Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 707
 

Unsere Feuerwehren Teil 2 – Die Freiwillige Feuerwehr

 

FFW – Die freiwillige Feuerwehr Oberkochen 1929 bis heute

 

Sepp Merz – Oberkochner Urgestein aus „em Kies“

und früherer Feuerwehrhauptmann hat auf meinen Wunsch hin einen interessanten Bericht zu diesem Thema geschrieben.

 

Intro.

Früher war durch die Holzbauweise und die Bedachung der Häuser mit Stroh bzw. Holzschindeln, vor allem aber durch die dichte Besiedlung der Städte und Gemeinden ein Brand eines der verheerendsten Unglücksfälle, die eine Gemeinschaft treffen konnte. Ich denke hier vor allem an „Schiller’s Glocke“ in der es unter anderem heißt: „…..Durch die Hände langer Kette um die Wetter fliegt der Eimer…….“ Eine Feuerwehr gab es aber damals noch nicht. Der Eimer war das wichtigste Löschgerät früherer Zeiten. Hier musste die gesamte Bevölkerung gemeinsam mithelfen um das Feuer abzuwehren. Also „Einer für alle – alle für Einen“.

Graf Eberhart im Barte (der Namensgeber des „berühmten Stammtisches in d’r Grub‘“) hat 1492 für seine Stadt Stuttgart eine erste Feuerordnung erlassen, die dann 1495 in die Landesordnung übernommen wurde. Im Jahre 1808 wurde für das Land Württemberg eine neue Feuer-Lösch-Ordnung erlassen, die für das ganze Königreich Gesetzeskraft bekam und jeden Ort verpflichtete, eine für seine Verhältnisse taugliche „Feuer-Lösch-Ordnung“ zu schaffen. Christian Hengst gründete im Jahr 1846 in Durlach ein „Pompier-Korps“, dies war also die erste richtige Feuerwehr in Deutschland.

650 Jahr Feier Oberkochen – Die historische Feuerwehr

 

Die FFW Oberkochen

wurde im Jahr 1929 von 40 Männern unter Kommandant Franz Grupp (Golda-Bauer) gegründet. Allerdings gab es schon vorher eine Pflichtfeuerwehr in unserer Gemeinde der tw. sogar bis zu 180 Männer angehörten. Bei den Übungen fehlte aber oft über 1/3 der Männer unentschuldigt. Die Disziplin war in dieser Wehr trotz großer Bemühungen der Kommandanten jedoch untragbar geworden.

Der damalige Bürgermeister Richard Frank und sein Gemeinderat beriefen, auf Anregung der Feuerwehrführung, eine außerordentliche FW-Hautversammlung ein, um den untragbaren Zustand zu ändern. Der „Golda-Bauer“ Franz Grupp leitete dann diese erste FFW 16 Jahre lang, von 1929 bis 1945, in hervorragender Weise.

In seiner Amtszeit erhielt die FFW 1935 eine Motorspritze, 1936 eine neue mechanische Leiter und 1937 neue Uniformen. Im Jahr 1937 fand dann auch in Oberkochen ein Kreisfeuerwehrtag statt. Weitere Kommandanten waren von 1945 bis 1947 Wilhelm Elmer (ein Onkel des Töpfers Kurt Elmer aus dem Kapellenweg). Von 1947 bis 1952 leitete Anton Grupp, der Vater von Dieter und Horst Grupp aus dem Wiesenweg die Wehr. Hermann Spranz übernahm das Amt von 1952 bis 1965. Er war ein unterhaltsamer und musikalischer Mensch, der verschiedene Instrumente spielen konnte und seine Männer nach den Übungen und bei Ausflügen zum Singen animierte. In guter Erinnerung sind mir heute noch die Kreisfeuerwehrtage des Kreises Heidenheim, bei denen unser Kommandant Spranz, nach dem Umzug im Festzelt, alle aktiven Sänger auf die Bühne rief und zur guten Unterhaltung zwei drei Lieder mit seinen Leuten zum Besten gab. In seine Kommandantenzeit fiel auch der Kauf unseres ersten Löschfahrzeuges, ein LF 8 Opel Blitz, das 1957 von der Firma Ziegler in Giengen beschafft wurde. Auch der Kreisfeuerwehrtag 1958 in Oberkochen wurde unter seiner Leitung abgehalten. Kommandant Spranz und sein damaliger FW-Ausschuss stellten an die Gemeindeverwaltung den Antrag zum Kauf einer Fahne. Als Anerkennung des selbstlosen Dienstes an der Gemeinschaft wurde der Feuerwehr 1963 eine Fahne geschenkt, die im Rahmen einer großen Feier, im Beisein der Bevölkerung geweiht wurde. Die Patenschaft übernahm die Werkfeuerwehr Carl Zeiss. Im Jahr 1965 wurde der bisherige Stellvertreter Hans Kolb zum neuen Kommandanten gewählt. Er war ein gradliniger und strenger Mann, dem Ordnung und Disziplin sehr am Herzen lag. In seiner Amtszeit wurde 1970 das neue Gerätehaus an der Dreißentalstraße bezogen. Hier konnte dann auch das 1969 gekaufte Tanklöschfahrzeug TLF 16 untergebracht werden. Ich selbst durfte Hans Kolb in den letzten Monaten seiner Amtszeit als stellvertretender Kommandant begleiten. Mit Peter Englerth, dem Bruder des damaligen Kreisbrandmeisters Rolf Englerth, der 1971 Kommandant der Oberkochener Wehr wurde, hielt die Moderne in unserer Feuerwehr Einzug. Ich denke vor allem an die lautlose Alarmierung der Wehr mit Funkmeldeempfänger. Die Geräte hatten allerdings mehr Ähnlichkeit mit „unpraktischen“ Kofferradios, die man in der Freizeit nahezu nicht mit sich führen konnte. Kurze Zeit später wurden kleinere handliche Alarmempfänger von „Bosch“ bzw. „Motorola“ angeschafft. Jetzt hatten wurden die Sirenen als Feuer-Melde-Einrichtung ihre wichtige Aufgabe beendet und konnten abmontiert werden.

