Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 703
 

Die etwas andere Bahnhofstraße – Teil 1

 

Erklärung.

Die letzten Monate gab es keine Berichte von mir. Hennt’r sicher g’merkt ond hoffentlich vermisst. Der Billie hatte mit Umzug in eine Mietwohnung, Entrümpelung und Verkauf des Elternhauses, einer Krankheit mit Operation und anschließender Reha reichlich zu tun. Ich freue mich, dass ich mich nun wieder meiner Passion widmen kann – zu unser aller Vergnügen in der Vergangenheit herumstöbern und daraus spannende Berichte schreiben. Der Amtsblatt-Redaktion danke ich für die aufmunternden Worte während der berichtslosen Zeit. Deshalb muss jetzt auch ein großer Neustart erfolgen.

 

Vorspann.

Aufgrund der umfangreichen Recherchen werde ich auch hier einen weiteren Zweiteiler zum Besten geben. Der erste Teil wird sich mit der Bahnhofstraße und der zweite Teil mit dem Bahnhof beschäftigen.

 

Intro.

Meine beiden Lebensmittelpunkte sind Oberkochen und Zürich. Vor einiger Zeit ging ich wieder einmal durch die Bahnhofstraße in Zürich und dachte bei mir: „Schreib doch mal etwas über die Oberkochner Bahnhofstraße“. Da stellt sich die Frage: „Was hat die Bahnhofsstraße in Zürich mit der Bahnhofsstraße in Oberkochen gemeinsam? Natürlich nichts, außer den Namen. Oder gibt es doch etwas?“ Ja, es gibt Gemeinsamkeiten vieler Bahnhofstraßen, die auf die Zeiten zurückgehen, als die Bahnhöfe gebaut wurden – das war das Thema der Straßenanbindung der Bahnhöfe. Und seit neuestem hat unsere kleine Bahnhofsstraße eine Weihnachtsbeleuchtung – wie es sich für eine solche Straße geziemt.

 

Unsere Bahnhofstraße

zeigt auch heute immer noch eines – ein etwas unfertiges Gesicht. Kein reiner Industrieplatz mehr, aber auch kein zeitgerechtes modernes Gebiet, das eines Bindegliedes zwischen dem Eintritt in den Ort und seiner Hauptstraße würdig wäre. Das ist aus meiner Sicht, neben der „Neuen Mitte“, der Aalener und Heidenheimer Straße, ein weiterer Schwerpunkt zukünftiger Stadtplanungen. Doch nun zur Geschichte derselben: Vor dem Bau der Eisenbahnlinie war das der bäuerliche Zugang zu den sog. „Weidewiesen“. Mit der Schienenverlegung und der Errichtung des Bahnhofes musste eine Zugangsstraße gebaut werden und an der geplanten Einmündung in der „Langen Gasse“ stand ein Haus, dessen Abbruch zwingend erforderlich war. Es handelte sich um das Haus „Langgasse 109“, das Haus der Witwe Viktoria Staud und des Krämers und Gassenwirts Franz Staud. Die königliche Eisenbahnkommission erwarb am 30. Oktober 1863 dieses Anwesen für 3.700 Gulden. Familie Staud durfte das Material aus dem Abbruch ihres alten Hauses für den Bau eines neuen verwenden. So entstand in den Jahren 1864/65 ein Gebäudekomplex aus Haus, Scheuer und Stall, in dem später die „Bahnhofsrestauration – d‘ Schell“ eingerichtet wurde. Die Straße wurde also mit den Mitteln gebaut, die es damals gab. An Teer war noch nicht zu denken. Der erste Belag war eine einfache Einschotterung mit Mineralbeton (= Gemisch aus Kies, Splitt und Wasser). Am 13. Sep 1864 war es soweit. Die Bahnstrecke wurde feierlich eröffnet. Beim Halt in Oberkochen durften Blumenjungfrauen (was es früher so alles gab?) Erfrischungen reichen. Am 15. Sep begann der öffentliche Fahrbetrieb und die Geschichte der Postkutsche zwischen Heidenheim und Aalen war damit für immer passé. Der Ort und die Passagierzahlen entwickelten sich.

 

Geprägt wurde die Bahnhofstraße

überwiegend durch nachfolgend aufgeführte markante Gebäude: Den Bahnhof mit den div. Nebengebäuden, die Bahnhofsgaststätte, das Postamt, die Firma Bäuerle, die Industriellen-Villen von Otto und Albert Bäuerle sowie Emil Leitz und dem Anwesen Schellmann mit Kiosk „Enepetz“ und der gegenüberliegenden Bahnhofsrestauration, kurz und knapp „d‘ Schell“ genannt.

