Abend.

 

St. Peter und Paul um 1900

Peter und Paul (29. Juni).

Die Kirchenpatrone der katholischen Kirche werden an diesem Tag gefeiert und dieser Tag war früher ein katholischer Feiertag. An solchen Tagen hat früher der Betrieb am Rathaus geruht und nur ein Notdienst zwischen 11 und 12 Uhr wurde aufrechterhalten.

 

Siebenschläfer (7. Juli).

Der Siebenschläfertag ist der Tag der Wetterentscheidung für die kommenden Sommerwochen. Vor der gregorianischen Kalenderverschiebung lag der Tag am 27. Juni. Der liturgische Gedenktag für die „Sieben Schläfer von Ephesus“ liegt weiterhin am 27. Juni, wettertechnisch ist es der 7. Juli: „Wie’s Wetter an diesem Tag, sieben Wochen bleiben mag“. Wer’s auch in Zeiten des Klimawandels glauben mag….. s'isch halt a bäuerliche Weisheit.

 

Hundstage (23. Juli).

Was es alles so gibt. Diese Tage gehen sogar bis auf das 3. Jahrtausend vor Christi, in das alte Ägypten mit der jährlichen Nilschwemme, zurück. Bei uns gibt es den Begriff seit dem 14. Jahrhundert für eine Schönwetterperiode ab Mitte Juli.

 

Mariä Himmelfahrt (15. August).

Auch an diesem Tag war bei uns das Rathaus früher für den Publikumsverkehr geschlossen und der Bürgermeister nur in Notfällen zu sprechen.

 

Herbstanfang (23. September).

Der Sommer ist vorbei, jetzt hoffen wir noch auf den Altweibersommer (trotz aller Genderisierung). In der Morgensonne glitzern die Spinnweben auf den Hecken. Es ist die Zeit in der geerntet wird, was man im Frühjahr gesät hat – sofern es das zurückliegende Wetter nicht zunichte machte.

 

Sprechverbote.

Dieser Bericht muss ein paar Anmerkungen zum Thema „geächteter und verbotener“ Worte ertragen. Im Rahmen einer uferlosen Genderisierung und eines Sprechgebotes wird uns nahe gelegt, suggeriert und tw. sogar umgesetzt, was wir sagen und tun dürfen. Davon ist manches unerträglich und verstümmelt und erwürgt Teile unserer Kultur, nur um angebliche Diskriminierung im vorauseilenden Gehorsam zu unterbinden. Sehr wohl wissend, dass ich dabei dem einen oder der anderen einiges zumute, ermuntere ich aber trotzdem sich folgenden Änderungen nicht zu beugen. Weihnachten bleibt Weihnachten und wird nicht zu einem Baumfest umtituliert, Ostern wird kein Eierfest, Fronleichnam ist kein Obladen- oder Hostienfest, der Martinsumzug ist kein Laternen- oder Lichter- und auch kein Sonne-Mond-und-Sterne-Fest. An Fasching wird in manchen Kindergärten schon vorgeschrieben, als was sich Kinder verkleiden dürfen und als was nicht. Und es werden weiterhin Judenfürze gezündet und Nonnenfürzle gegessen. Und bewahre uns vor einer Weltraumreise anstatt Himmelfahrt. Wenn es dann irgendwann einmal ein Harmonisierungs-Ministerium (wie in China) gibt, wissen wir was die Zeit geschlagen hat. Und übrigens, Ernst Neger (Neeescher) bleibt Ernst Neger und zu Fasching wird weiterhin sein „Heile Heile Gänsche…“ gesungen.

 

(Fortsetzung folgt in Kürze). Bis dahin grüßt wie immer „Der Billie vom Sonnenberg – wohnhaft in der Frühlingstraße.

Wilfried „Billie Wichai“ Müller, Email: wichai@t-online.de, Mobil: 0171 2217 530, Frühlingstraße 2, 73447 Oberkochen oder Postfach 1328, 73444 Oberkochen

 

Anmerkungen

Besondere Tage im Jahreskreislauf – Teil 1

A bissle äbbes muss korrigiert und anderes ergänzt bzw. erklärt werden. Die Meldungen zeigen mir, dass drüber g’schwätzt wird. Das freut mich und jetzt zu den Anmerkungen im Detail.

Unser Förster Reinhold Vogel erwähnt zu Recht, dass es in unseren Breiten um den „Vinzenz“ geht, der für Holzfäller und Waldarbeiter bei uns, in Bayern und in Österreich als Schutzpatron gilt. Andernorts wie z.B. in Hessen ist das der „Sebastian“. Gottseidank haben die fast miteinander Geburtstag; der Sebastian am 20. Januar und der Vinzenz am 22. Januar.

Unser Huga-Paul klärt zwei wichtige Punkte. Zum einen wie die Buben heißen, welche auf dem Bild als Sternsinger verkleidet sind. Von links nach rechts handelt es sich dabei um: „den Schaupp Anton, den Michael „Beppo“ Bernlöhr (als Sternträger), den Dieter Fritz und ihn selbst, d‘ Paul Hug (als Schwarzer).“

Das andere ist das ewige Thema „Grazer oder Kratzer“: Und: Die “Grazer”, meine Vorfahren mütterlicherseits, heißen nicht mit „tz“ sondern nur Bezler ohne das „t“. Schon wenn man den Grabstein an der Kirchenmauer zur Mühle runter anschaut ( Bezler, Lammwirt) sieht man, dass die „Bezler“ schon Jahrhunderte lang in Oberkochen ansässig waren (übrigens weiter zurück auch vor diesem „Bezler“), ehe die anderen Tiroler wie „Elmer“, „Brunnhuber“ u.a. zu uns kamen. Deshalb hat der Name „Grazer“ fälschlicherweise auch überhaupt nichts mit Auswanderern aus Graz zu tun. Der Irrtum geht auf einen Schreibfehler eines hiesigen Pfarrers zurück:

Der Hausname der „Bezlers“ war „Kratzer“ mit „K und tz“!

So, des wär‘ jetzt au g’schwätzt, schau’n wir mal was beim Teil 2 noch alles zur Klärung kommt.

Ich wünsche schöne Pfingsten und standet rechtzeitig auf – sonscht isch m’r d’r Pfingschtochs.

 

Wilfried „Billie Wichai“ Müller, Email: wichai@t-online.de, Mobil: 0171 2217 530, Frühlingstraße 2, 73447 Oberkochen oder Postfach 1328, 73444 Oberkochen

 

 
Übersicht

[Home]