Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 709
 

Eine Fundgrube – Alte Adressbücher Teil 1 Ausgabe 1937

 

Die alten Adressbücher waren der Schatz meiner verstorbenen Mutter. Selten, dass sie nicht nach einem Telefonat, einem Jahrgangstreffen oder sonst einem Gespräch, dass unter dem Thema „Woisch no…“ abgelaufen ist, nicht eines der Bücher in die Hand nahm, um offene Fragen zu klären. Sie sprach natürlich kein Schwäbisch und hatte ihr Leben lang Probleme mit „Beugen“ und „Beigen“. Zu klären waren immer immens wichtige Fragen: „Wo hat der g’wohnt? Mit wem war der verheirigt? Was war der von Beruf? Wo haben die früher gewohnt? u.v.a.m. in diese Richtung.“

Diese Bücher habe ich natürlich übernommen und nicht weggeworfen, auch wenn manche etwas zerfleddert aussehen. Die Ausgaben der Oberkochner Adressbücher waren nicht immer handwerklich gut gemacht – das war wohl dem Spargedanken des jeweiligen Gemeinderats geschuldet. Die erste gebundene Ausgabe von 1959 ist immer noch in Machart und Haltbarkeit das Beste. Jedoch hat Mutti nicht alle Ausgaben gehabt, sondern erst die ab 1959. Die beiden anderen, die diesem Bericht zugrunde liegen, verdanke ich dem Eugen Fischer aus Aalen.

Auch mir helfen diese Ausgaben mitunter recht viel, wenn ich für die Berichte wieder in den Tiefen der Oberkochner Geschichte recherchieren muss. Datenschutz hin oder her – es ist einfach schade, dass diese Reihe mit der Ausgabe von 2002 beendet wurde.

In meinem Fundus befinden sich folgende Ausgaben, in denen sich die interessanten Dinge finden lassen:

Wenn jemand zuhause noch ältere Ausgaben hat, ist er oder sie herzlich aufgerufen, mich einzuladen ☺. Anmerkung: Was wie ein Rechtschreibfehler aussieht, ist die Schreibweise der damaligen Zeit.

Georg Nagel’s „Hirsch“ mit „Konsum“, „Josef Krok“ und der „Aalener Volksbank“

 

Übersicht aus dem Jahr 1937:

Natürlich noch in Altdeutsch gedruckt bietet sie, trotz der Überschaubarkeit des kleinen Bauerndorfes mit örtlicher Industrie eine Fülle von Informationen. Sie beginnt mit den Werbeanzeigen der Handels- und Gewerbebetriebe. Da finden sich folgende Einträge:

 

1948 Blick über Oberkochen

 

Die Gemeinde stellt sich mit Bild vom Turm wie folgt dar:

„Oberkochen 496 Meter ü.d.M. an der Bahnlinie Aalen-Ulm, 9 km von Aalen entfernt, in mit schönen Buchen- und Tannenwäldern bedeckten Bergen, eingebettet, am Ursprung des schwarzen Kochers liegend, bietet als besonders herrliches Ausflugsziel den Volkmarsberg mit seinem 26 Meter hohen Aussichtsturm, der Volkmarsberg ist zum größten Teil Naturschutzgebiet und gilt als eines der schönsten Naturschutzgebiete Württembergs. Für den Wintersport bietet das Gebiet des 743 Meter hohen Volkmarsberges mit seinen Abfahrten, sowie als Ausgangs- und Zielpunkt herrlicher Skiwanderungen gute Sportmöglichkeiten (Große Sprungschanze). Oberkochens Skiläufer gehören zu den besten in unserem Vaterland. Neben den bekannten Bohrer-, Werkzeug- und Maschinenfabriken sowie dem Kaltwalzwerk sind als Kleingewerbe die Oberkochner Hafnereibetriebe noch bedeutend. Einwohnerzahl 1.850. Markungsfläche 2.357 Hektar“.

 

Es folgt eine Auflistung von NSDAP bis Vereine.