 

Im Einwohnermeldebuch 1959 sind folgende Personen aufgelistet:

Haus Nr. 1 Gleser und Tippelt / Haus Nr. 3 Reder und Wingert / Haus Nr. 3/1 Bäuerle O. / Haus Nr. 4 Schellmann und Wingert / Haus Nr. 5 Bäuerle A. / Haus Nr. 6a Eberle und Stocky / Haus Nr. 7 Leitz / Haus Nr. 9 Graser / Haus Nr. 13 Fischer / Haus Nr. 15 Sußmann / Haus Nr. 19 Bacher, Baumann, Frank, Hegelau, Hermann, Holzer, Keller, Koch, Koller, Niederle, Neunecker und Tiersch / Im Bahnhof selbst Feil, Langer, Kühn und Rothe.

Blick in die neue Bahnhofstraße (Archiv Müller)

 

Das Entree in die Bahnhofstraße

bildeten somit zwei Häuser. Zum einen das Haus Xaver / Paul Oppold (Schmied) in dem, über einen Seiteneingang erreichbar, der Zahnarzt Riede seine Praxis hatte. Später zog dann die Drogerie Irion im EG ein (später Heller). Für uns 14jährige Buben gab es dort eine Mutprobe zu bestehen: Wer traut sich da hineinzugehen und mit fester Stimme ein Päckchen „Pariser“ zu verlangen? Am anderen Eck stand das Haus „Schmid-Jörgle“. Über den hinteren Eingang war eine Lottostelle zu erreichen, die zeitweise von Frau Painczyk betrieben wurde. Vorne war der „Konsum“ untergebracht. In diesem Haus hatte auch die Württembergische Bank (mit Herrn Heidenreich) sowie die Spar- und Darlehenskasse (mit Heiner Grupp) ihre Heimat. Heiner Grupp verwaltete auch die Milchgelder vom Milchhäusle für die Bauern.

Beginn der Bahnhofstraße mit der damaligen Rathaus-Drogerie auf der linken Seite (Archiv Müller)

 

Beginn der Bahnhofstraße mit dem Haus „Schmid-Jörgle“ vor dem Abriss (heute KSK) auf der rechten Seite (Archiv Müller)

 

1909 Bahnhofsrestauration mit dem Schriftzug „Eugen Winter“ (Archiv Müller)

 

D‘ Schell oder die Bahnhofsrestauration.

Dieses Gasthaus prägte das örtliche Gesellschaftsleben von 1866 bis 1961 und war sehr stark mit der Familie Schellmann verbunden. Ob Hochzeiten, Geburtstage, politische Veranstaltungen, Tanzveranstaltungen, Ausstellungen der örtlichen Firmen, kurz alles was man sich vorstellen kann, fand in „d‘r Schell“ statt. Zu erwähnen bleibt noch, dass, in dem an gleicher Stelle errichteten Geschäftsgebäude, „Kaiser’s Tengelmann“ einen Supermarkt betrieb. Bevor das Haus in ein Wohn- und Geschäftshaus umgebaut wurde, war auch Siegried Gremerath mit seinem Bürosysteme-Haus hier zuhause. Heute befinden sich Wohnungen und die Beier GmbH im Haus. In einem späteren Bericht über unsere Gasthäuser werde ich näher auf dieses Haus und seine Eigentümer eingehen. Die Nachfahren des ersten Schell-Wirtes Anton Schellmann wohnten bis 2015 im Haus gegenüber, über das nun Susanne Henco, eine Tochter von Apollonia Schellmann und Bruno Wingert, erzählt.

 

Erinnerungen von Susanne Henco, geb. Wingert.

