Auf'm Gaul zum Frühschoppen
Die Scheerers, Mühlenbesitzer zur Unteren Mühle in Oberkochen, durfte man über drei Generationen hinweg zum alten „Ortsadel“ rechnen. Gemerkt hat das kaum einer, aber gewußt haben’s alle. Es war ja nicht nur die Mühle, sondern auch der kräftige Grundbesitz und die Landwirtschaft, die die Müller reich gemacht hatte. In der letzten Generation hat das allerdings etwas nachgelassen – unter anderem, heißt es, weil man zuviel „prozessiert“ habe. Im Gegensatz zum letzten Scheerer, dem Hans Scheerer (gest. 1990) war dessen Vater Kaspar Scheerer noch etwas wie ein kleiner ungekrönter Ortskönig.
Das bestätigt die Geschichte, die mir jüngst zugetragen wurde:
Kaspar Scheerer gehörte noch zu den „Berittenen“. Er hatte,
bedingt durch eine Kriegsverletzung, Probleme mit einem seiner beiden Füße -
Beine auf Hochdeutsch.
Dennoch ließ er das Reiten nicht sein. Täglich sah man ihn hoch
zu Roß mitten durch den Ort zum Frühschoppen in die „Grube“ reiten. Seinen Gaul
bestieg er aufgrund des kaputten Fußes auf sehr außergewöhnliche Weise:
Er holte den Gaul aus dem Wirtschaftsgebäude von gegenüber der
Mühle und führte ihn unten in den ebenerdigen Mahlraum der Mühle. Dort band er
ihn neben seinem Getreide-und-Mehl-„Aufzug“, in welchem gelegentlich auch Kinder
durch die Mühlgeschosse reisen durften - eine abenteuerliche Konstruktion, die
noch heute bewundert werden kann. Allerdings darf dieses Aufzugswunder auf
Befehl des TÜVs, heute nicht mehr betrieben werden.
Alsdann bestieg er seinen Aufzug und beförderte sich vermittelst
desselben in die zum auf den-Gaul-steigen geeignete Höhe, rutschte dann auf
seines Pferdes Rücken und ritt zur Mühle raus, das Mühlbergele rauf und mitten
durch den Ort zum Frühschoppen in die „Grube“.
Dort angekommen dirigierte er sein Pferd so weit an die Stufen hinan, die zum Eingang zur „Grube“ führen, dass er, wenn auch nicht so bequem wie den Aufstieg, auch den Abstieg vom Pferd schaffte. Sodann band der sein Pferd an einen der großen in der Hauswand der „Grube“ eingemauerten Metallringe und ging zum Frühschoppen, während sein Pferd draußen etwas Hafer geboten bekam.
Der Rückweg zur Mühle funktionierte genau gleich, nur in umgekehrter Richtung.