Trainingslauf in Montur

 

Übung unter erschwerten Bedingungen und einem „Verletzten“

 

Unter Peter Englerth wurde die Ausbildung der Wehr in Punkto Übungen und Lehrgänge verbessert und erweitert. Eine groß angelegte Katastrophen-Übung in der Stadtmitte im Jahr 1972 mit den beiden örtlichen und weiteren Wehren aus dem Altkreis Aalen entwickelte wirklich katastrophen-ähnliche Züge und wurde von allen Beteiligten hervorragend gemeistert. Auch der im gleichen Jahr stattfindende Kreisfeuerwehrtag wurde von Peter Englerth und seinen Männern unter Mithilfe der Carl-Zeiss-Feuerwehr und der Stadt Oberkochen ein voller Erfolg. Es war damals der erste Kreisfeuerwehrtag des neuen Ostalbkreises, der aus den Altkreisen Aalen und Schwäbisch Gmünd entstand. Im Frühjahr 1974 wurde ich, Josef „Sepp“ Merz, zum neuen Kommandanten gewählt. Mein Vorgänger Peter Englerth wurde in Bad Friedrichshall zum Stadtbaumeister bestellt und verließ Oberkochen mit seiner Familie. Ich selbst durfte 25 Jahre Kommandant unserer Wehr sein und konnte in dieser Zeit viel bewegen. So wurde noch 1974 ein drittes modernes Einsatzfahrzeug in Dienst gestellt – einen LF8-HTS. Die Leistungsübungen in Bronze, Silber und Gold für Baden-Württemberg wurden erheblich forciert.

Anfang der 1980er Jahre wurde durch Vermittlung von Werner Prokoph, dem damaligen Kommandanten der Zeiss-Werkfeuerwehr, die Leistungsprüfungen in Bronze, Silber und Gold des österreichischen Bundeslandes Kärnten in Völkermarkt durchgeführt. Diese gemeinsame Gruppe, bestehend aus Werk- und Stadtwehr, hat in diesen 3 Jahren das Oberkochner Feuerwehrwesen ganz hervorragend vertreten. Eine weitere Gruppe der städtischen Wehr war dann in den Jahren 1991 bis 1993 in Feldkirchen (Kärnten) und zeigte sich ebenfalls in ausgezeichneter Form und konnte mit den Kärtner Wehren durchaus vorne mithalten.