Ich bin die Ur-Enkelin des alten Schellmanns, der sein Haus vermutlich 1904 / 1905 erbaut hat. Dort wurde so viel Beton verbaut, dass das Haus vermutlich bis in alle Ewigkeit stehen würde, außer man risse es wegen eines Neubaus ab. Mein Opa hat dann noch ein paar Veränderungen vorgenommen, ansonsten steht das Haus immer noch so da wie vor über 100 Jahren. Auf dem weitläufigen Grundstück gab es früher einen großen Gemüsegarten, viele Zwetschgenbäume, Gänse und Hühner sowie mehrere Hütten. Dazu eine kleine Episode, die in der Familie immer erzählt wurde: In den letzten Kriegstagen April 1945 wurde Wurst und Fleisch vergraben, damit diese nicht den in Kürze einmarschierenden Amis in die Hände fielen. Aber das Schicksal hatte etwas anderes vor. Eine der Artilleriegranaten, die kurz vor dem Einmarsch auf Oberkochen niedergingen, zerstörte dieses Lager. Was für ein Pech. Zu „meiner Zeit“, die bis 1977 dauerte (meine Eltern zogen damals in das Haus Eichendorffweg 5) wohnten im Haus Oma und Opa, Anton (der Bruder von Loni) sowie meine Eltern (Bruno und Apollonia Wingert geb. Schellmann sowie ich (1962), meine Geschwister Michael (1968), Anita (1958) und Doris (1963). Bevor ich es vergesse, das Haus beherbergte noch ein besonderes Lebewesen – einen Spitz namens Mäxle, der seiner Rasse alle Ehre machte und mitunter einige der vorbeieilenden Zeissianer „anknabberte“ – gottseidank war man gut versichert.

Holz wird g’macht bevor d’r Winter kommt; von li. n. re.: Apollonia Schellmann, Marlene Bliem, geb. Wickom, Andrea Wanner, Anton Schellmann, Anita Wingert (Archiv Henco)

 

Das Anwesen war ein bäuerlicher Betrieb, der die Viehwirtschaft recht bald aufgab (1961), aber die Landwirtschaft auf den Feldern bis möglicherweise in die 70er hinein betrieb. Auf der einen Seite war der Bauernhof für uns Kinder ein riesengroßer Spielplatz, auf dem wir uns mit wenigen Mitteln kreativ austoben und unseren Geschäftssinn trainieren konnten. Sobald die Zwetschgen reif waren bastelten wir aus Zeitungspapier Tüten, portionierten die Zwetschgen und verkauften sie auf der Straße an die vorübereilenden Zeissianer. Den Erlös setzen wir im Kiosk „Enepetz“ (Wilhelmine Enepetz, geb. 24.01.1900 / gest. 27.12.1963) oder im Süßigkeitenladen im Haus „Schmid-Jörgle“ (später befand sich dort eine kleine Bank) sofort in Süßigkeiten um und so lernten wir schon früh wie der Wirtschaftskreislauf funktioniert. Nachbarschaftskinder waren u.a. die Bebel-Kinder Friedbert und Josef („Seppl“ genannt), der Nachwuchs vom Bauern Weber „Kohlaseff“, Anita Schoch, die Schimmel-Kinder Petra, Sabine, Sonja, Susanne, Hans und Uwe. Spielplätze waren für uns die Straße, der Garten, der Kocher, die Treppen vom Schmid-Jörgle zum Kocher hin und die Wiese hinter der heutigen Stadt-Bibliothek (dort stand auch die berühmte Weber‘sche Schiffschaukel). Frau Weber holte uns Kinder ab und zu ins Haus wenn es Zopf gab. Überhaupt war es in jener Zeit in Oberkochen überall üblich, dass die Kinder oft bei den Nachbarn etwas abbekommen haben (sei es ein Saft, Obst, Kuchen oder auch mal ein Vesper). Natürlich schwänzten wir ab einem bestimmten Alter den Kirchgang. Wir trieben uns da unterhalb der Kirche herum, informierten uns dann aber kurz über den Inhalt der Predigt, damit wir auch glaubwürdig zu Hause berichten konnten. Zur Winterszeit frönten wir dem Skifahren unterhalb der heutigen Josef-Kapelle. Zu Oma und Opa hatte ich schon eine besondere Beziehung. Ich liebte es auch am täglichen Veschber (eine Vesper ist etwas ganz anderes ☺) bei den beiden am Tisch zu sitzen und an einem Kanten Brot zu kauen und Opas warmes! (vermutlich g’staucht – womöglich mit einem Tauchsieder?) Bier zu probieren. Das hatte schon was.

Susanne Henco’s Oma und Opa Schellmann (Archiv Wingert)

 

Hoher Besuch beim alten Schellmann – Gustav Bosch und NN (Archiv Wingert)

 