Die Aufzählung ist alphabetisch von „A“ bis „Z“, aber die Partei steht noch vor dem „A“, also über Allem.

 

Dann kommen wir zu Gewerbe und Handel:

Gasthaus und Metzgerei „Lamm“ mit Elektroladen „Fritscher“

 

Bei dieser Gelegenheit können wir klären, welche Berufe inzwischen auf der Strecke geblieben sind oder sich der Begriff geändert hat und welche Vornamen heute nicht mehr gebräuchlich sind.

1926 nördliches Bahnwärterhaus Vogel

 

Nachnamen. Der Nachnamensteil, der von Alfons Abele (Schmied und Chauffeur) aus der Essinger Straße 332 bis August Zutavern (Werkzeugmacher) aus der Langestraße 22 reicht, beinhaltet 258 Familiennamen bei 1.850 Einwohnern. In Reihenfolge der Häufigkeit waren das seinerzeit Platz 1: 62 x Gold, Platz 2: 46 x Fischer, Platz 3: 28 x Grupp, Platz 4: 19 x Wingert und Platz 5: Je 17 x Bezler (es gibt noch 9 x Betzler) und Schaupp.

Vornamen. Es finden sich auch viele Vornamen, die heute nicht mehr gebräuchlich sind. Männlich: Aloisius, Anselm, Benedikt, Gottlob, Ignaz, Melchior, Severin, Vinzenz und Xaver. Weiblich: Albertina, Babette, Emilie, Helene, Kreszentia, Kunigunde, Lina, Lucia, Louise, Lotte, Ludwina, Mathilde, Pauline, Pia, Thekla, Theresia, Viktoria und Zita.

Eine besondere Adresse war die Kirchstraße 150 (dem heutigen Edith-Stein-Haus). Hier wohnten „Die Barmherzigen Schwestern“ und die hießen: Regiswiudis Ilg, Ostiana Lörch und Guntfrida Schmalz sowie die Kinderschulschwester Lina Kaufmann.

Die alte Bergstraße – heute Volkmarsbergstraße

 

Die alte Kreuzmühle

 

Straßen. Die Anzahl der Straßen war überschaubar und viele haben heute einen anderen Namen. Um das Ganze erlebbarer zu gestalten, ordne ich den Straßen auszugsweise ein paar Namen zu. Was sofort auffällt ist die willkürliche Vergabe der Hausnummern. Das wurde erst nach dem Krieg neu strukturiert. So wie wir es heute kennen, ungerade Hausnummern li und gerade Hausnummer rechts der Straßenführung:

Der PX-kriminale Blick des Kommissars a.D. Josef Paul Fischer

 

Tanzkapelle Oberkochen (Klavier Hermann Spranz, Trompete Josef Trittler (Dreißental), Schlagzeug Josef Wingert (Stöpsel), Ganter (?)

 

Eine Fundgrube – Alte Adressbücher Teil 2 Ausgabe 1949-50

Diese erste Nachkriegszusammenstellung beginnt in neuer Druckschrift (das Altdeutsche ist passé) mit drei Annoncen der Firmen August Oppold sowie J. Adolf Bäuerle (Tel. 51) und Günther & Schramm (Tel. 61).

1930 Unser Hausberg – Der Volkmarsberg

 

Nun stellt sich die Gemeinde, wie zuletzt, mit Bild vom Turm wie folgt dar:

„An der Bahnlinie Aalen-Ulm, 9 km von Aalen entfernt, in mit schönen Buchen- und Tannenwäldern bedeckten Bergen, eingebettet, am Ursprung des schwarzen Kochers liegend, bietet als besonders herrliches Ausflugsziel den Volkmarsberg mit seinem 26 Meter hohen Aussichtsturm. Der Volkmarsberg ist zum größten Teil Naturschutzgebiet und gilt als eines der schönsten Naturschutzgebiete Württembergs. Für den Wintersport bietet das Gebiet des 743 Meter hohen Volkmarsberges mit seinen Abfahrten, sowie als Ausgangs- und Zielpunkt herrlicher Skiwanderungen gute Sportmöglichkeiten (Große Sprungschanze). Oberkochens Skiläufer gehören zu den besten in unserem Vaterland. Neben den bekannten Bohrer-, Werkzeug- und Maschinenfabriken sowie dem Kaltwalzwerk und den optischen Werken der Firma Zeiss Opton sind als Kleingewerbe die Oberkochner Hafnereibetriebe noch bedeutend. Einwohnerzahl 3.350. Markungsfläche 2.357 Hektar“.