Im alten Forstamtsgebäude hatten die Feuerwehr und das Rote Kreuz nur kleine Räume zur Verfügung, die für den Unterricht und die Ausbildung einfach nicht geeignet waren. Daher stellten beide Organisationen den Antrag an die Stadtverwaltung, das alte Forstamtsgebäude in Eigenarbeit umbauen zu dürfen. Dem Antrag wurde zugestimmt und unter Leitung des Stadtbauamtes, das auch die Pläne für diese notwendige Baumaßnahme erstellte, wurde 1982 nach vielen Stunden freiwilliger Arbeit ein kleines Rettungszentrum für beide beteiligten Organisationen fertiggestellt. Ende 1982 konnten Feuerwehr und Rotes Kreuz das neue Heim einweihen und beziehen. Als Zugabe, vielleicht aber auch als Dank für das große Engagement, letztendlich aber doch als Ersatzbeschaffung für ein 25 Jahre altes technisch veraltetes und ausgemustertes Fahrzeug, stellte die Stadt der Feuerwehr ein neues Löschfahrzeug LF8 zur Verfügung. Durch den vergrößerten Unterrichtsraum im 1. OG des Gerätehauses hatte man nun auch deutlich verbesserte Ausbildungsmöglichkeiten. Es war auch schon lange mein sehnlichster Wunsch, dass möglichst alle Feuerwehrmänner die Ausbildung zum Truppmann bzw. zum Truppführer auf Kreisebene absolvieren sollten. Ebenso wollte ich, dass man auch ganz spezielle Lehrgänge, die teilweise auf Kreisebene oder an der Landesfeuerwehrschule in Bruchsal angeboten werden, möglichst zahlreich besucht werden sollten. Die Schlagkraft der Feuerwehr wird dadurch erheblich verbessert.

Die Ausbildung der Atemschutz-Geräteträger setzt eine ärztliche Untersuchung voraus. Diese Lehrgänge und jene für die Maschinisten sowie die Funklehrgänge können auf Kreis- oder Landesebene besucht werden. Bestimmte Lehrgänge können nur auf Landesebene in Bruchsal absolviert werden: Im Bereich der Hilfeleistung, Ausbildung der Gruppen- und Zugführer, Kreisausbilder für Truppmann, Truppführer, Maschinisten sowie die Bereiche Funk und Atemschutz.

Nach dem Kreisfeuerwehrtag 1991 hatte ich mit Bürgermeister Harald Gentsch ein langes erfolgreiches Gespräch über die Gründung einer Jugendfeuerwehr. Er war damals „Feuer und Flamme“, wie man es treffender nicht beschreiben könnte. Er sicherte, auch seitens des Gemeinderates, volle Unterstützung zu. Zusammen mit meinem damaligen Stellvertreter Erwin Winter suchten wir dann innerhalb unserer Wehr geeignete Führungskräfte und fanden diese in Frank Oswald, Bernd Sobottka und Thorsten Lonsinger, um diese große Aufgabe zu stemmen. Aus diesem großen Reservoir unserer Jugendfeuerwehr rekrutieren sich seit nun über 25 Jahren ein großer Teil unserer Aktiven aus der FFW Oberkochen.

 

Und wie geht’s weiter?

Das alte Feuerwehrhaus ist inzwischen wieder in die Jahre gekommen und entspricht wohl nicht mehr den heutigen Anforderungen für ein leistungsfähiges Rettungszentrum. Gelegentlich war mal von einer Lösung im alten Wagenblast-Gebäude im Brunkel zu hören, aber die Angelegenheit scheint zu ruhen oder einfach durch die Komplexität entsprechen lange zu dauern.

Nachdem Sepp seine Ausführungen beendet hat, will ich nun noch einige Highlights in der Geschichte der FFW auflisten:

 

Große Brände

forderte die Wehr. Ich denke hier besonders an einige Brände im September des Jahres 1895. Schon eine bemerkenswerte Serie innerhalb weniger Tage:

Am 3. September 1895 brach ein Feuer aus, das mehrere Häuser, darunter das des Schultheißen, samt Hintergebäuden teils in Asche legte, teils schwer beschädigte. Am 21. September 1895 brannte der Zehntstadel vollständig aus. Am 23. September 1895 brannte eine Scheune des damaligen Ochsen-Wirtes Trick. Die Flammen sprangen auf den „Ochsen“ und auf das Anwesen der Witwe des Kirchen-Schmieds Maier über. Trotz massiver Unterstützung auswärtiger Wehren griff das Feuer auf die Brauerei des Ochsen-Wirtes und auf den gegenüberliegenden „Hirsch“ mit seinen Nebengebäuden. Unter Einsatz aller Kräfte gelang es ein Übergreifen auf die beiden Kirchen und das damalige kath. Schulhaus (heute Edith-Stein-Haus) zu verhindern. Details liefern die Berichte 239 und 242. Dabei starben die Feuerwehrleute Gold und Trittler, als die zur Katzenbachstraße stehende Außenwand einstürzte und die beiden Männer begrub.

Weitere große Einsätze gab es in den letzten Kriegstagen mit der Beschießung der Alliierten durch Tiefflieger und Artillerie. In meine Jugend fällt der Brand des Bauernhofes Xaver Weber in der Aalener Straße 24, der am 4. September 1962, kurz nach 18 Uhr, durch einen Blitzschlag ausgelöst wurde. Die Herausforderung bestand damals die anliegenden Gebäude und besonders die naheliegende Tankstelle vor dem Übergreifen der Flammen zu schützen. Details gibt der Bericht 516 wieder.