Das Leben auf dem Bauernhof war schon immer sehr rustikal. Oma schlug dem Huhn schon mal den Kopf auf dem Hackstotzen ab, zupfte, kochte und ruckzuck lag das Federvieh, zum Erstaunen der Kinder, verzehrbereit auf dem Teller – nach dem Motto „Frisch auf den Tisch“. Wir Kinder durften bei der Kartoffelernte auf den Feldern, Richtung Königsbronn gelegen, mithelfen. Die Herbstferien hießen denn früher auch Kartoffelferien und dienten nicht der Erholung vom Schulstress sondern der Arbeit auf den Feldern. Den Begriff Kinderarbeit gab es auf dem Dorf sowieso nicht. Mein Mutter Apollonia, hatte, wie manch andere Bauersfrau, auch den Traktorführerschein. Nur hin und wieder geriet sie durch die Tücken des Fahrens in Nöten und es musste ihr geholfen werden. Rundherum würde ich das als eine gelungene und schöne Kindheit bezeichnen, die so heute nicht mehr gelebt wird. Wenn mich jemand fragen würde, nach was meine Kindheit schmecken würde – ich würde vermutlich antworten: Nach einem warmen Opa-Bier.

 

Die Bäuerle-Villen.

1954 erwarb Albert Bäuerle das Haus mit der Nr. 5 und baute es zu einem Wohnhaus um.

Firma Bäuerle mit LKWs – heute Spedition Maier (Archiv Müller)

 

Die Bäuerle-Fabrik.

Dazu wird es im Jahr 2020 einen separaten Bericht innerhalb einer kleinen Reihe über die alten Firmen geben.

 

Albert Holz hat zu Emil Leitz einiges zu erzählen.

Emil Leitz, der jüngste der Albert Leitz-Söhne (die beiden anderen hießen Albert und Fritz) wurde am 6. Feb 1888 geboren. Auf die Realschule in Aalen schlossen sich eine Lehrzeit in Stuttgart und die Militärzeit, von 1907 bis 1908, bei der Fußartillerie Ulm an. Danach ging es zu Handelsunternehmen nach Genf und Turin. Später war er leitender Angestellter in einer Bielefelder Firma. 1913 verheiratete er sich mit. 1921 erfolgte der Umzug zurück nach Oberkochen. Dort wurde das eigene Heim im „Hirschgarten“ an der Bahnhofstraße 5 erstellt, in dem auch die ersten Geschäftsräume untergebracht waren. Anfang der 30er Jahre zog die Familie in die neu erbaute Villa mit der Nr. 7. Das Gebäude Nr. 5 wurde weiterhin für die Firma genutzt und die Wohnungen im 1. und 2. OG wurden von Dr. Sußmann (Wohnung und Praxis) und von Dr. Roske (Direktor bei Fritz Leitz) genutzt. Emil Leitz zog 1954 in die Geschäftsräume auf dem Grundstück Nr. 7/1 um. 1960 wurde die Firma in eine GmbH umgewandelt, zog an den Ölweiher in die Gebäude der Gebr. Leitz GmbH und so begann der Direktvertrieb von Leitz. Als frühere Mitarbeiter an der Bahnhofstraße seien hier beispielhaft aufgeführt: Albert Holz, Claus-Dieter Weick, Ludwig Wunderle (im Krieg gefallen), Willibald Gold (Außendienst), Max Wirth, Richard Kopp, Felix Breitweg, Engelbert Balle, Klara Fischer und Manfred Müller. Danach erfolgte der Umzug der Firma in den Ölweiher auf den Campus der Fa. Gebr. Leitz. Das Geschäftsmodell änderte sich, denn nun wurden ausschließlich Leitz-Werkzeuge vertrieben. Emil Leitz (gest. 1967) hatte mit seiner Frau Hubertine (gest. 1951) zwei Kinder – Albert (geb. 1914 gest. 1831) und Doris (geb. 1921 gest. 1997).

1957 Das Postamt, Bahnhofswirtschaft mit Kiosk und Bahnhof

 

Das alte Postamt.

1855 wurden die Zustellgebiete einschl. Kreuzmühle, Schlackenwäsche, Öl- und Schleifmühle sowie Ziegelhütte von Königsbronn aus beliefert. 1860 reichte es den Oberkochnern. Die geballte VIP-Macht aus Pfarrer, Revierförster, Schultheiß, Schullehrer, Hirsch-Wirt und Ochsen-Wirt stellten den Antrag auf eine eigene Postablage für den Ort. Der erste Verantwortliche für diese sog. Postablage ab 1862 war der Bürgermeister Michael Wingert. Ab 1892 durfte sie sich Agentur nennen, für die nun der Landpostbote Briefträger Widmann angestellt war. Sein Lohn betrug als Bote 60 Mark jährlich und als Briefträger 168 Mark jährlich. 1908 wird die Trennung von Post und Bahn in Oberkochen genehmigt. Neuer Postagent, für eine jährliche Entlohnung von 850 Mark, wird nun der Konditor Hermann Speth in der Hauptstraße. Die alte Postagentur hatte 1923 einen so starken Postverkehr zu bewältigen, dass ein Neubau geplant und gebaut werden musste. 1927 erwarb die Oberpostdirektion Stuttgart das Grundstück von der Reichsbahn für 3 Mark je qm. 1939 wird die Agentur ein Zweigpostamt unter Leitung von Ernst Siegel. 1953 übernimmt Erwin Graser die Leitung, gefolgt von 1975 durch Erich Erhardt. 1991 erfolgt ein Umbau der Schalteranlage. Als die Post Teile ihrer Dienstleistungen einstellt, übernimmt die Fa. Nähmaschinen-Steckbauer die erste Agentur in Oberkochen. Ab Oktober 2015 findet die Postagentur beim City-Schneider Levent Calis ihr neues zuhause.