 

Es folgt eine Auflistung aller Ämter.

 

Es folgt ein Verzeichnis der selbständigen Einwohner.

Der Krieg ist jetzt seit 4 Jahren vorbei und auch das Einwohnerverzeichnis hat sich dramatisch verändert. Viele sind gestorben und sehr viele sind neu registriert worden. Das Verzeichnis beginnt wieder mit Alfons Abele, einem Schmied aus dem Kapellenweg 22 und endet bei Siegfried Zipser, einem Maschinenschlosser aus dem Turmweg 14.

Nachnamen. Nun beinhaltet die Liste schon 685 Familiennamen bei 3.350 Einwohnern. In Reihenfolge der Häufigkeit waren das nun Platz 1: 47 x Gold, Platz 2: 33 x Fischer, Platz 3: 19 x Grupp, Platz 4: 16 x Müller (ein neuer Name erobert die Welt ☺) und Platz 5: Je 15 x Wingert und Schaupp. PS: Wo immer ich auf der Welt unterwegs war und sagte, dass ich Müller heiße, kam es zurück: „Ah, Gerd Müller, good footballplayer“.

Das Gewerbe. Neu ist in dieser Ausgabe ein ausführlicher sog. Wirtschaftsspiegel. Er beginnt natürlich auch hier wieder mit Alfons Abele im Katzenbach 3, der Schmiede-, Mechaniker- und Installationsarbeiten anbietet und endet bei Zeiß-Opton am Ölweiher. Insgesamt sind 139 Einträge zu verzeichnen. Vermutlich durch eine Geldgabe haben sich folgende Betriebe einen hervorgehobenen Eintrag gesichert:

Zimmerei Franz Brunnhuber in der Heidenheimer Str. 82; Elektro- und Radiounternehmen Wilhelm Fritscher in der Heidenheimer Str. 4; Bäckerei und Kolonialwaren Willibald Geißinger; Cafe Gold im Turmweg 8; Wilhelm Grupp o.H.G. in der Heidenheimer Str. 100; Sattlermeister Albert Holz in der Heidenheimer Str. 54a; Kaltwalzwerk GmbH in der Aalener Str. 62, Josef Krok mit Bekleidung, Textil und Wäsche in der Aalener Str. 2; Gebrüder Leitz mit Spezialwerkzeugen für Holzbearbeitungsmaschinen Beim Ölweiher 1; Karl Reber mit dem Gasthaus und der Metzgerei zum „Lamm“ in der Heidenheimer Str. 2; Jakob Schmid mit Maschinenwerkzeuge für Holzbearbeitung und Eisenwaren in der Dreißentalstr. 19; Karl Widmann mit seiner Bäckerei beim Rathaus in der Heidenheimer Str. 6 sowie Paul Wingert mit seiner mechanischen Bauglaserei und seiner Spezialität: Dem Doppelfenster.

Dazwischen ein paar Besonderheiten: Der Maßschneider Berkowski in der Heidenheimer Str. 40; Paul Blume mit einer Reparaturwerkstatt für Büromaschinen in der Dreißentalstr. 51; Agathe Gold mit einer Krawattenherstellung im Katzenbach 19; Adolf Grupp mit einer Mietwaschküche in der Dreißentalstr. 41; Karoline Köhler mit einem Handel für Füllfederhalter in der Dreißentalstr. 60; Lina Lindner mit der Herstellung und dem Verkauf von Speiseeis im Katzenbach 49; Robert Sauter mit einer Schlackensteinfabrikation im Katzenbach 22; Georg Wick mit einem Tabakwarenhandel in der Heidenheimer Str. 55 und die Küferei Adolf Wunderle im Kapellenweg 14.