1974 Die Albvereinshütte am Volkmarsberg brennt im Februar nieder

 

1970 Der Leitz-Bauernhof brennt am 16. November

 

1974 Das Naturfreundehaus brennt im Oktober nieder

 

Im Jahr 1970 wurde der Leitz-Bauernhof durch mutwillige Brandstiftung zerstört. 1974 brannten das Naturfreundehaus über der Lenzhalde und die Hütte des Schwäbischen Albvereins auf dem Volkmarsberg nieder. Zu erwähnen sind noch die Feuer 1982 (Das Wohnhaus Max Wirth in der Aalener Straße) und 1983 (Autohaus Hillebrand im Kapellenweg).

1962 Feuer durch Blitzeinschlag in das Gebäude Xaver Weber in der Aalener Straße 24

 

Großereignisse

waren aber nicht nur Brandbekämpfungen sondern auch besondere Tage und Feste. Zu nennen wären die 50 und 75jährigen Jubiläen. Das 25jährige wurde wegen der Kriegszeiten 1944 nicht gefeiert – man hatte andere Sorgen. Daneben gab es die beliebten Kreisfeuerwehrtage der Jahre 1958, 1993 und 2004.

 

Übung in der Katzenbachstraße

 

Jahresübung im Bereich zwischen Bahnhof und Bäuerle

 

Die vielfältigen Aufgaben einer Feuerwehr sind heute Brandbekämpfung, Straßeneinsätze, Öl- und Chemiewehreinsätze, Bienen und Wespen muss gelegentlich beim Umzug geholfen werden, Personen- und Tierrettungen. Dazu diverse Einsätze wie Notstromversorgungen und Suchaktionen und das Ausrücken bei Fehlalarmen.

 

Gemeinschaft

ist das Zauberwort, das den „Laden“ früher zusammenhielt. Diese wurde und wird im städtischen Alltag auch gelebt. Sei es bei den Übungen, beim Feuerwehrfest auf der Heide, beim Nusszwick, mit dem Ferienprogramm, gelegentlichen Radtouren, beim Fasching, bei den div. Prüfungen zu den Leistungsabzeichen, bei Weihnachtsfeiern und Ausflügen. Ohne diesen „Kitt“ funktioniert die beste Truppe nicht. Die Männer und Frauen mit den Jugendlichen dürfen stolz auf ihre Einsätze sein, denn wir alle brauchen die Feuerwehren – besonders wenn’s ernst wird.

 

Nachwuchs

ist dringend und zwingend notwendig. Wir können uns nicht alle in eine weitestgehend individuelle digitale Scheinwelt zurückziehen und glauben, dass die Welt um uns herum weiter so funktionieren wird, wie wir es gewohnt sind. Früher wurde das Engagement bei der Feuerwehr durch eine Befreiung vom Wehrdienst belohnt. Das alles ist heute schwieriger geworden. Unsere Feuerwehren brauchen interessierte und engagierte Jugendliche, die bereit sind, sich für die Gemeinschaft zu engagieren und Arbeitgeber, die dieses Engagement unterstützen. Wir wollen ja nicht eines Tages wieder bei den Pflichtfeuerwehren landen und ob in diesem Bereich das beliebte „Outsourcing“ eine optimale Lösung sein kann – das sei einmal dahin gestellt.

 

Abschließende Bemerkung

Feuerwehren sind in unserem Leben, das immer komplexer und ständig mehr Gefahren ausgesetzt wird, unverzichtbar. Daher ist es notwendig, Menschen für diese vielfältige und interessante Aufgabe zu gewinnen. Desgleichen ist es unverzichtbar, dass Stadt und Arbeitgeber sich ihrer Verantwortung bewusst sind und die Frauen und Männer der Feuerwehr finanziell unterstützen, damit immer eine technische Aktualität gewährleistet ist, die eine optimale Arbeit gewährleistet.

In diesem Sinne noch ein paar Sprüche zum Abschluss: „Wo andere rausrennen, rennen wir rein; ohne uns wird’s brenzlig und nicht zuletzt – Feuerwehr ist viel mehr als eine Organisation, die mit Wasser vernichtet, was die Flammen verschont haben ☺.

 

In diesem Sinne mit feurigen Grüßen Wilfried „Billie Wichai“ Müller vom Sonnenberg.

Wilfried „Billie Wichai“ Müller, Email: wichai@t-online.de, Mobil: 0171 2217 530, Frühlingstraße 2, 73447 Oberkochen oder Postfach 1328, 73444 Oberkochen

 

 
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