 

Reinhard Hergesell erzählt von früher.

Nach dem Krieg 1945 wurden sog. 12-Ender (Zeitsoldaten mit mindestens 12 Dienstjahren) und 131er (Berufssoldaten) als Beamte, nach einer vorausgegangenen Prüfung, in den Staatsdienst übernommen und so bekam auch das Postamt Oberkochen sein erstes Personal: Ernst Klenk, Wilhelm Hergesell und Robert Michalik.

 

Telefonieren.

Dafür gab es die gelben Telefonzellen. Sie standen ehemals „am Postamt“ am „Hirsch“, beim „Grieser“, beim „Gruppen-Heiner“, in der „Brunnenhalde“ und vielleicht im Bereich der Adalbert-Stifter-Straße sowie eine Kabine im Eingangsbereich zum Postamt. Telefonate mussten angemeldet werden. Dazu waren vom Kunden 5 DM als Pfand hinterlegt werden. Damit wurde sichergestellt, dass der Kunde nicht ohne Bezahlung, nach dem Telefonat in der Kabine im Eingangsbereich, das Weite suchte. Es gab damals nur 2 Telefonleitungen in die Ostzone, für die aber eine Anmeldung beim Postamt notwendig war. Die Gesprächsverbindung wurde dann über eine der beiden Vermittlungsstellen via den Postschalter in die örtliche Telefonkabine vermittelt.

1954 Postamt Schalterraum (Archiv Rathaus)

 

Das Postamt

hatte 4 Schalter: Einen für Pakete, einen für Ein- und Auszahlungen sowie Fernmeldedienste, einen für Briefe usw. sowie einen für die Rentenauszahlungen. Die monatliche Rente musste persönlich gegen Vorlage des Ausweises abgeholt werden. Dabei gab es regelmäßig lange Warteschlangen, die manchmal bis zum Bäuerle reichten, und von der Polizei überwacht werden mussten. In der Vorweihnachtszeit wurden Berge von Paketen in die Ostzone geschickt, mit den üblichen Inhalten wie Kaffee, Schokolade, usw. usf. Da lief etwas in den örtlichen Lebensmittelgeschäften. Die Sendungen mussten den Hinweis enthalten: „Geschenksendung, keine Handelsware.“ Wurde das nicht eingehalten, gingen die Sendungen über das Zollamt.

Normale Oberkochner Dienstleistung – Pakete nach der Zone

 

1960 Amtliche Bekanntmachung zur Rentenzahlung

 

Ausbildung des Postjungboten Reinhard Hergesell.

Geboren wurde der junge Mann 1942. Lehrer Menzl fragte in der Abschlussklasse: „Hat jeder eine Lehrstelle?“ Es kamen Antworten wie: „Bäuerle, Wigo, Leitz, Zeiss usw.“ und Reinhard sagt: „Ja, bei der Post“. Da scholl es aus den Mündern seiner Klassenkameraden „Wer nix isch und wer nix koa, gatt zur Poscht ond Eiseboa“. Das musste man schon aushalten können. (Zum Thema Kneipier gab es auch so etwas: „Wer nichts wird wird Wirt, und wer das nicht wird, wird Bahnhofswirt..... und wer das verpasst, bleibt ewig Gast!“). 1956 bewarben sich 32 Schüler in Aalen und nur 5 wurden genommen. Eine Prüfungsfrage u.v.a. lautete: „Wo liegt Saloniki?“ das wusste der Reinhard selbstredend (der weiß auch heut‘ noch viel). Seine Lehrzeit verbrachte er 1956 bis 1959 beim Postamt Aalen (wurde aber wegen der stark anwachsenden Einwohnerzahl zur „praktischen Bewährung“ nach Oberkochen abgeordnet. Man nannte das im Postler-Jargon „Fronterfahrung“). Ausbildungsgebiete waren damals: Geographie, Zeitungsdienst (vor Ort waren das Foto-Kristen und die Antonia Minder), Rundfunkdienst (monatliches Kassieren von 2 DM durch den Briefträger an der Tür), Sparkassendienst, Briefein- und -ausgang, Fernmeldedienst, Postgebührenberechnung sowie amtlicher Schriftverkehr. Bei der Abschlussprüfung lautete eine Aufgabe: „Ein Briefzusteller wurde von einem Hund gebissen. Führen Sie den amtlichen Schriftverkehr“.