Küferprodukte aus dem Hause Wunderle

 

Den kompletten Wirtschaftsspiegel finden Sie im Bericht auf der Website des Heimatvereins HVO.
Zum Wirtschaftsspiegel und Einwohnermeldebuch von 1937 hier klicken! 

 

Das wär’s für’s erste zu diesem Thema. Weitere Teile befinden sich in der Bearbeitung.

 

Nachtrag zu Bericht 709
 

Eine Fundgrube – Alte Adressbücher 1937 und 1949

 

Dazu erreichte mich eine Mail von unserer lieben Mitbürgerin Elinor Wintersteiner:

In der Katzenbachstraße wohnte der Puppenspieler  u n d  Fotograph Hans Lang. Es handelt sich um ein und dieselbe Person. (Er wurde zweimal aufgeführt, weil er, wohl berufsbedingt, auch zweimal im Adressbuch aufgeführt wurde). Ich war mit seinem Sohn, dessen Frau und Hans Langs zwei Töchtern, mit Namen Olga und Hermine, viele Jahre lang befreundet. Hans Lang malte viele seiner Gemälde auch in Öl. Seine Töchter schenkten mir seinerzeit ein Gemälde. Ich denke, dass es in den Oberkochener Häusern sicher noch das eine oder andere Bild von ihm gibt. Ich habe auch eine von Hans Lang gemachte Kassette. Er wurde von der Fürstin von Öttingen sehr geschätzt. Sie kümmerte sich auch um die sechs Kinder, als seine Frau starb. Die jüngsten Kinder, Zwillingsmädchen, waren damals erst zwei Jahre alt. Als Olga und Hermine noch lebten, wandte ich mich zweimal (!) an den Heimatverein – leider ohne Erfolg. Die beiden hätten sehr viel erzählen können, denn Hans Lang war zu seiner Zeit sicher ein sehr bekannter Mann in dem kleinen Ort mit einem interessanten und spannendem Lebenslauf. Es bestand aber von Seiten des Heimatvereins leider kein Interesse. Der Sohn von Hans Lang, Anton Lang, war von Beruf Malermeister, bei dem der Vater von Walter Hausmann seine Lehre absolviert hat. Der Schwiegervater von Hans hatte den Einstieg in die Wanderbühne zur Bedingung gemacht, damit er seine Tochter ehelichen durfte und so war er ständig unterwegs und auch die beiden Mädchen wurden „on Tour“ geboren.

In späteren Einwohnermeldebüchern finden wir ihn, seine beiden Töchter sowie seinen Sohn Anton mit Ehefrau Ilka wohnhaft im Enzianweg 4 in Oberkochen. Inzwischen sind alle „umgezogen“ und haben ihre letzte Ruhestätte auf dem Städtischen Friedhof.

 

Anmerkung.

Das ist schade und ich bedauere das sehr. Wer immer „der Heimatverein“ in diesem Fall war, mich hat diese Information leider nicht erreicht. Denn ich bin für meine Geschichten von solchen Berichten abhängig, habe auch ein Gespür für solche Sachen und melde mich in der Regel umgehend auf solche Angebote. Ist leider nicht wieder gutzumachen.

Ein schönes Bild von Hans Lang (Besitz Elinor Wintersteiner). Das Bild mir gefällt mir, da auch ich das malerische Gandria sehr liebgewonnen habe.

 

Wer kann denn noch etwas zur Person von Hans Lang durch Text und Bild beitragen?

 

Wilfried „Billie Wichai“ Müller, Email: wichai@t-online.de, Mobil: 0171 2217 530, Frühlingstraße 2, 73447 Oberkochen oder Postfach 1328, 73444 Oberkochen

 

 
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