 

Paketzustellung

war in Oberkochen Schwerstarbeit. In unserer Gemeinde gab es zwei Nebenerwerbsdienste, die extrem häufig vorkamen. Zum einen die „Flaschenbierhandlungen“ und zum anderen die „Sammelbesteller“ (siehe EW-Meldebuch z.B. Irmgard Schimmel). Es gab eine Vielzahl an Paketen von Quelle, Neckermann, Bauer u.a.m. Von Frau Berta Wingert (vom Härtsfeld wohnhaft im „Ochsen“) musste diese mit einem sackkarren-ähnlichen Gerät ausgefahren werden – das war damals schon Schwerstarbeit. Da musste erst der damalige Zeiss-Betriebsrat bei der Post einfordern, dass in Oberkochen ein Auto für diese Arbeit notwendig sei. Dem eigenen Personal hat die vorgesetzte Behörde eh nicht geglaubt und nun begann die Ära der motorisierten Paketzustellung mit einem alten, gelb lackierten, Wehrmachts-LKW. Ohne Servolenkung und mit einer riesigen Knüppelschaltung und einem Verbrauch von 20 Ltr. auf 100 km musste das Ungetüm durch die teils engen Straßen unserer Gemeinde chauffiert werden. Auch wurde das Postamt mitunter von köstlichen gerösteten Aromen durchzogen. Das geschah immer dann, wenn „Tchibo“-Lieferungen nicht ausgeliefert werden konnten, da ja die meisten Empfänger tagsüber arbeiteten. Bis zu 7 Werkstagen wurde das Paket dann zurückgelegt. Besonders bekannt wurden in der Wirtschaftswunderzeit die Versandhandels-Unternehmen Otto (gegr. 1949 Hamburg), Quelle (gegr. 1927 Fürth, war der Gigant unter den Versandhäusern), Neckermann (gegr. 1950 Frankfurt am Main), Bader (gegr. 1929 Pforzheim) und Heine (gegr. 1951 Karlsruhe, 1976 Übernahme durch Otto-Versand), Wenz (gegr. 1926), Klingel (gegr. 1920 Pforzheim), Baur (gegr. 1925 Burgkunstadt), Schöpflin (gegr. 1948 Lörrach) und Schwab (gegr. 1954 Hanau). (Quelle: Internet Andrejo). Dienstschluss war (Mo bis Fr) immer um 18 Uhr und da wurde der jüngste immer eine Minute vor 18 Uhr zum Abschließen losgeschickt, egal ob da noch Leute rein wollten oder nicht.

 

Für die Verteilung der Briefe

musste man die Bahnverbindungen kennen, denn Briefe wurde damals noch per Bahn transportiert. An jedem Zug hing noch ein Wagen für die Postsendungen. Die Strecke Crailsheim-Ulm wurde von Oberkochen aus verteilt, alles andere ab Aalen. Der letzte Postzug ab Aalen Richtung Stuttgart ging gegen 22:30 Uhr. Nachts flogen die Postflieger sternförmig nach Frankfurt um von dort wieder verteilt zu werden. Morgens gegen 3 Uhr gingen die Flieger in Frankfurt wieder in die gleiche Richtung ab. Ab Stuttgart wurde die Post wieder nach Aalen verschickt, von dort nach Oberkochen, wo die Verteilung über die Bezirke in die Haushalte organisiert wurde.

 

Briefträger und Paketboten

mussten auch Nachnahme kassieren sowie Rundfunkgebühren und Zeitungsgeld einziehen. Sie hatten daher mitunter nicht wenig Geld bei sich. Auch größere Auszahlungen waren an der Tagesordnung wie z.B. Postanweisungen und Lottogewinne sowie das Einziehen von Rundfunkgebühren, Zeitungsgeld und Nachnahmen. Da musste man sich schon überlegen ob man die „kurzen“ Einladungen, speziell in der Adventszeit, annahm. Denn man trug Uniform und musste schon schauen, dass man nicht derangiert oder schwankend daher kam – kurz gesagt: Man musste teilweise schon gut im Nehmen sein ☺.

 

Der Fortschritt.

Ende der 50er Jahre bekam das Postamt ein Motorrad für die Eilboten- und Telegrammzustellung. Dieser Dienst der Zustellung dauerte bis 19:30 Uhr und musste früher mit dem Fahrrad durchgeführt werden. In Oberkochen durchaus eine Herausforderung. Oft enthielten Telegramme aus Ostdeutschland eine Todesnachricht mit Beerdigungstermin. Daher diente dieses Telegramm dann auch als eine Art Visa, um über Probstzella in die Ostzone wegen eines Trauerfalles einreisen zu dürfen. Zur selben Zeit wurde auch eine Schreibmaschine angeschafft, deren Bedienung manchem Beamten schwer zu schaffen machte und die Selbstversuche mitunter verbal kräftig begleitet wurden.

 

Postalisch unzustellbar.

So war die einvernehmliche Meinung aller Beteiligten auf dem Postamt Oberkochen zu einer im Briefkasten vorgefundenen Briefsendung mit der Anschrift: „Mister XY...US Army – Volkmarsberg Oberkochen“. Warum diese Einordnung? Ganz einfach. Postsendungen an „Türme und Skihütten“ sind von der Zustellpflicht ausgenommen. Der Volkmarsberg gehört nicht zum Ortszustellbereich und das wichtigste überhaupt: Der Turm war „OFF LIMITS“, also militärischer Sicherheitsbereich! Was war zu tun? Der Brief hatte keine Absenderangaben und konnte daher nicht an den Absender zurückgegeben werden. Da hatte einer die Idee, die Army auf dem Turm anzurufen. Die Idee war einleuchtend und klang ganz gut – nur die Nummer stand in keinem öffentlichen Telefonbuch, denn die Army hatte ihr eigenes Fernmeldenetz. Ein Kollege vom Fernmeldeamt Aalen besorgte uns nach gutem Zureden die Nummer. Als wir uns im besten Schulenglisch meldeten (unserem alten Lehrer Menzl sei Dank) meldeten wir uns und wurden gleich im ebenfalls besten Deutsch unterbrochen ;wir können deutsch reden“. Also schilderten wir die Sachlage, er lachte und sagte, er komme gleich zum Postoffice. Cirka 20 Minuten später fuhr ein Jeep vor, parkte im heutigen Biergarten der Bahnhofsgaststätte und kam, da die Schalter schon geschlossen waren, zu uns in den Betriebsraum. Nach seiner Legitimation (Name auf der Uniformjacke) händigten wir ihm den Brief aus. Er lächelte, setzte sich auf einen Stapel Postsäcke und begann zu lesen. Beiläufig fragte er, ob wir ein Bier für ihn hätten, denn er möchte in Uniform nicht in eine Gaststätte gehen. Wir spendierten ihm eine Flasche und kamen dadurch ins Gespräch. Seine deutschen Großeltern sind in die USA ausgewandert und da er bei ihnen aufgewachsen war, beherrsche er die deutsche Sprache. Als er sich verabschiedete, gaben wir ihm noch den Tipp, den künftigen Briefverkehr doch mit einem Kennwort z.B. „Volkmarsberg postlagernd Postamt Oberkochen“ zu schicken. Was er und der Absender dann auch zukünftig taten. So entwickelte sich ein reger Schriftverkehr bis eines Tages im Amtsblatt „Bürger und Gemeinde“ unter der Rubrik „Lebewohl sagten der Gemeinde“ zu lesen war: „Name YX nach Stadt XY USA verzogen“. Im Jahr 1964 ist Reinhard Hergesell zu Carl Zeiss gewechselt und hat dort u.a. in der dortige Poststelle gearbeitet.

 

Christoph Stumpf (Aushilfsbriefträger in den Sommerferien) erzählt.

Wenn wir heute an die Post zurückdenken, fällt uns allen zuerst der Name Klenk ein. Ein großer gewichtiger und wichtiger Mann. Das hat er uns alle, die sich bei ihm anstellen mussten, spüren lassen. Sein Arbeitswahlspruch hieß: Scheeeh schaffe, sauber schaffe, scheeeh ond sauber schaffe. Dazu eine kleine Episode: Einmal war die Summe von 2 DM verschwunden und nicht wieder aufzufinden. Schwund ist überall, wie schon ein altes Sprichwort sagt, aber nicht auf der Post – geht gar nicht. Also lautet die Klenk’sche Lösung (nach o.g. Wahlspruch): „Des wird oabends woanders wegb’schissa.“ – das war doch scheeeh ond sauber ☺. Der Paketfahrer Paldinz(s) war ein freundlicher, bei der Bevölkerung gern gesehener und beliebter Zeitgenosse (ein Schnäpsle in Ehren kann niemand verwehren, besonders zu Weihnachten). Er kam oft einfach ins Haus gelaufen ohne zu klingeln, wie das damals nicht unüblich war. LKW fahren war da noch richtig Arbeit, mit Knüppelschaltung und ohne Servolenkung durch die tw. engen Straßen steuern. Das Postgebäude selbst wurde durch die Kundenabfertigungshalle dominiert. Nach meiner Erinnerung gab es 4 Schalter und eine Telefonkabine, in die angemeldete Fern- und Auslandsgespräche vermittelt wurden. Dieser Raum wurde in Jahren zwischen 1952 und 1954 eingerichtet. Die Schlangen wurden besonders in der Weihnachtszeit lang und länger und den Wartenden bang und bänger, bis sie das Paket an Herr Klenk zur Bearbeitung durchreichten. Und wehe, die Paketkarte war nicht richtig ausgefüllt……. Überhaupt ein Papierkrieg ohne Ende…… und dann noch die Briefmarkensammler mit ihren Sonderwünschen wie Sondermarken. Sonderstempel, Tagesstempel, Vollstempel, Halbstempel, Ersttagsbriefe…… Das Briefverteilzentrum befand sich im Keller. Es gab 6 Bezirke innerhalb deren nach Straßennamen sortiert wurde. Die Briefe wurden gebündelt in die Austragetasche gepackt und los ging es. Der Renner, aber total unbeliebt, weil so schwer und zahlreich, waren die Kataloge von Quelle, Bauer, Neckermann, Otto, Schwab usw. (Der letzte Katalog der Fa. Otto wurde im Herbst 2018 gedruckt) Und da wurde es sehr genau genommen, denn unter 500 gr. war der Briefträger und über 500 gr. der Paketfahrer zuständig. Da war jedes Gramm wichtig! Dann gab es noch den Robert Michalik, der etwas geschmeidiger als der Klenk war und den Wilhelm Hergesell. Als der sein erstes Auto kaufte, war das schon etwas Besonderes. Eine stündliche Kontrolle war vonnöten, um zu sehen, ob es immer noch unversehrt da stand. Und hatte ein Vogel sein Auto markiert, wurde der Vogelschiss sofort entfernt.

 

Menschenaufläufe und Umzüge

hat diese Straße auch reichlich gesehen. So ging es in den 50ern und 60ern des letzten Jhrdts. auf der Straße richtig rund – und zwar morgens und abends. Am Bahnhof setzen sich Menschenmassen Richtung Zeiss und der anderen Firmen in Bewegung, die jeglichen Autoverkehr zum Erliegen brachten. Wie ein menschlicher Tsunami ergoss sich morgens ein Menschenstrom durch die Straße, die sich danach bis zum Abend erholen konnte, um dann das Ganze nochmals, aber in die andere Richtung, zu erleben. Wer das je, in echt oder im Film gesehen hat, wird das nie mehr vergessen. 1952 wurden Delegationen zum Bezirksmusikfest am Bahnhof abgeholt und zum Festgelände geleitet. 1953 zog der Verband der Kriegsheimkehrer vom Bahnhof zum Schulhof.

1953 Anzeige einer Veranstaltung des Verbandes der Heimkehrer (Amtsblatt)

 

Später wurde die Straße als Wendepunkt beim Kinderfestumzug benutzt, damit sich die Kinder auch selbst sehen konnten. 1958 holte die Musikkapelle Paul Fischer am Bahnhof ab, um ihn mit „Blech und Tschingderassabum“ zu seiner Primiz zu geleiten.

1958 Ostersonntag – Die Musikkapelle holt Paul Fischer am Bahnhof ab (Archiv Pfarramt)

 

(Fortsetzung folgt in Kürze) Bis dahin grüßt wie immer „Der Billie vom Sonnenberg – wohnhaft in der Frühlingstraße, dieses Mal mit einem Pfeifsignal.

Wilfried „Billie Wichai“ Müller, Email: wichai@t-online.de, Mobil: 0171 2217 530, Frühlingstraße 2, 73447 Oberkochen oder Postfach 1328, 73444 Oberkochen

 

 
Übersicht

[Home]